Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 126-128

Das Layout des Alltags

Von Hans-joachim Mller

Was ist eigentlich so neu am neuen Boom der Malerei? Hans-Joachim Müller über vier aktuelle Bücher zur jungen figurativen Malerei aus Leipzig - und aus anderen Metropolen der Kunst ZEITGENÖSSISHE KUNST

Dauernd ist irgendetwas neu, der Wein, die Liebe, die Bilder. Gerade wieder ist die "Figuration" neu, und das "German Painting" ist neu, und nur das Gewese um das Neue, das ist weniger neu. Seit die Hausmarke "Leipzig" zum Hochpreis-Label des internationalen Kunstmarkts gediehen ist, kann es sich kaum ein junges Atelier mehr leisten, nicht wieder Leinwände aufzuspannen und sie mit Mensch und Tier und Alien aufzufüllen.

Eine Zeitlang sah es so aus, als sei das gemalte Bild vom Sog der technischen Bilder vollends verschluckt, und die Fortschrittskunst gab sich konzeptuell minimalistisch, videotechnisch installativ. Dabei hat die Konjunktur des Malverzichts gerne übersehen, dass die Malerei nie wirklich zur Abrüstung bereit gewesen ist und immer nur auf ihre Stunde gewartet hat. Und als nachwendezeitlich dann der gepflegte Gegensatz zwischen aufgeklärter Bilderskepsis im Westen und volkspädagogischer Bildbewirtschaftung im Osten zusammenbrach, waren es die alten Bildermacherstädte wie Leipzig, aus denen der Nachschub der begehrten Bilder kam.

"Made in Leipzig" hieß eine Ausstellung, die unlängst im Museum des Sammlers Karlheinz Essl im österreichischen Klosterneuburg zu sehen war. Ein Überblick über die junge "Schule" mit ein paar Stützen der Gesellschaft wie Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und Arno Rink. Bewiesen werden sollte, wie die Dinge in langer lokaler Akademietradition gewachsen sind. Vor allem die Katalog texte von Julia Blume und Tina Schulz zur Geschichte der Leipziger Kunsthochschule bieten dazu viel Information jenseits von Trend und Hype.

Dabei wird niemand das Marketing verkennen, das den Welterfolg begründen half.

Man kann nicht an Stars wie Neo Rauch, Matthias Weischer oder Martin Eder denken, ohne dass einem ihr Impresario Gerd Harry (genannt Judy) Lybke einfiele. Der Galerist, der in kürzester Lebensfrist vom unbotmäßigen Zögling der DDR-Spätgesellschaft zum perfekten Neubürger im globalisierten Kapitalismus erwachsen ist, hat mit seinem munteren "product placement" in New York gewiss nicht wenig zur Anerkennung der Leipziger beigetragen.

Aber es wäre nun doch etwas heldensüchtig, wenn man alle Erfolgslast auf seine Schultern bürdete. Diese "neue deutsche Malerei" verfinge und verführte nicht, wenn sie nicht verbreitete Bildbedürfnisse befriedigte.

Was vor allem fasziniert, ist die Ge fälligkeit, mit der sich diese Bilder ins Panorama des zeitgenössischen Lebensgefühls fügen. Bilder vom fragmentierten Erleben, wie im Kaleidoskop aus erinnerten und imaginierten Bildspuren geschüttelt, wunderbar entlastet vom alten Zwang, die Sinn-Stücke noch einmal zum Sinn-Ganzen puzzeln zu müssen. Gute Unterhaltung für das reizverwöhnte Auge, die ideale Umgebungskunst der jungen urbanen Eliten.

Wenn Charlotte Mullins ihre Kunst-heute- Bilanz kurz "People" nennt, dann meint sie eben beide, die Leute, die die Bilder bevölkern, und die Leute, die sich in den Bildern spiegeln. Der Band der englischen Kunstkritikerin ragt aus dem fülligen Werbematerial einsam heraus. Einmal entwirft sie sehr genaue Parameter für ihren Untersuchungsgegenstand, verortet die Bilder in ihrem Verhältnis zur Stadtkultur, im zitathaften Umgang mit Vergangenheit, in der Virtuosität, mit der sie Utopie durch Fremdheit ersetzen und ihre Geschichten nicht anders denn als Rätselgeschichten erzählen.

Zum anderen zeigt das internationale Aufgebot, dass die jungen Bilder in Peking, Kinshasa und Kioto so viel anders nicht aussehen als in Leipzig. Ähnlich deuten auch Christiane Lange und Florian Matzner in der "Malerei der Gegenwart" die Rückkehr zur Figur als kunstweltweites Phänomen, an dem die verschiedensten Generationen beteiligt seien. Die Ausstellung, die sie für die Hypo-Kulturstiftung in München und das Museum Franz Gertsch im schweizerischen Burgdorf (bis 11. Februar 2007) kuratiert haben, mischt denn auch Altgediente wie Lucian Freud, Eric Fischl, Mel Ramos, Xenia Hausner oder Maria Lassnig unter den Nachwuchs.

Dabei buchstabiert jede Besetzungsliste ihr Alphabet ein wenig anders. Immer geht es ja auch um den Kanon. Wer ist dabei, wen haben wir auf der Ersatzbank, wen schmuggeln wir zur Mannschaft?

Am engsten fasst das Feld Christoph Tannert.

"New German Painting" meint hier reine Bestsellermalerei. Wer es mit seinen Bilderhits noch nicht in die Charts gebracht hat, der hat in der Auswahl nichts verloren.

Wer drin ist - von Jonathan Meese über Norbert Bisky bis zu David Schnell -, gehört zur Erfolgsklientel des ehemali gen DDR-Kunstkritikers, der die Zeitgeistmalerei leicht verschwurbelt als "Stau-Stufen des Verfließens in Spurenlosigkeit" feiert.

In alle vier Bände hat es nur Neo Rauch geschafft, dreimal immerhin werden Eberhard Havekost und Christoph Ruckhäberle geführt. Ansonsten ist das fast zehnjährige Neue ja nun auch nicht mehr so neu. Neu, immer noch neu ist nur die elegante Passform einer Malerei, die nie in ihrer Geschichte so sehr Layout des ästhetisierten Alltags gewesen war.

"Lesend im Roten Salon", gemalt 2002 von der Londoner Künstlerin Delia Brown

"Das Wunder" (2001) von Michaël Borremans

Romantische Katastrophe: Dirk Skreber, ohne Titel ("Niemandsland") aus dem Jahr 2004

Christiane Lange und Florian Matzner (Hrsg.): Malerei der Gegenwart - Zurück zur Figur. Prestel Verlag. 216 S., 126 Abb., 39,95 Euro

Made in Leipzig. Edition Sammlung Essl. 231 S., 339 Abb., Text in Deutsch und Englisch, 32,90 Euro

Charlotte Mullins: People.

Kunst heute. DuMont Verlag.

192 S., 205 Abb., 25 Euro

Christoph Tannert: New German Painting. Prestel Verlag. 256 S., 240 Abb., Text in Deutsch und Englisch, 49,95 Euro

HANS-JOACHIM MÜLLER