Ausgabe: 03 / 2006
Seite: 120-121

Von großer Kraft in späten Jahren

Von

16 Künstlerinnen, die im Alter einen Neubeginn erlebten

Das erste und einzige Selbstporträt malte die amerikanische Künstlerin Alice Neel mit 80 Jahren: Das Bild von 1980 zeigt sie nackt im Sessel sitzend, mit weißen Haaren. In ihrem Buch über Künstlerinnen in der "dritten Lebensphase" versammelt die Kunstwissenschaftlerin Hanna Gagel 16 Frauen, die zwischen 50 und 80 Jahren, oft nach dem Tod des Ehemannes, neue Wege in der Kunst beschreiten.

Wie Sonia Delaunay, die 73-jährig ihre erste Retrospektive erhält und mit 90 im Auftrag der UNESCO das offizielle Plakat zum Internationalen Jahr der Frau entwirft. Oder Marianne Werefkin, die, von Alexej Jawlensky verlassen, in ihren späten Bildern zu großer Klarheit findet. Gagel zeigt, wie Lee Krasner oder Louise Bourgeois mit über 50 Jahren Sinnlichkeit und Erotik entdecken, wie Maria Lassnig mit 76 eine stürmische Liebesbeziehung eingeht. Oder wie Käthe Kollwitz mit knapp 70 ihr bekanntestes Werk, die "Pieta" modelliert. Ein Plädoyer für die Kraft des Alters, ein beeindruckendes Buch über die ungeheuere Vitalität dieser Frauen, die nach Lebenskrisen - frei von Zwängen - zu sich selbst und zu ihrer Kunst finden. Ganz nach dem Ausspruch der Künstlerin Meret Oppenheim: "Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen." Was wohl im Alter leichter fällt als in jungen Jahren. TANJA BEUTHIEN

Hanna Gagel: So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase. Aviva Verlag. 268 S., 113 Abb., 28,50 Euro

Bild(er):

Bild: Voller Energie: "Selbstporträt" von Sonia Delaunay, 1916