Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 79

Die analytische Anziehpuppe

Von Almuth Spiegler

Eine Wander-Retrospektive zur amerikanischen Fotokünstlerin gastiert im Kunsthaus BREGENZ: CINDY SHERMAN

Das böse Glitzern der Augen, die einen gnadenlos anstarren, die zur Grimasse verzerrten roten Lachmünder, die einen unverschämt anblecken. Abgründe tun sich auf unter der dicken Schminke dieser Clowns. Ihnen ist nicht zu trauen. Schließlich steckt Cindy Sherman hinter ihnen, die große amerikanische Verwandlungskünstlerin.

Diesen Winter grinsen Shermans Clowns hinter der kühlen Glasfassade des Kunsthauses Bregenz, der zweiten Station der mit rund 250 Arbeiten bisher größten Wander-Retrospektive zum Werk der lebenden Legende der Fotokunst. Im Mai startete sie im Jeu de Paume in Paris, weitere Stopps werden noch im Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark (16. Februar bis 20. Mai 2007) eingelegt und im Martin-Gropius-Bau in Berlin (15. Juni bis 17. September 2007).

Die analytischen Rollenspiele, die aufwändigen Maskierungen und peniblen Inszenierungen ihrer selbst machen jedes ihrer konsequent in Serien abgehandelten Themen zu subtilen Studien des Aufeinandertreffens von weiblichen Stereotypen und individuellem Empfinden - seien das nun Altmeisterporträts, Modefotos, Hausfrauen-Castings, Märchen- oder Pornoszenen.

Welche Schwerpunkte ihres Werks her ausgearbeitet werden, bestimmt Sherman:

Die 1954 in New Jersey geborene Künstlerin reiste eigens nach Bregenz an, um mit Kurator Rudolf Sagmeister die Ausstellung zu hängen. Die berühmten, zum Teil an Caravaggio erinnernden "History Portraits" von 1988 bis 1990 will Sagmeister ungewöhnlich arrangieren: in einer Art Sankt Petersburger Hängung, unregelmäßig über die ganze Wand verteilt.

Eine Überraschung versprechen auch die vergleichsweise unbekannten frühen Arbeiten Shermans zu werden, die noch in Buffalo entstanden, wo sie Malerei und Fotografie studierte, bevor sie 1977 nach New York umzog und bevor ihr erstes Hauptwerk, die schwarzweißen "Film Stills", entstand: Der Super-8-Film "Doll Clothes" von 1975 etwa, in dem Sherman Papp-Anzieh-Puppen solange die Kleider wechseln lässt, bis sie von einer Hand weggefegt werden.

Termin: 2. Dezember bis 28. Januar 2007.

Katalog: Verlag Flammarion, 49,90 Euro.

Literatur: Cindy Sherman. Clowns. Schirmer/Mosel Verlag, 29,80 Euro.

Internet: www.kunsthaus-bregenz.at

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