Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 73
Idylle und dunkle Gefühle
Von Sandra Danicke
Das Städel untersucht Gartendarstellungen im Laufe der Jahrhunderte FRANKFURT: GARTEN DES MALERS
Die Idylle ist perfekt: Maria sitzt, in ein Buch versunken, in der Ecke eines prächtigen Gartens. Neben ihr stehen Wein und Obst bereit, und um sie herum herrscht entspanntes Treiben: Das Jesuskind spielt unter der Obhut einer jungen Dame auf einem Psalter, Erzengel Michael und Luzifer sitzen einträchtig neben dem Erdbeerstrauch und ein kleiner Drache liegt reglos auf dem Rücken. Das "Paradiesgärtlein" eines anonymen Meisters aus dem beginnenden 15. Jahrhundert gehört zu den Hauptwerken der Sammlung des Städel Museums und zu den prominentesten Darstellungen eines gemalten Gartens in der Kunstgeschichte. Dies liegt nicht zuletzt an seiner naturwissenschaftlichen Detailgenauigkeit:
Zwölf identifizierbare Vogelarten und 24 Pflanzen finden sich in der von Mauern geschützten Idylle.
Doch warum sitzt Maria nicht, wie damals üblich, in der Mitte? Die rätselhafte Holztafel nahm das Städel zum Anlass für eine charmante Ausstellung, die 200 Gartenbilder aus unterschiedlichen Epochen präsentiert und den Garten als Schauplatz entscheidender ästhetischer Neuerungen definiert. Während etwa Jean-Antoine Watteaus "Einschiffung nach Kythera" den Garten als Metapher für eine gesellschaftliche Utopie deutete, in der die Menschen gleichberechtigt und ohne Mühsal das Leben genießen, versuchte Vincent van Gogh im "Irrenhausgarten von Saint-Rémy" die dunkle Gemütsverfassung seiner Mitpatienten darzustellen. Wo die Vegetation bei Caspar David Friedrich eher spartanisch anmutet, nutzte Claude Monet seinen eigenen üppigen Garten in Giverny als Motiv für atmosphärische Landschaftsräume.
Termin: 24. November bis 11. März 2007. Gefördert von Der grüne Punkt, Alnatura und Landwirtschaftliche Rentenbank Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29,90 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro.
Internet: www.staedelmuseum.de
