Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 34-40
Das süße Geheimnis der Gioconda
Von Kia Vahland
Mit neuen wissenschaftlichen Methoden wurde das berühmteste Gemälde der Welt durchleuchtet. Jetzt stellt der Band "Im Herzen der Mona Lisa" mit vielen Spezialfotografien des 500 Jahre alten Bildes die überraschenden Ergebnisse vor
Als die italienische Fußballnationalmannschaft nach ihrem WM-Sieg gegen Frankreich durch Rom zog, war das Volk in Siegerlaune. Kein Wunsch schien an diesem Tag unmöglich. Was also skandierten die Menschen auf der Straße? "Franzosen, gebt uns die Gioconda zurück!" Leonardo da Vincis (1452 bis 1519) Mona Lisa ist eben nicht nur ein Gemälde. Jeder kennt sie, vielen bedeutet sie etwas. So weit hat es unter den Kunstwerken ansonsten nur die amerikanische Freiheitsstatue gebracht. Und die wird eher geachtet als bewundert.
Eine "völlig traumhafte Wirkung" übe das "Bildnis der Bildnisse" auf ihn aus, gestand im 19. Jahrhundert der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt.
Andere Verehrer in seiner Zeit ertrugen die Ausstrahlung der Figur weniger souverän. "Wie ein schüchterner Schuljunge" fühlte sich der Schriftsteller Théophile Gautier. Sein Kollege Walter Pater empfand die Schönheit dieser Frau gar als vampirisch.
Im 20. Jahrhundert wurden manche Anhänger handgreiflich. 1911 ließ ein Krimineller die Mona Lisa entführen, um mehrere Kopien als angebliche Originale an Kunstliebhaber zu verkaufen. Der Fall konnte aufgeklärt werden; das Gemälde kehrte in einem Triumphzug heim. 1956 überlebte es ein Säureattentat. Wenig später warf ein Louvre-Besucher einen Stein auf die Tafel und zertrümmerte Mona Lisas linken Ellenbogen. Schockartig durchfuhr die Öffentlichkeit die Erkenntnis, dass ihr liebstes Kunstwerk verletzlich ist. Die Gioconda, übersetzt "die Fröhliche", wurde hinter Panzerglas in Sicherheit gebracht und bei ihrem Ausflug 1963 nach Amerika von Marinesoldaten begleitet.
Die Mona Lisa werde wie eine "Unterwassergöttin" präsentiert, spottete der Kunsthistoriker Kenneth Clark einmal über den undurchdringlichen Glaskasten und die dicke Firnisschicht.
Nun wurde das Werk zum ersten Mal seit vier Jahrzehnten untersucht, aufwändiger als je zuvor. Ein halbes Jahr lang besuchten die Konservatoren des Louvre nach Museumsschließung die Gioconda, betrachteten sie eindringlich und durch leuchteten ihre Farben mit verschiedenen Kameras. Doch den jahrhundertealten Schmutz auf dem Bild entfernten sie nicht und entnahmen auch nicht wie üblich Pigment- und Holzproben. Niemand sollte ihnen vorwerfen können, sie sei en respektlos wie die Holzwürmer, die sich in früheren Jahrhunderten in die Rückseite der Pappeltafel fraßen.
Auch so eröffnen die Untersuchungen eine neue Perspektive. Die Aufnahmen des Werks von allen Seiten einschließlich der Rückwand führen der Welt vor Augen: Die Mona Lisa mag ein Mythos sein. Aber sie ist doch zunächst ein Gemälde. Also ein vielschichtiges Ding aus Bildträger, Grundierung, diversen Farbaufträgen. Ein Holzbrett, das sich in der Mitte wölbt und oben gerissen ist, als ein Bilderrahmen zu eng saß.
Das beruhigende Ergebnis der Studie: Die Gioconda ist gesund und längst nicht so fragil wie in den vergangenen Jahren befürchtet.
Der Riss über ihrem Kopf verschlimmert sich nicht und die Holztafel hält den Zugkräften in ihrem Inneren weiter stand. Das Craquelé, das Netz aus Haarrissen im Farbauftrag, ist zwar dem Alter der Tafel entsprechend ausgeprägt, aber harmlos.
Außer dem reparierten Bruch am Ellenbogen hat die Mona Lisa keine relevanten Problemzonen, weil es auch in früheren Jahrhunderten keine nennenswerten Eingriffe gegeben hat.
Die in verschiedenen optischen Verfahren produzierten Aufnahmen lassen das Gemälde mal in Grün, mal in Rot erscheinen, dann wieder wie in Sand gegossen. Das wirkt auf den ersten Blick wie Andy Warhols seriell verfremdete Bilder der Mona Lisa.
Doch sehen die Kameras Linien und Konturen, die das Auge vor lauter Firnis nicht mehr wahrnimmt.
Besonders erhellend ist die Infrarotreflektografie, eine noch relativ junge Technologie. Hier ist die Szene erstmals präzise zu erkennen. Mona Lisa sitzt auf einem toskanischen Holzsessel mit halbrunder Lehne und geschnitztem Säulenmuster. Deutlich sichtbar ist nun die vertäfelte Loggia mit den beiden Säulen, die links und rechts vom Bildrand überschnitten werden. Am Hinterkopf hält eine Haube Mona Lisas Haar zusammen.
Ein paar braune Locken haben sich gelöst und fallen auf die bloße Haut des Dekolleté; manche erscheinen in der Reflektografie hellgrau, weil Leonardo da Vinci sie später übermalte.
Den Ausschnitt des Miederkleids ziert eine feine ornamentale Stickerei. Sogar an die Abnäher über der Brust dachte der Maler, wie die Aufnahme erstmals zeigt. Sorgsam zog er seine Figur Schicht für Schicht an und malte das Ornament auch an den Stellen, über die später Tuch fiel. Überraschenderweise erweist sich dieses in der Reflektografie als Gazestoff, vom Firnis verdunkelt. Mona Lisa trägt also nicht nur einen Kopfschleier, sondern auch ein transparentes Oberkleid mit weiten Ärmeln.
Am linken Arm hat sie die Gaze hochgekrempelt, so dass diese wie eine Toga über ihrer Schulter liegt. Der durchsichtige, großzügig drapierte Stoff verleiht der Figur zusätzliches Volumen.
Gleichzeitig gelingt es Leonardo durch das flirrende, federleichte Material, seine Frauenfigur noch bewegter erscheinen zu lassen, als sie durch ihre Körperwendung zum Betrachter sowieso schon wirkt. Das war ihm wichtig, da er meinte, die Seele eines Menschen drücke sich in den Regungen seines Körpers aus: "Der gute Maler muss in der Hauptsache zweierlei malen, nämlich den Menschen und seine geistige Verfassung. Das Erstere ist leicht, das Letztere schwierig, denn man muss es durch die Gebärden und Bewegungen der Glieder darstellen." Nun können auch die Konservatoren des Louvre Mona Lisas Gedanken nicht lesen. Über ihre körperliche Verfassung aber vermögen sie Neues zu sagen: Vermutlich erwartete die Gioconda ein Baby. Ein Oberkleid aus Gaze nämlich trugen im Florenz der Renaissance nur kleine Kinder und schwangere Frauen.
Das allerdings klärt noch nicht die viel diskutierte Frage, wer die Dargestellte war. Die gängigste Meinung ist, es handele sich um Lisa di Noldo Gherardini, die Frau des Florentiner Seidenhändlers Francesco del Giocon do. Dafür spricht eine Erzählung des Kunstschriftstellers Giorgio Vasari (1511 bis 1574), der das Bildnis jedoch nur vom Hörensagen kannte - weswegen er zum Beispiel Augenbrauen und Wimpern erfindet, die gar nicht gemalt sind. Lisa del Giocondo gebar im Dezember 1502 ihren Sohn Andrea.
Während des Großteils ihrer Schwangerschaft und während der Geburt war Leonardo nicht in Florenz.
Er müsste also schon darauf bestanden haben, dass Lisa nach der Niederkunft noch einmal ihr Umstandskleid für die Modellsitzungen überzieht. Für eine solche Inszenierung aber fehlen die Indizien.
Selbst wenn es Lisa del Giocondo war, die er malte: Leonardo hat das Bildnis nie an den Seidenhändler und seine Frau ausgeliefert. In einer Zeit, in der Künstler nicht aus freien Stücken, sondern für Dienstherren arbeiteten, war das ungewöhnlich. Leonardo bedeutete das Gemälde der Gioconda so viel, dass er es mit nach Frankreich nahm. Erst kurz vor seinem Tod verkaufte ein Schüler das Werk dem französischen Königshaus, von wo aus es später in den Louvre kam.
Offensichtlich ging es Leonardo um mehr als um das Porträt einer bestimmten Person. Immer wieder hat er in seinen Schriften die Malerei mit der Schöpfung verglichen. Eine lebendige Frau altere und sterbe, ihr Gemälde dagegen währe ewig: "Wie viel mehr Würde hat so das Werk des Malers als das Werk der Natur, seiner Lehrmeisterin!" In seinem Drang, die Natur zu verstehen und zu übertreffen, beschäftigte er sich mit ihr wie kein anderer Künstler und Wissenschaftler seiner Zeit. Er zeichnete Embryonen im Mutterleib, den Zeugungsakt, Berge, Tiere und Pflanzen aller Arten, sogar Wirbelstürme. Nur der Malerei aber traute er zu, ein Weltenbild zu entwerfen.
In Leonardos Verständnis war die Erde gewissermaßen mit dem Menschen verwandt: Er stellte sich den Planeten als gewaltigen Körper vor, mit unterirdischen Flüssen als Blutadern und Bergen als Knochengerüst.
Ein Wesen, das Leben gebären kann, aber immer vom Tod bedroht ist.
Auch im Bild der Gioconda korrespondieren Mensch und Erde. Die Schwangere thront vor einer Natur, wie sie nie zu vor gemalt wurde, mit fein gepinselten Wasserläufen und Berg - gipfeln. Ihre Locken scheinen sich in den Windungen der Täler fortzusetzen.
Hinter ihrer linken Schulter fließt ihr bräunlicher Gaze-Überwurf in die Flusslandschaft und verschwimmt mit ihr. Der Hintergrund zeigt zwei verschiedene Landschaften mit unterschiedlichen Horizonten. Auf der rechten Bildseite ist ein reißender Strom zu sehen, die Gioconda schaut und lächelt in seine Richtung. Den anderen Mundwinkel dagegen rührt sie nicht. Auf dieser Seite liegt der Horizont tiefer und das Flussbett ist ausgedorrt.
Die Gebärende lächelt dem Leben zu, nicht dem Tod.
Dafür, dass auch sein Bild lange, wenn nicht ewig lebe, tat Leonardo da Vinci alles. Schließlich sollte seine Malerei die Natur in jeder Hinsicht übertreffen. Er wählte gute Materialien und arbeitete so sorgfältig, dass die Konservatoren nicht einen Pinselabdruck erkannten und auch nach Vorzeichnungen vergeblich suchten. Die einzige Studie, die sie fanden, ist ein winziger Strich unter der rechten Iris. Wie der Künstler vorging, welche Pläne er hegte und verwarf, wie lange er an dem Gemälde malte, das beantworten die neuen Analysen nicht. Auch sein Sfumato, die von ihm entwickelte Helldunkelmalerei, konnten sie nicht ergründen.
Leonardo hat seine Spuren als Künstler erfolgreich verwischt. Als Schöpfer tritt er umso deutlicher in Erscheinung.
Der Natur wissenschaftler entschied sich für Farbsubstanzen, die dem, was sie wie der geben sollten, möglichst nahe kamen. So mischte er Mona Lisas Teint wenige Körner Zinnober bei, was die Blutzirkulation unter der Haut simuliert.
Es muss in Leonardos Sinn gewesen sein, dass alle Autoren vom 16. Jahrhundert bis heute über die Gioconda sprechen, als wäre sie kein Kunstwerk, sondern eine lebendige Frau. Schon Vasari meint 1568, Mona Lisas Puls schlagen zu hören und in ihren Augen "den feuchten Glanz der Lebenden" zu erkennen. Und als nun die Nachricht von ihrer Schwangerschaft die Runde machte, wünschte sich ein Journalist Ultraschallaufnahmen. Und zwar nicht von den Farbschichten, sondern von dem Baby in Mona Lisas Bauch aus Pappel holz.
Literatur: Bruno Mottin u. a.: Leonardo da Vinci. Im Herzen der Mona Lisa. Dekodierung eines Meisterwerks.
Schirmer/Mosel Verlag, 58 Euro; Frank Zöllner: Leonardos Mona Lisa, Wagenbach Verlag, 12,90 Euro; Giorgio Vasari: Das Leben des Leonardo da Vinci, Wagenbach Verlag, 12,90 Euro; Daniel Arasse: Leonardo da Vinci, DuMont Verlag 2002
Kasten:
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1503 bis 1506 malte Leonardo das Porträt einer Frau, bei der es sich möglicherweise um Lisa di Noldo Gherardini, die Frau des Florentiner Seidenhändlers Francesco del Giocondo handelte
Auch die Rückseite des Gemäldes wurde intensiv untersucht, um Veränderungen im Holz festzustellen.
Zu erkennen sind rechts oben ein mit zwei "Schwalbenschwänzen" geklammerter, für das Gemälde unproblematischer Riss sowie diverse Holzwurmlöcher
Leonardo malte verschiedene Kleidungsstücke übereinander. Eine Infrarotreflektografie, bei der viele Pigmente transparent werden, ließ den Gazestoff erscheinen
Botticellis Porträt der schwangeren Smeralda Brandini zeigt ein Gazekleid
Vermutlich erwartete die Mona Lisa ein Kind, denn ein Kleid aus Gaze trugen im damaligen Florenz nur Kinder und Schwangere
Acht Tage zwischen Oktober 2004 und April 2005 wurde die Mona Lisa untersucht
Das beruhigende Ergebnis der Studie: Die Gioconda ist gesund und längst nicht so fragil wie in den vergangenen Jahren befürchtet
Mit unterschiedlichen Aufnahmetechniken wurden Befunde erstellt:
Links eine Fluoreszenzfotografie, die spätere Retuschen blau sichtbar macht.
Rechts eine Schichtröntgenaufnahme, mit der Malschichten offenlegt werden
Ein Sobelfilter vor der Kamera (links) gibt ein präzises Bild des Craquelénetzes, also der feinen Rissmuster im Firnis. Die Falschfarbeninfrarotaufnahme zeigt Änderungen der Komposition und restauraratorische Eingriffe
Wirkt das rätselhafte Lächeln weniger mysteriös, wenn es Ausdruck einer Schwangerschaft ist?
Mona Lisa schaut in die Richtung eines reißenden Flusses.
Die Gebärende lächelt dem Leben zu, nicht dem Tod
