Ausgabe: 03 / 2006
Seite: 28-35

Aus dem Labor der Dinge

Von Ralf Schlter Alexander Spraetz

Mit cleveren, durchdachten Entwürfen wurde Konstantin Grcic, 40, zum erfolgreichsten deutschen Designer. Nun ehrt ihn das Münchner Haus der Kunst mit einer Retrospektive

VON RALF SCHLÜTER UND ALEXANDER SPRAETZ (FOTOS)

Man könnte Konstantin Grcic für einen Mann ohne Eigenschaften halten. Wer ihm begegnet, ist angenehm berührt von seiner freundlichen, zurückhaltenden, fast schüchternen Art. Dabei muss einer doch ein riesiges Designer-Ego haben, der auf jeder Möbelmesse als Star gefeiert wird, und der von Flos (Mailand) bis Muji (Tokio) für alle maßgeblichen Firmen der Branche arbeitet. Grcic verweigert die schnelle Verwertung, er nimmt sich schon mal vier Jahre Zeit für den Entwurf eines Kugelschreibers - Philippe Starck würde in dieser Zeit zwei Kaufhäuser füllen. Doch ein weltfremder Bastler sieht auch anders aus als dieser smarte, dunkel gekleidete 40-Jährige.

Wer Konstantin Grcic verstehen will, muss sich den Möbeln und Alltagsgegenständen zuwenden, die sein Büro seit 15 Jahren produziert. Doch auch hier hinterlässt der Erstkontakt leichte Verwirrung. Da ist etwa der Stuhl "Chair One", eine ganz junge Ikone des internationalen Designs, die seit 2004 in unzähligen Zeitschriften zu sehen war, und die von der italienischen Firma Magis kürzlich auf der Kölner Möbelmesse auf einem Sockel unter einem großen Einzelscheinwerfer präsentiert wurde, als sei sie die Marlene Dietrich unter den Stühlen.

Auf einen konischen, sich nach oben verjüngenden Betonsockel ist eine Gitterstruktur aus Aluminium aufgesetzt, die aussieht wie das Skelett eines Sessels. Bequem, so viel steht fest, ist dieser Stuhl nicht - doch seine futuristische Kühle fasziniert, und die Gitterstruktur kann man so lange betrachten wie Arabesken. Gerade hat das Architektenteam Herzog & de Meuron (art 11/2005) den Stuhl für das Freiluftcafe des neuen De Young Museum in San Francisco eingesetzt; er passt perfekt zur kühn-technoiden neuen kalifornischen Kunstfestung.

In Interviews muss Grcic viel Zeit darauf verwenden, den verschlossenen, teilweise sperrigen Charakter seiner Objekte zu rechtfertigen. Sie scheinen das Vorurteil zu bestätigen, nach dem es Designern nur um die spektakuläre Form geht. Grcic führt gerne an, dass es verschiedene Arten des Sitzens gebe, und dass sich der Körper "den Gegebenheiten anpassen kann". Eine nette Art, seinen Kunden Tapferkeit abzuverlangen.

Kein Zweifel, Konstantin Grcic produziert Design für Fortgeschrittene: Seine Objekte wollen langsam erobert und erkundet werden, sie wirken wie optische Widerhaken, und sie verweigern jeden schnellen Effekt. Erfindergeist und eine fast kindliche Liebe zum Detail sprechen aus ihnen, aber auch der Ehrgeiz, zum Kern der Dinge vorzudringen. Während der Begriff "reduziertes Design" inzwischen zur Leerformel der Lifestyle-Branche verkommen ist, hat er hier noch seinen ursprünglichen Sinn.

Als Grcic vor einigen Jahren den Auftrag bekam, einen Abfalleimer zu entwerfen, war sofort klar: "Ich wollte einen Abfalleimer, der auch wie einer aussieht." Sein "Tip", den die Firma Authentics 2003 auf den Markt brachte, ist auf den ersten Blick tatsächlich ein sehr simples Gerät - aber wie einfach es tatsächlich ist, bemerkt man erst bei genauem Hinsehen: Der Pedalmechanismus, durch den man den Eimer mit dem Fuß öffnen kann, wurde auf seine Grundbestandteile zurückgeführt, jegliche Verkleidung fehlt, die gesamte Funktion wird mit zwei Metallteilen und einem Plastikscharnier bewerkstelligt. Zur Befestigung des Müllbeutels hat Grcic einen Ring entworfen, der oben auf den Rand gesteckt wird - so einfach, dass man erstmal darauf kommen muss.

Fast alle von Grcics Objekten haben so einen Kniff, eine Pointe. Die tragbare Lampe "Mayday" (1998) hat mehrere Haken und ein langes Kabel, man kann sie durch die Wohnung, in den Keller oder in die Garage mitnehmen, sie irgendwo aufhängen, um etwas zu reparieren - man fühlt sich dabei wie ein Bergmann im Stollen. Der Sessel "Chaos" (2000) wirkt sehr kompakt und massiv, wird aber von einem ganz schmalen kleinen Stahlrohrbügel in der Balance gehalten - ein kleiner Gruß an das Bauhaus, Marcel Breuer hätte seine Freude daran gehabt. Manchmal gibt Grcic auch romantischen Regungen nach: Seine Regalleiter "Step", sagt er, könne aus jedem Buchregal eine Bücherei machen; am oberen Ende gibt es ein kleines Pult, die oberste von zwei Leitersprossen wurde auf Stuhlhöhe angebracht; sie ist breit genug, um darauf zu sitzen.

Als Kind habe er Dinge zerlegt, erzählt Grcic, er wollte wissen, wie alles funktioniert. Sein Vater war ein Serbe im deutschen Exil, daher der Name, die Mutter war Deutsche. Sie war es, deren Sinn für neues Design in den siebziger Jahren einen Hauch von Mailand in die Wuppertaler Wohnung der Grcics brachte. "Eines Tages schenkte sie mir eine Ausgabe der Zeitschrift ,Domus`", erzählt Grcic. Er war ein Teenager und hatte von diesem Blatt, das die Erwachsenen "Designbibel" nannten, noch nie etwas gehört. Er kannte die ganzen Namen nicht, war unbeleckt von jeglicher Gestalter-Mythologie, gab sich nur den Bildern und Texten aus dieser faszinierend fremden Welt hin.

Die Lunte war gelegt, und zur Initialzündung kam es dann 1986, als Grcic in Wien eine Ausstellung der italienischen Designlegende Achille Castiglioni besuchte. "Erst da wurde mir klar, dass es wirklich ein anerkannter Beruf ist, Gegenstände zu entwickeln", sagt Grcic. "Die Art, wie Castiglioni immer neue Dinge ausprobierte, sich nie mit der schnellen offensichtlichen Lösung zufrieden gab, hat mich tief beeindruckt." 15 Jahre später verlieh der Meister Castiglioni dem jungen Kollegen einen Designpreis und erklärte ihn damit zu seinem offiziellen Nachfolger. Wenn Grcic davon erzählt, leuchten seine Augen. In seinem Büro hängen heute zwei schon leicht vergilbte Plakate: ein überdimensionales Poster, von dem Castiglioni verschmitzt lächelnd herunterblickt, und ein Ausstellungsplakat von Marcel Duchamp. Der gewitzte Erfinder und der Ding-Mystiker der modernen Kunst: die Paten von Konstantin Grcics Design.

Nach dem Abschluss der Schule in Wuppertal ging er nach England, ließ sich an der John Makepeace School for Craftsmen in Dorset zum Schreiner ausbilden. "Dort wurden Dinge nicht aufwändig entworfen, sie wurden einfach hergestellt." Anschließend studierte er Design am Londoner Royal College of Art, viel Aufregendes habe er in den zwei Jahren dort nicht produziert, sagt er - aber es kam zu einer entscheidenden Begegnung. Einer seiner Lehrer war der Engländer Jasper Morrison, der zu dieser Zeit mit kargen Holzmöbeln berühmt wurde. Morrison empfahl ihn weiter. Erste Möbel wurden produziert, ein Beistelltisch, ein Regal. 1991 fühlte sich Grcic für die Rückkehr nach Deutschland gewappnet und eröffnete ein Büro in München, wo er bis heute lebt und arbeitet.

Diese Stadt mit ihrem barocken, katholischen Schmelz scheint so gar nicht zu dem kargen, oft kantigen Design zu passen, das Grcic produziert. Sein Büro liegt in der Schillerstraße, unweit des Hauptbahnhofs, umgeben von Eisenwarenläden, Peepshows und Kiosken. Eine Allerweltsgegend. Hier ist München kaum erkennbar, man könnte auch in Frankfurt sein oder in Bochum. Grcic verbringt die meiste Zeit in dieser ehemaligen Fabriketage, "nach Hause gehe ich eigentlich nur zum Schlafen". Seine Firma "Konstantin Grcic Industrial Design" (KGID) hat mittlerweile sieben Angestellte, die meisten davon Designer, mit jedem arbeitet er an einem Projekt.

"Diese Arbeit zu zweit ist wie Pingpong spielen", sagt Grcic, "man schlägt den Ball über das Netz, er kommt schräg oder mit Drall zurück, man muss darauf reagieren, und das bringt die Sache voran." Anders als andere verlässt er sich nicht auf den Computer, immer wieder werden Modelle aus Pappe oder Plastik gebaut, erst durch unzählige Tests kristallisiert sich langsam eine Form heraus. Die Aufgaben sind komplexer geworden im Lauf der Zeit, Grcic hat Küchengeräte für Krups gemacht, Lampen für Flos, Möbel für Classicon, Porzellan-Gegenstände für die Manufaktur Nymphenburg. Die Einfachheit der frühen Jahre ist vergangen.

In den neunziger Jahren gehörte Grcic zu den wichtigsten Designern der Firma Authentics, die damals mit einfachen halbdurchsichtigen Haushaltsgegenständen Erfolg hatte. "Mit einer Mischung aus Naivität und Chuzpe" habe er sich damals, als das Büro noch ganz klein war, in das Abenteuer gestürzt. "Ich wusste damals doch gar nichts über Kunststoffe", sagt Grcic. "Und das war vielleicht auch gut so." Authentics hieß: cleveres Design, das aber nicht teuer war. Einfachheit lautete die Parole der Stunde, nach den überladenen achtziger Jahren war eine ästhetische Entschlackung nötig. 1995 entwarf Grcic in Handzeichnungen seinen ersten Gegenstand aus Plastik: den Papierkorb "Square", der mit den beiden Grundformen Kreis und Quadrat spielt - "mein erstes richtiges Stück Industriedesign".

Die Romantik des Handgemachten interessierte ihn ohnehin wenig: "Ich liebe es, in einer Fabrik zu sein, wo Dinge vom Band laufen, alle genau gleich." Vorläufiger Höhepunkt seiner Entwicklung als Industriedesigner war jener "Chair One", an dem er drei Jahre gearbeitet hat - der erste Stuhl, der mit Aluminium-Druckguss hergestellt wird. Nach dem Erfolg des Stuhls wollten Firmen von Grcic "etwas in der Art" haben. Er musste fürchten, als "Kantendesigner" in die Geschichte einzugehen, und so gab er seinem nächsten Entwurf, dem Barhocker "Miura", weiche Formen. Grcic ist zu eigensinnig, um sich auf Stilmerkmale festlegen zu lassen, mit einem zu hohen Wiedererkennungswert würde er dem Vorbild Castiglioni nicht gerecht.

Konstantin Grcic ist der einzige deutsche Designer seiner Generation, der international einen Namen hat. Seine analytische, sehr stark an Technik und Funktion orientierte Arbeitsweise legt es nahe, ihn auch als typisch deutschen Designer zu betrachten. "So fühle ich mich aber gar nicht", sagt er. "Von Anfang an war ich eher Teil einer internationalen Szene." Tätsächlich ist die Nähe zu Jasper Morrison genau so offensichtlich wie die zum skandinavischen Design mit seinen lapidar präsentierten Ideen. Und wenn seine Objekte jetzt zur ersten großen Grcic-Retrospektive ins Münchner Haus der Kunst einziehen, ist das gewissermaßen der Härtetest: Können sie in der monumentalen Halle ihren Eigensinn behaupten?

Bei der Produktion, die art vorab im Haus der Kunst von Alexander Spraetz fotografieren ließ, zeigte sich: Gerade das Sperrige, Verschlossene, Anstrengende behauptet sich in dieser Umgebung besonders gut. Grcic fährt seit Monaten mehrmals pro Woche von seinem Büro in die Prinzregentenstraße, um das richtige Konzept für die Ausstellung zu finden: Ein "extrem schwieriger Ort" sei das, seufzt er. Aber es macht ihn stolz, in seiner Heimatstadt geehrt zu werden, zumal der berühmte Architekt Rem Koolhaas zugesagt hat, die Eröffnungsrede zu halten.

Man könnte Konstantin Grcic für einen Mann ohne Eigenschaften halten. Es ist unmöglich, ihn mit ein paar Adjektiven treffend zu beschreiben, und die Beschäftigung mit seinem Design führt in ein Labyrinth des Sehens und Begreifens. Vielleicht ist diese Fähigkeit, sich ohne jede Unhöflichkeit und ohne provokative Inszenierung der schnellen Verwertung zu entziehen, seine wichtigste Eigenschaft. Grcic käme nie auf den Gedanken, sich zum Künstler zu stilisieren, wie manche Kollegen das gerne tun. Dazu nimmt er das Design zu ernst.

Ausstellung: Haus der Kunst, München, 16. März bis 9. Juli. Literatur: Florian Böhm (Hrsg.): KGID Konstantin Grcic Industrial Design. Phaidon Verlag 2005, 69,95 Euro. Jetzt erschien ein dreibändiges Werk mit dem Cover-Design von Konstantin Grcic: Phaidon Design Classics. Phaidon Verlag 2006, 150 Euro

Bis zu vier Jahre lang arbeitet Konstantin Grcic an einem Entwurf, mit immer neuen Modellen aus Plastik und Pappe wird langsam die Form herausgearbeitet

Das "reduzierte Design" ist zur Leerformel verkommen. Grcic aber geht es noch um die Uridee: den Kern der Dinge zu ergründen

Der Romantik des Handgemachten hängt Konstantin Grcic nicht an: "Ich liebe es, in einer Fabrik zu sein, wo Dinge vom Band laufen", sagt er

Bild(er):

Bild: Möbel von Konstantin Grcic, von art vorab inszeniert und von Alexander Spraetz fotografiert in der zentralen Halle des Hauses der Kunst. Im Mittelpunkt der Tisch "Pallas" (2003), rechts davon zweimal der Stuhl "Mars" (2003); links zwei Varianten des "Chair One" (2004). Der Papierkorb heißt "2-Hands-2" (1998)

Bild: Das Foyer im Haus der Kunst: Grcic' Büro hat diesen Bereich kürzlich neu gestaltet, die Sofas ("Odin", 2005) und die Metalltafeln mit Plakaten und Hinweisen gehören dazu. Für das art-Foto wurden hinzugestellt: diverse Varianten der Beistelltische "Diana" (in verschiedenen Farben, 2002) und "Mono" (anthrazit, 1995), der Sessel "Chaos" (rechts am Kamin, 2000) und das Sitzelement "Osorom" (2005, im Vordergrund)

Bild: Im Archiv des Hauses der Kunst, von links: der Barhocker "Miura" (2005), der Abfalleimer "Tip" (2003), die Lampe "Mayday" (1998) und die Regalleiter "Step" (1995)

Bild: Konstantin Grcic 2003 auf der Kölner Möbelmesse. Er baute dort ein "ideales Haus", das ausschließlich aus hochgestapelten Regalen bestand (Foto: Sabrina Rothe)