Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 42-49
Verstrickt ins eigene Leben
Von Markus Clauer
Kunst wie ewig kreisendes Selbstgespräch: Birgit Brenner zeigt in ihren Installationen das Seelenleben der Frauen als komisches Trauerspiel, aus dem es kein Entrinnen gibt
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Keine Angst, im wirklichen Leben lacht Birgit Brenner gerne und witzelt. Sie ist sexy angezogen. Sie schaut Liebesfilme mit Vorfreude auf das Happy End. In ihrer Kunst kommt so etwas nie vor. Da ist man depressiv, trägt Slips, auf denen "Dienstag" steht, und stirbt vor der Zeit - wenn es gut läuft. Das Atelier der 41-Jährigen liegt im derzeit bekanntesten sozialen Brennpunkt von Berlin, in Neukölln. Man hat einen verrotteten Spielplatz im Blick, auf dem sich schon mal das Scheitern im Leben einüben lässt. Das passt zu einer Künstlerin, die es wie Birgit Brenner mit den traurigen Seelen hat, jemand der Fotografien ausstellt von Autos, auf deren angelaufener Scheibe von innen geschrieben steht "Scheiß auf eure Angst". So einer begegnet man schon mit einem mulmigen Gefühl.
Denn in Birgit Brenners Kunst geht es um Menschen, die ernsthafte Probleme mit sich und der Welt haben - und "zu viele graue Sonntage" im Kopf. Brenner strickt ihren ausgedachten Protagonisten Pullover mit Augenschlitz, die diese vor der "Angst vor Gesichtsröte" bewahren sollen. Sie schreibt Selbstzeugnisse ("Ich bin allein. Und das schon lange.") für ihre Figuren, führt Interviews mit deren angeblichen Bekannten, lässt psychiatrische Gutachten anfertigen und legt Drehbücher an für dokumentarische Filme über sie. Das alles wird in Fragmenten in Brenners Installationen zu Schauplätzen verarbeitet, immer neu. Wie in der Sammlung Falckenberg in Hamburg. Dort nagelte sie 2003 einen Drehbuchtext über die einsame Frau mit der "Angst vor Gesichtsröte" an die Wand, und zwar mit der exakten Menge roter Wolle, die sie auch für den Pullover gebraucht hatte. Das Foto, das den Pullover zeigt, hing in Sichtweite.
Die Künstlerin ist geradezu prädestiniert in Ausstellungen wie der Münchner Schau "Stories - Erzählstrukturen in der zeitgenössischen Kunst" (2002) aufzutreten: an der Seite von Sophie Calle und als Erbin der so genannten Narrative Art eines Christian Boltanski. Sophie Calle war in München mit einem Proto-koll vertreten, das ein dafür beauftragter Detektiv von ihrem Tageslauf angefertigt hatte. Ähnlich inszeniert dokumentarisch arbeitet auch Birgit Brenner, die eine Variante ihrer Arbeit "Angst vor Gesichtsröte" ausstellte. Die Figur dazu beschäftigte sie jahrelang.
Sie selbst sieht aus wie ein Model, das Vivienne-Westwood-Mode vorführen könnte. Ihre Arbeiten findet sie auch gar nicht so trostlos. Sehr lässig die Frau. Sie meidet das Moralisieren wie der Teufel das Weihwasser. Aber ihre Kunst, die sich der Normalität über die Abweichung nähert, hält sie für "gesellschaftlicher gedacht", als viele glauben - in dem Sinn jedenfalls, dass sich das Schädliche des Kollektiven in individuellen Deformierungen zur Kenntlichkeit entstellt. Schönheitswahn zum Beispiel. Brenner-Frauen zwängen sich entblößend in zu enge Kleider.
Daran, dass man sie auf die autobiografischen Anhaltspunkte ihrer frappierend eigenständigen Kunst absucht, hat Birgit Brenner sich schon gewöhnt. Schließlich wirken ihre von Rainer Werner Fassbinder und Jean-Luc Godard inspirierten Seelenbühnen, als würden sie sich dem Erleben verdanken. Sie stattet sie mit inszenierter Nachlässigkeit aus, einer Art von Tatortfotos, Zeitleisten mit Drehbuchauszügen an der Decke, an die Wand genagelter Schrift aus Wollfäden, an Stangen arretierten Papp-Sprechblasen und auf Schilder geschriebenen Regieanweisungen, die sie auf den Boden stellt. Die Geschichten, die Birgit Brenner damit erzählt, klingen dokumentarisch genau, obwohl ihre Handlungsträger realiter gar nicht existieren. Die wahrhaftig erfundenen Biografien der Kunstwesen sind eben detektivisch genau recherchiert - wie für einen Film, der dann aber doch nicht gedreht wird.
Ihr Atelier ist, dafür, dass sie darin alles aufbewahrt, was sie braucht und je gebraucht hat, ziemlich leer. Gerade liegen einige Groschenromane darin herum. Birgit Brenner ist dabei, sich für ihre nächsten Arbeiten einen bestimmten Sound anzulesen. Es wird um die Konfrontation des in den Schmonzetten verbreiteten Liebes- und Gefühlskitsches mit den Härten des Realen gehen. So wie auf einer ihrer Collagen, bei der das Cover eines Ärzte-Romans mit Tesafilm überklebt ist. "Ich war nie blond", kommentiert rote Schrift, dass der Blondine die Haare mit Edding-Stift übermalt sind.
Am Computer verunschönt Birgit Brenner ihre Models mit einem Sonnenbrand, lässt Pickel sprießen und Krampfadern wachsen. Selbst die Handschriften, die fast immer in ihren Werken vorkommen, verwandelt sie je nach Typus der Kunstfiguren. Man fühlt sich sofort von den Prototypen eingewickelt, wenn man eine von Brenners mit biografischen Indizien gefüllten, raumspezifischen Installationen betritt, für die manchmal ein Wort an der Wand ausreicht: "Verräterin". Ausrufezeichen. Ein Gefühl zwischen Neugier und Berührtsein kommt auf, mit dem man sofort beginnt, die bewusst so stehen gelassenen Leerstellen der Kunstwerke zu füllen. Birgit Brenners Arbeiten sind Assoziationsräume zwischen Kunst, Film, Literatur und Leben, in denen der Schatten der Tristesse auf die intim ausgeleuchteten Protagonisten fällt. Man betritt sie wie der Besucher einer Situation.
Ihre Bildserien heißen beispielsweise "Sie lacht oft ohne Grund". Und wenn auf einem ihrer multimedial collagierten Einzelblätter schon mal ein tschilpender Vogel auftritt, dann steht darunter garantiert "selbstmordgefährdet". Der Laie wundert sich. Für den Psychiater liegen die Fälle klarer. Einmal hat die in Ulm geborene Berlinerin eine ihrer namenlosen Frauen zum Psychiater geschickt, natürlich nur auf dem Papier. Er attestierte anhand der eine starke Selbstwertproblematik vor dem Hintergrund einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung, Selbstunsicherheit und schwere depressive Episoden. Die Unfähigkeit zu genießen, fiel bei der müden Dulderin da kaum noch ins Gewicht.
"Ich bin allein. Ich habe Angst. Ich bin schüchtern, und ich hasse mich", so hört sich das an, wenn die in Psychodramen des Banalen verstrickten Brenner-Figuren von sich reden. Oder "Plötzlich versperrten die Brüste den Blick auf einen Teil deiner Haut". Gelingen kommt eher nicht vor. Ironie dafür schon. Birgit Brenner kalkuliert ein, dass die besten Tragödien immer auch komisch sind - und natürlich umgekehrt. Wenn sie mit rotem Garn auf eines ihrer Blätter stickt "Für Erfolg ziehe mich ich auch aus" klingt das heillos. Ein anderes Mal quillt andeutungsweise ein roter Wollfaden statt Blut aus der Pulsader eines Frauenarms, als stricke da jemand an der Legende vom letzten Ausweg.
Für ihr aus Texten und Zeichnungen bestehendes Projekt "Ro-man in großer Schrift" schrieb Birgit Brenner verschiedene Versionen eines Abschiedsbriefes. Variante sechs: "Ich kann nichts mitnehmen. Kümmert euch bitte um den Hund. Er soll es gut haben. Liebe Grüße." Sie findet so etwas auch zum Schmunzeln. Aufkommenden Gefühlsdusel verhindert sie mit sarkastischen Übertreibungen. Dann lässt sie ein Kind berichten, das aus seinem Zimmer hat ausziehen müssen, "damit die Wellensittiche ein eigenes hatten". Frauen nimmt sie nur deshalb fast ausschließlich zum Anlass, weil sie über die besser Bescheid weiß: "Keine Ahnung, was Männer machen, wenn sie eine Krise haben."
Die eigene Biografie der aktuellen Preisträgerin der Tisa-von-der-Schulenburg-Stiftung ist voller Anfänge und irgendwie typisch für ihre Generation. Nach ein paar Semestern Grafik-Design in Darmstadt und der Erfahrung, dass ihre Präsentationsmappen "an den Ecken immer Knicke hatten", studierte sie bei Rebecca Horn an der Berliner Hochschule der Künste. Eine Meisterschülerin mit Hang zur Serie und der Absicht sich "umzubringen, wenn ich einen Sockel mache und da etwas draufstelle".
Der Katalog zu einer Ausstellung aus dem Jahr 1996 zeigt Arbeiten, die in der Tradition ihrer Lehrerin etwas mit Apparaturen zu tun haben. Mit einem der Geräte führte Birgit Brenner sich in einer Performance die gesamte bis zu diesem Zeitpunkt verweinte Tränenflüssigkeit wieder zu: 19,5 Liter oder 1287000 Tränentropfen in 29 Jahren bei einer angenommenen Weinhäufigkeit von 5,3 mal im Monat (Männer 1,4 mal).
Sie habe lange gebraucht, sagt Birgit Brenner, um aus der Not, die ihr Hang zum Fragmentarischen mit sich bringe, eine Tugend zu machen. Und: Dass sie gemerkt habe, wie manche Dinge erst dann richtig gut werden, wenn man sie ganz schlecht gemacht aussehen lässt. Für die Zukunft hat sie sich vorgenommen, ihre Environments noch mehr "zu dekonstruieren". Angst vor Unverständnis hat sie nicht. Muss sie wohl auch nicht.
Brenners Galerist, Gerd Harry Lybke, hat mit einer BrennerAusstellung seine neuen Räume in der ehemaligen Leipziger Baumwoll-spinnerei eröffnet, nicht mit seinen Malerstars Neo Rauch oder Matthias Weischer. Birgit Brenner pflegt kaum den Kontakt zu den Kollegen. Höchstens teilt sie deren Vorliebe zum Entzünden von Erzählfantasie. Laut eigener Aussage beobacht sie den Kunstmarkt nur, um zu wissen, was sie nicht machen will. Lybke erklärt, dass die Eröffnungsshow ein Beweis seiner "riesigen Wertschätzung" für die Künstlerin sei, die er seit Mitte der neunziger Jahre in seinem Programm hat. Die Eröffnungsschau jedenfalls zeigte eine der typischen Brenner-Bühnen. Dazu gehörten zusammengeschraubte Stangen, an die Sprechblasen getackert waren. In einer Ecke ganz viele, ein ineinander verhakter Schilderwald aus "Geh weg", "Ich", "Du", "Widerlich", "Nie". Daneben lehnte eine einsame Sprechblase: "Nicht jetzt".
Kaufen wollte den ins Räumliche gewendeten Dialog zwischen Mann und Frau unter anderem ein Sammler aus Südkorea - allerdings kam er eine Stunde zu spät. Seinem grenzenlosen Vertrauen in Birgit Brenners von Realitätssinn aufgeladene Fantasie schadete das indessen nicht. Für den März 2007 hat der Kunstkenner sie zu einer Ausstellung ihrer Werke in seiner eigenen Kunsthalle in Südkorea eingeladen. Kaufversprechen inklusive.
Die Geschichten, die Birgit Brenner mit ihrer Kunst erzählt, klingen dokumentarisch genau, obwohl die Hauptfiguren nicht existieren
Katalog: Die besten Jahre, Leipzig 2005. Galeriekontakt: Eigen + Art, Berlin/Leipzig, Tel. (0 30) 2 80 66 05, www.eigen-art.com
Ich bin allein. Ich habe Angst. Und das schon lange. Ich bin schüchtern, und ich hasse mich. Man sagt, ich werde noch irrsinnig. Ich bin sehr einsam. Ich halte niemanden aus. Man muss vorsichtig sein und misstrauisch. Ich bin ohne Wert. Niemand sagt mir das direkt ins Gesicht, aber ich spüre, was sie über mich denken. Alleine kann ich mich entspannen. Das da draußen macht mir Angst, da lachen alle über mich. Ich kriege keine Luft mehr. Zu wenig Luft, zu viele Körper. Es ist warm und stickig. Man redet auf mich ein. Man will in mich hineinschauen, aber das lasse ich nicht zu. Ich hasse das. Man macht sich ein falsches Bild von mir. Aber. Das sollen sie ruhig. Ich werde mich nie zeigen. Ich kann mit Einsamkeit umgehen. Kontrolle. Ich muss mich kontrollieren. Es geht mit mir bergab. Ich bin müde. Vielleicht ist alles nur Einbildung. Nähe. Die ekelt mich an. Das alles geht nur aus der Entfernung. In der Ferne ist alles schön. Ich möchte nie mehr alleine sein. Kommt mir nicht zu nahe, das macht mich aggressiv. Das halte ich nicht aus. Ich halte es in mir nicht mehr aus. Ich muss mir die Haut vom Leib reißen. Ich kann ihn nicht anfassen. Er ist zerlaufen. Wie warme Butter. Nur weiches Fett. Wie Matsch. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Ich halte das nicht mehr aus. Mehr Kontrolle. Ich muss mich überprüfen. Ich esse zu viel. Es ekelt mich. Alles ist so wirr. Allein sein und hungern schützen mich. Alles ist so wirr. Wenn ich nur nicht - ich will nicht verrückt werden. Ich muss aufpassen, wie viel ich preisgebe. Danach schäme ich mich für diese Offenheit, die keine ist. Ich spreche nur, um von mir abzulenken. Der Gedanke, jemand könnte in mich hineinsehen, ist mir unerträglich. Ich muss ablenken, auch für den Preis der Scham über so viel Redseligkeit. Ich erschaffe eine eigene Person für die da außen. Das gefällt dann. Ich muss mich passiv verhalten. Warten und nicht bewegen. Einfach nur stillsitzen. Wenn ich nur nicht irre werde. Dann holen sie einen, und alle wissen es dann. Das ist das Allerschlimmste. Unerträglich, wenn sie dich nicht finden, weil du keinen mehr interessierst. Ich bin müde. Ich bin alleine. Ich will alleine sein. Lasst mich in Ruhe.
Bild(er):
Bild: "Das Kleid - 2. Teil: Du wolltest doch eigentlich berühmt werden" (Installation im Kunstverein Hannover, 2002)
Bild: "Angst vor Gesichtsröte - VIII. Akt", Digitaldruck auf PVC-Gittermaterial (2001, 180 x 240 cm)
Bild: "Angst vor Gesichtsröte - II. Akt", Digitaldruck auf PVC-Gittermaterial (2001, 240 x 180 cm)
Bild: Installation als Drehbuch mit Regieanweisungen und Texten für den Film im Kopf: "Die besten Jahre" (2005 zur Eröffnung der Galerie Eigen + Art in der Leipziger Baumwollspinnerei)
Bild: Detail aus der Installation: "Küss mich bis es wehtut" (2006, 50 x 65 cm)
Bild: Birgit Brenner, Fachfrau für Zwischenmenschliches (Foto: Gregor Hohenberg)
