Ausgabe: 06 / 2006
Seite: 50-57
Galerie der Gegenwart
Von Kito Nedo
In den siebziger Jahren eroberten die Graffiti-Sprüher den Stadtraum und schufen sich eine ungesetzliche Kultur. Heute ist Street Art eine überaus vielfältige und respektierte Kunstform, die mit lustigen, politischen oder schönen Irritationen wirkt
VON
Als einen "Aufstand der Zeichen" beschrieb der französische Philosoph Jean Baudrillard Mitte der siebziger Jahre das "jähe Hereinbrechen" der ersten Graffiti. Als Teil der aufkommenden Rap- und Gang-Kultur überzogen Jugendliche in New York Wände, Busse und U-Bahnzüge mit ihren bunten Schriftzeichen, den so genannten "Tags". Diese "rudimentären oder verdrehten Grafismen" so glaubt der Philosoph, seien Zeichen ohne Ziel, Ideologie oder Inhalt und gerade aus diesem Grund das Medium einer neuen Rebellion gegen die Ghettoisierung der amerikanischen Metropole: "Es genügen tausend mit Markern und Farbsprühdosen bewaffnete Jugendliche, um die urbane Signalethik durcheinander zu bringen. Denn die Graffiti verdecken sämtliche U-Bahn-Pläne New Yorks - so wie die Tschechen die Straßennamen Prags veränderten, um die Russen in die Irre zu führen; ein und dieselbe Guerilla."
Mittlerweile haben Graffitis ihren Schrecken verloren. Sie gehören zum Alltag in der Großstadt wie Straßenlärm und großflächige Werbung. Als Guerilla gelten Writer und Sprüher schon lang nicht mehr. Bei "Tarn-Outfits für Graffiti-Künstler", wie sie der in New York lebende Franzose WK Interact entwirft, schwingt deswegen eine Menge Ironie über das heroische Selbstbild der meist nächtlich und am Rande der Illegalität operierenden Aktivisten mit. WK Interact, der 1989 damit begann, Werbeflächen mit seinen Motiven zu überkleben, hatte nach eigenen Angaben auch noch nie wirklich Ärger mit der Polizei. Das könnte aber daran liegen, dass er Graffiti "zweiter Ordnung" produziert, die sich formal weit von den Anfängen entfernt haben. Verglichen mit den kryptischen Schriftzügen der Tagger sind seine verwischten Figuren, die er auf Wände klebt oder malt, für jedermann als Kunst zu entziffern.
Street Art, Urban Art oder Post-Graffiti - wie diese Sorte meist figurativer Kunst auch genannt wird -, tauchte zum ersten Mal Ende der achtziger Jahre auf und profitierte von der Inflation der Tags: Wenn alles mit ähnlich gestalteten Schriftzügen vollgesprüht ist, wird ein Poster, ein Schablonenbild, ein verfremdetes Verkehrsschild, eine geklebte Keramikkachel, eine Kreidezeichnung oder ein Scherenschnitt plötzlich zur visuellen Sensation. Die Vorherrschaft von Marker und Farbsprühdosen wurde aber vor allem durch die Verbreitung von Computern und digitaler Bildbearbeitung gebrochen, die es jedem Künstler erlaubte, seine eigenen Vorlagen zu entwerfen. Diese neuen Möglichkeiten entwickelten in den neunziger Jahren eine große Anziehungskraft für eine sehr heterogene Gruppe von Menschen, die überall in der Welt auf der Suche nach individuelleren Ausdrucksformen und direktem Kontakt im Stadtraum waren: Ehemalige Sprayer, Künstler, Polit- und Medienaktivisten, Architekten und Designer veränderten die Graffiti-Szene grundsätzlich.
WK Interact etwa bearbeitet seine Entwürfe am Kopierer, bevor er sie auf Hauswänden anbringt. Dort jagen sich seine Figuren dann gegenseitig: Büroangestellte, Boxer, Terroristen und Skateboarder. Die verzerrten Körper wirken wie Standbilder aus einem rasend schnellen Videoclip. Sie sind geschaffen für die flüchtige Betrachtung im Vorübergehen. Trotzdem wählt WK Interact die Orte für seine Bilder mit Bedacht. Nur wenige Plätze eignen sich tatsächlich für seine Art von visuellen Geschichten, etwa ein Müllplatz, ein Telefon, ein Hauseingang oder eine ganz bestimmte Straßenkreuzung.
W enngleich das Verhältnis vieler Straßenkünstler zum etablierten Kunstbetrieb ein zwiespältiges ist, finden Street-Art-Ausstellungen mittlerweile in Galerien und Kunsträumen statt, wird international eine Vielzahl von Büchern in hoher Auflage publiziert, und auch clevere Marketing-Strategen haben die neuen Kreativen als hilfreich entdeckt. Denn anders als Graffiti wird Street Art in seiner oft dekorativen Ästhetik durchaus als Kunst akzeptiert. Auch WK Interact wird häufig von Hausbesitzern oder Firmen um eine Arbeit gebeten, wie etwa von Nike oder dem Pariser Kaufhaus Galeries Lafayette, für das er vor zwei Jahren die Schaufenster gestaltete. Um seine Arbeiten zu realisieren, schlüpft der Künstler in immer neue Rollen: "Ich werde Teil des Konzepts, das Architektur, Straßenleben, Extremsport und viele andere Elemente vereint."
Charakteristisch für viele StreetArt-Künstler ist die Variation von immer wiederkehrenden Motiven. Originalität und ein hoher Wiedererkennungswert garantieren die Anerkennung in der via Internet gut vernetzten Szene. Dieses Prinzip perfektionierte vor allem der US-Amerikaner Shepard Fairey mit seiner Anfang der neunziger Jahre gestarteten "Andre The Giant Has a Posse"-Kampagne. An allen möglichen und unmöglichen Orten der Welt klebt Fairey seine berühmten Plakate und Aufkleber, die nichts weiter als ein stilisiertes, grobschlächtiges Männergesicht und wahlweise der Schriftzug "Obey!" (Gehorche!) oder "Giant" ziert. Was wie eine aus dem Ruder gelaufene militärische Rekrutierungskampagne wirkt, versteht Fairey als gewiefte Kritik an den Medien mit deren eigenen Mitteln. Das Giant-Motiv macht sich ungefragt auf Lampenpfosten, Häuserwänden, Stromkästen und besonders gern auf anderweitig bezahlten Werbeflächen breit und wirkt zudem noch stumpfer, größer, aufdringlicher als diese selbst. In manchen Städten funktioniert das Obey-Plakat sogar wie ein unheimlicher Bekannter - immer schon da, wo man selbst hinkommt. Wenn Passanten anfangen, über die Herkunft der Bilder und ihre Bedeutung nachzudenken, hat Fairey sein Ziel erreicht. "Der Aufkleber hat keine andere Bedeutung als die, seine Betrachter zu der Reaktion zu ermuntern, nachzudenken und nach der Bedeutung zu suchen."
Street-Art-Künstler lieben den Moment der Irritation - vielen Künstlern ginge es darum, "die abgeflachte Wahrnehmung des Großstadtbewohners, der nichts mehr in Frage stellt, sondern nur noch konsumiert, für eine Sekunde wachzurütteln" erklärt der Berliner Kurator Adrian Nabi. Für Nabi sind die von den Street-Art-Künstlern HuskMitNavn, The London Police und Os Gemeos gestalteten Brandwände in Berlin-Kreuzberg, die während der von ihm letzten Sommer organisierten "Backjumps"-Ausstellung entstanden sind, "visuelle Oasen".
Für den kreativen Umgang mit öden urbanen Flächen kämpft auch der britische Künstler Banksy, der zu dem Teil heutiger Street-Art-Künstler gehört, die ihren Eingriff auch als politisches Medium begreifen. Mit einem offiziös anmutenden Schablonengraffiti gibt er Wände als "Graffiti-Areas" frei. Allerdings warnt er auch die nachwachsende Street-Art-Generation: bei einer Kapazität von fünfzig Schablonengraffiti pro Sprühdose könne man sich schon für etwa 15 Euro "extrem berühmt" oder "extrem unbeliebt" machen. Oder vielleicht beides. Auf diesen Punkt weist auch Nabi hin: "Street Art steht in einer ganz anderen Beziehung zur Umwelt als Kunst im Museum. Hier greifen Architektur, Verkehrssignale, Werbung oder das Wetter unmittelbar ein. Wenn jemandem die Sachen nicht gefallen, kann er sie sofort herunterreißen." Street Art müsse deshalb ganz anders als Museumskunst funktionieren.
Doch selbst wenn die Werke der Street-Art-Produzenten vor der Öffentlichkeit (und Stadtreinigung) bestehen - eine lange Lebensdauer ist ihnen selten beschieden. Die zerbrechlich wirkenden lebensgroßen Papierschnitte der Künstlerin Swoon oder die überdimensionalen Drucke der Künstlergruppe Faile aus New York machen einen regelrechten Alterungsprozess durch. Sie vergilben, werden brüchig und verschwinden. So entsteht eine urbane Oberfläche, die von Veränderungen lebt. "Street Art zeichnet eine Karte der wilden Lebendigkeit New Yorks und ist die schönste Kunstform, die ich kenne", sagt Swoon. Es sind Künstler wie sie, die einen Stadtspaziergang zur Entdeckungsreise machen können.
Literatur: Christian Hundertmark (Hrsg.): The Art of Rebellion 2. World of Urban Art Activism. Publikat Verlag, 2006; Christian Heinicke, Daniela Krause: Street Art. Die Stadt als Spielplatz. Archiv der Jugendkulturen Verlag, 2006
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Wenn alles mit Graffiti voll ist, wird ein Scherenschnitt zur Sensation
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Viele Street-Art-Künstler lieben den kurzen Moment der Irritation
Bild(er):
Bild: Berlin: "Plattenbau" vom Street-Art-Künstler mit dem Pseudonym Evol. New York: Scherenschnitt der Künstlerin Swoon (rechts)
Bild: Hamburg: Viele Künstler haben Markenzeichen wie die Spritze von Grim
Bild: Gdingen: Kritik an der Architektur polnischer Städte ist das Thema von Marius Waras
Bild: New York: Ein Star der Street-Art-Szene ist der Franzose WK Interact, der in New York lebt und inzwischen auch für Hausbesitzer, Nike oder Galeries Lafayette arbeitet
Bild: Wien: Protest einiger Architekturstudenten gegen die Banalität von Verkehrsbauten ist die mit wasserlöslicher Farbe gemalte Rennbahn Hietzing
Bild: Lyon: Das französische Rollkommando East Eric verwandelt blitzschnell Hoteltoiletten, Autos oder Panzer mit Spraydosen in monochrome Skulpturen
Bild: Arlon: Der belgische Künstler The Plug verwandelte das Symbol seiner Heimatstadt in eine Frischfleischpackung. Fünf Tage stand der Hirsch so
Bild: Massaly: Symbol des Künstlers The Plug
Bild: Liverpool: Der britische Schablonen-Sprayer Banksy benutzt eine Ratte für seine politischen Kommentare oder sprüht sich küssende Bobbys an die Wand
Bild: Montreal: Künstler Roadsworth, verklagt als Gefahr für die öffentliche Sicherheit
Bild: Berlin: Viele Street-Art-Künstler bleiben nach wie vor anonym wie diese Freunde des tierischen Humors, deren Poster man eine Zeit lang in Berlin sah
Bild: Bordeaux: Um die Dominanz von Werbebotschaften zu brechen, beklebt Urban Blooz Tafeln mit dem Motiv, das diese verdecken
Bild: Berlin: Was früher als Sachbeschädigung galt, wird heute zur Stadtverschönerung gerufen. Die Gruppe The London Police bemalte im Rahmen der großen Street-Art-Ausstellung "Backjumps" 2005 Brandwände in Kreuzberg mit ihren lustigen Männchen
Bild: Stockholm: Veränderungen von Verkehrsschildern und putzige Vogelkästen sind das Markenzeichen von Klisterpete
Bild: Palästina: Eine weitere Arbeit des Briten Banksy an dem israelischen Grenzwall zeigt die Street Art als kreatives Medium für ätzende politische Gegenwartskommentare
Bild: Hamburg: Er hasse Graffiti, erklärte 56K zu seinem Putzwagen, der 2004 als Kom mentar zur Alten Schule der Street Art eine voll gesprühte Wand verdeckte
Bild: New York: Mit Fahrrad und in Camouflage-Anzug kleistert WK Interact nachts seine Papierkunstwerke an die Wände
Bild: New York: Dan Witz nennt sich der Künstler, der in Brooklyn 2005 diesen Ballon befestigte
