Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 57

Der Bildhauer des Dialogs

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Im Zentrum der Kunstwerke von Jochen Gerz steht immer das Gespräch

Die meisten Projekte von Jochen Gerz, 66, setzen das um, was Joseph Beuys eine "soziale Plastik" nannte. Ihre Bedeutung entwickeln die Arbeiten nicht als Skulptur, sondern durch den kommunikativen Prozess, der sie begleitet. Nach ersten Installationen und Performances in den siebziger Jahren wurde das Gerzsche Arbeitsprinzip mit dem "Mahnmal gegen Faschismus" in Hamburg-Harburg (1986/93) endgültig berühmt. Eine Stahlstele lud Bürger ein, ihren Namen als Akt der Wachsamkeit einzuritzen. Die vollgeschriebenen Abschnitte wurden peu a peu versenkt, bis das Mahnmal verschwunden war. Spätere Werke folgten der Idee, Aussagen von Bürgern zu sammeln, die Gerz dann in eine Gedenkskulptur integriert, so beim "Monument Vivant" 1995/96 in Biron, bei seinem Entwurf für das Holocaust-Mahnmal in Berlin 1997/98, der Bremer Befragung (1990/95) oder seinen Bespielungen von Werbetafeln. Voraus geht den Projekten stets eine lange Phase mit Interviews, die Gerz - abhängig vom Projekt - mit Bewohnern, Obdachlosen, Künstlern, Gläubigen, Politikern oder Richtern führt. So wurden beim Karlsruher Projekt "Platz der Grundrechte" (2002/05) Äußerungen von Juristen zum gesellschaftlichen Beitrag des Rechts denen von Strafgefangenen gegenüber gestellt. Für sein Projekt "Tausch der Tabus" (Duisburg, 2006) befragte er Mitglieder verschiedener Religionen nach dem Kern ihres Glaubens und stellte die Aussagen in anderen Gotteshäusern aus. Zuletzt publizierte Gerz seine Projekte häufig auf Lokalzeitungsseiten oder im Internet. Seine letzte große Museumsausstellung "Anthologie der Kunst" in Berlin, Karlsruhe und Bonn (2004/06) sammelte Vorschläge von Künstlern und Kuratoren zur Zukunft der Kunst.

Literatur: Jochen Gerz: Res Publica - Das öffentliche Werk, 1968-1999, Hatje Cantz Verlag, 1999; Jochen Gerz: Anthologie der Kunst, DuMont Verlag, 2004. Internet: www.gerz.fr

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Bild: Verschiedene Perspektiven auf das Recht: "Platz der Grundrechte" Karlsruhe (2005)