Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 70-72
Bacchanal für alle Sinne
Von Kito Nedo
Retrospektive des österreichischen Aktionskünstlers im Martin-Gropius-Bau BERLIN: HERMANN NITSCH
Die Wiener Aktionisten gelten als die ersten und gleichzeitig letzten Avantgardisten der österreichischen Kunst. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern Günter Brus, Otto Mühl und Rudolf Schwarzkogler erschütterte der 1938 in Wien geborene Hermann Nitsch in der Nachkriegsära mit provokanten Aktionen und Statements den erstarrten Zeitgeist in Österreich, was den Künstlern damals sogar Prozesse und Gefängnisaufenthalte einbrachte.
Noch heute hallen die performativen Kunstexplosionen der Wiener Wilden in der Kunstproduktion des Alpenstaats nach. Ob Erwin Wurm, Valie Export, Wolfgang Flatz oder die Künstlergruppe Gelitin: Die Auseinandersetzung mit dem Körper und die des Körpers mit der Gesellschaft gehört seit dem Aktionismus zum Pflichtprogramm in Austria.
Nach den wilden Sechzigern gingen die Schock-Künstler allerdings getrennte Wege: Otto Mühl arbeitete zurückgezogen mit seiner Kommune, der Aktions- Analytischen Organisation (AAO), mitunter etwas zu heftig an der Zerstörung der bürgerlichen Familie und ihrer Moral - er wurde 1991 von einem österreichischen Gericht wegen Unzucht mit Minderjährigen zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Günter Brus widmete sich der Produktion umfangreicher Zeichnungs- und Textzyklen, Rudolf Schwarzkogler starb bereits 1969 im Alter von 28 Jahren bei einem Fenstersturz.
Nitsch hingegen verfolgte mit unermüdlicher Energie die Realisierung seines bereits 1957 erdachten, sechstägigen Orgien-Mysterien-Theaters, eines streng choreografierten Gesamtkunstwerks aus Kreuzigungsprozessionen, Gerüchen, Musikdarbietungen, Tomaten-, Weintrauben-, Blut- und Farbexzessen, bacchantischem Gelage und rituellen Tierschlachtungen. Alle fünf Sinne der Spielteilnehmer sollen direkt beansprucht werden. Am fünften Tag sollten nach dem Willen des Künstlers sogar Panzer auffahren und nach einer Woche mit theatralisch überhöhter Freilegung der inneren menschlichen Triebstrukturen öffnet sich das Universum.
1998 fand das Sechstagespiel unter der Mitwirkung von mehreren Hundert Akteuren und Musikern auf dem Gelände von Schloss Prinzendorf zwischen Wien und Brünn statt, wo Nitsch seit Anfang der siebziger Jahre lebt und arbeitet.
Mit einer ersten, von Britta Schmitz organisierten Retrospektive des rauschebärtigen, ehemaligen Antikünstlers gibt es nun im Berliner Martin-Gropius-Bau die Möglichkeit, sich einen umfassenden Überblick über Nitschs Berserkertum aus fünf Jahrzehnten zu verschaffen.
Höhepunkte der Schau sind etwa der "Existenzaltar" (1960), neun großformatige "Kreuzwegstationen" oder die "Geißelwand" (1963) aus dem Bestand des Museums Ludwig in Köln. Neben den Schütt- und Wälzbildern werden in weiteren Räumen Objekte, Aktionsfotos, Partituren, Zeichnungen und Videodokumentationen zu sehen sein, die im Zusammenhang mit den vielen Aktionen des Künstlers entstanden sind.
Da Nitsch seine Aktionen oft mit selbst komponierter, stundenlanger Musik untermalt, werden Partituren ausgestellt und wurde ein Musikraum eingerichtet.
Termin: 30. November bis 22. Januar 2007.
Katalog: Verlag Buchhandlung Walther König, 20 Euro. Internet: www.freunde-der-nationalgalerie.de
