Ausgabe: 07 / 2006
Seite: 107

Dramen unterm Blätterdach

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Neubau: Gottfried Böhms Hans-Otto-Theater in Potsdam

Bei Entwürfen für Theaterneubauten stehen Architekten vor dem selben Dilemma wie so manche Frau vor dem Theaterbesuch: Wird es das klassische Abendkleid, dezent und elegant? Oder der kurze schwarze Fummel - sexy und mit Knallfarben aufgepeppt? Der Kölner Architekt Gottfried Böhm hat sich beim neuen Hans-Otto-Theater in Potsdam für die zweite Variante entschieden: Der ganz in Knallrot und Anthrazitgrau gehaltene Bau am Ufer des Tiefen Sees ist schwerlich zu übersehen und lässt sofort an Musical und Broadway denken, weniger an Sophokles oder Henrik Ibsen. Nach 50 Jahren provisorischer Spielstätten bekommt das Ensemble damit endlich ein festes Dach über dem Kopf - und zwar eines, bei dem man zweimal hinguckt.

Denn ebenso spektakulär wie die Farbgebung ist die Form ausgefallen, wobei sich Böhm vorwerfen lassen muss, bei Jörn Utzons berühmten Opernhaus in Sydney abgekupfert zu haben: An der Wasserseite bilden drei übereinander angeordnete Stahlbetonschalen eine komplexe Dachlandschaft, die an eine dreilagige Hutkrempe oder eine Muschel erinnert. Böhm nennt sie Blätter: "So wie man seine Hand schützend über etwas hält, sollen diese Blätter den Theaterbau schützen." Unter diesen Blättern gibt sich das Theater dann äußerst offenherzig: Die halbrund gebogene Fassade an der Wasserseite ist ganz in Glas gehalten.

Dahinter verläuft über zwei Galerien hinweg das Foyer mit einer überwältigend schönen Panorama-Aussicht auf Tiefen See und Havel. Der Foyerbereich ist auch tagsüber frei zugänglich, so dass Neugierige die Proben mitverfolgen können - falls es die Theatermacher nicht vorziehen, die schweren, lichtdichten Vorhänge zwischen Foyer und Zuschauerraum herunterzulassen.

Hinter dem Theaterbereich liegt ein langgezogener, schachtelähnlicher Gebäudekomplex mit Lagern und Büros. Er grenzt im Westen halbkreisförmig an einen unter Denkmalschutz stehenden Gasometer, der von dem Neubau sanft umklammert wird. Böhm ist es gelungen, dieses Industriedenkmal ideal einzubeziehen.

Potsdam eröffnet vom 22. bis 24. September einen Kulturbau, dessen Anziehungskraft bei entsprechendem Programm über die Stadtgrenzen hinaus reichen wird. KERSTIN SCHWEIGHÖFER

Gottfried Böhm, 86, zählt zu den vielseitigsten deutschen Architekten. Mit der Wallfahrtskirche in Neviges aus gefaltetem Beton schuf der Sohn des großen Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm 1968 einen der bedeutensten Skakralbauten der Moderne. Böhm ist der bislang einzige deutsche Architekt, der mit dem internationalen Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde. Zu seinen wichtigsten Bauwerken zählen der Mittelbau des Saarbrücker Schlosses (1989), die WDR-Arkaden in Köln (1996), das Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank in Luxemburg (1991). 2004 wurde seine Bibliothek in Ulm in Form einer großen Glaspyramide eröffnet.

Bild(er):

Bild: Blick vom Zuschauerraum ins Innere der komplexen Dachlandschaft, die an eine dreilagige Hutkrempe oder eine Muschel erinnert

Bild: Mit Knallfarben aufgepeppt: Neubau des Hans-Otto-Theaters in Potsdam