Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 24-33

Skulptur auf Abwegen

Von Elke Buhr

Mit kuriosen Apparaten und Aktionen führt Michael Sailstorfer die Dingwelt ad absurdum. Sein technischerSlapstick machte ihn schon als Student zum Kunststar

Eines der neuesten Selbstporträts von Michael Sailstorfer ist eine kompakte Säule aus Licht, die nachtsfrech durch das Galeriedach bricht und hoch in den Himmel hinausgreift. Ein anderes Mal hat sich Sailstorfer alsAutoreifen dargestellt, der sich, von einem Elektromotor gedreht, mit sinnloser Energie an einer Wand abschabt und denRaum mit Gummigestank füllt.

Nein, natürlich sind dies keine Selbstporträts im engeren Sinne: Michael Sailstorfer sieht schließlichkeineswegs aus wie eine ätherische Lichtsäule.

Eher wie ein kräftiger junger Kerl mit wachen Augen, die beim Treffen im Café in Berlin-Mitte - auch erist kürzlich hierhin gezogen - schnell hinter der Sonnenbrille hervordürfen.

Aber trotzdem ist es einleuchtend, wenn er sagt, seine plastischen Arbeiten seien, ganz ohne Gefühlsduselei, oftAbbilder seiner selbst: der eigenen Stimmungen, des Sich-Bewegens in der Welt. Denn was ist ein Mensch? Eine Person imRaum, die sich irgendwie verhält, die sich bewegt, die Wirkungen erzielt oder auf Dinge reagiert. Und genausosind vor allem in neuester Zeit die Arbeiten Michael Sailstorfers. Eine ganze Klasse von plastischen Werken ist daentstanden, die mit den physischen Grenzen der Skulptur arbeiten, die sich ausdehnen, im wahrsten Sinne über sichselbst hinauswachsen.

Mit allen verfügbaren Mitteln tasten sich die Objekte in den Raum hinein: Per Geruch, wie bei derReifeninstallation mit dem Titel "Zeit ist keine Autobahn" (2005), die allein durch ihre markantenAusdünstungen ganze Museumsgebäude dominieren kann. Per Licht, wie bei der "UnendlichenSäule", mit der Michael Sailstorfer im Sommer 2006 in der Berliner Galerie Johann König durch die Deckeging. Oder auch per Klang, wie in seiner großen Arbeit "Reaktor", die er 2005 in der Akademie derBildenden Künste München installierte.

Ein riesiger grauer Betonkubus dominiert den Raum, zahlreiche Mikrofone steckten darin, deren Kabel zu einem Mischpultführten, das vor einem Lautsprecher stand. "Der Betonblock funktioniert wie ein Tonabnehmer an einerGitarre. Er nimmt die Schwingungen von dem Gebäude ab - das dockt so auch an die Architektur an",erklärt Sailstorfer. Je mehr Leute durch das Treppenhaus laufen, desto mehr Schwingungen und desto mehr Ton gibtes, der überdies durch die Rückkopplung von Mischpult und Lautsprecher verstärkt wird. Der schwingende,leicht bedrohliche Sound, der entstand, durchdrang mühelos das ganze Akademiegebäude:

"Ich dachte wirklich an die Strahlung eines Reaktors", sagt Sailstorfer.

Dieser subversive "Reaktor" von 2005 war die studentische Abschlussarbeit Sailstorfers als Schüler OlafMetzels an der Akademie in München - und gleichzeitig schon das Werk eines Plastikers, den man kaum noch alsNewcomer bezeichnen kann. "Hoffnungsträger", "Aufsteiger", "Überflieger", sotiteln die Zeitungen gern, wenn sie über den 1979 im bayerischen Velden/ Vils geborenen Michael Sailstorferberichten. Schon der Vater hatte Kunst studiert, neben der Arbeit im familieneigenen Steinmetzbetrieb gelegentlichausgestellt und den Sohn früh auf jede Vernissage mitgenommen.

So war es für Michael Sailstorfer fast natürlich, an die Akademie zu gehen und die Bildhauerei zuwählen:

"Malerei hat mich nie interessiert, ich wollte immer ins Dreidimensionale, basteln", sagt er."Waldputz" hieß seine allererste Akademie-Arbeit aus dem Jahr 2000: ein sauber abgeteiltes,rechteckiges Stück Erde mitten im Wald, das Sailstorfer und sein Studienkollege Alfred Kurz akkurat vom Bewuchsbefreiten.

Der hintersinnige Putz war eine Art Grundsteinlegung: "Es ging ums Arbeiten mit vorhandenen Materialien unddarum, mehr durch Wegnehmen etwas zu schaffen als durch hinzufügen." Was dann kam, war so charmant undclever, dass die Kunstwelt Sailstorfer binnen Kurzem zu Füßen lag. Drei Monate lang schraubte und werkelteer, bis aus vier Wohnmobilen eine Hütte geworden war, eine dreidimensionale Collage mitsamt funktionierenderElektrik. "Heimatlied", das skurrile Architekturobjekt von 2001, stellt die notorische Mobilität mitironischem Blinzeln still, und zwar mitten in der bayerischen Ländlichkeit.

Hier ist auch der Schauplatz der Aktion "3 Ster mit Ausblick", die er 2002 gemeinsam mit Jürgen Heinertdurchführte. "3 Ster", das ist das Maß für die Menge Holz, die in einer Hütte verbautwurde, die einsam auf einer Wiese steht. Im Laufe eines Tages haben Sailstorfer und Heinert diese Hüttedemontiert und im hütteneigenen Ofen verfeuert. In der dazugehörigen stark beschleunigten Videodokumentationsind die Akteure nicht zu sehen: Es sieht aus, als fresse die Hütte sich selbst.

Nachdem das "Behausungsthema", wie Sailstorfer es nennt, auf diese Art erfolgreich in Rauch aufgelöstwar, griff er in den Kosmos aus. "Und sie bewegt sich doch!" heißt eine Installation von 2002, bei dereine Straßenlaterne als Mond um eine große, beulige Blecherde kreist, angetrieben von dem Motor vonSailstorfers altem Mercedes. Kurz vorher war der bereits zur Abschussrampe für eine Straßenlaternegeworden, die als "Sternschnuppe" 2002 gen Himmel flog, um dann tragikomisch auf dem Boden zu zerschellen.Nach Haus- und Kosmoserkundungen befindet sich Sailstorfer nun in einer neuen Phase: der Erkundung des Raumsdazwischen, des "gelebten Raums", so sagt er, in dem man sich als Person bewegt, sich ausdehnt, Platzeinnimmt, Beziehungen eingeht.

Skulptur als Selbstporträt: In Sailstorfers jüngster Ausstellung, der Präsentation zum Ars-Viva-Preis2006/07 in Dresden, wird dieses Konzept ganz offensichtlich. Denn neben der "Zeit ist keine Autobahn"-Reifenzeigt Sailstorfer hier schlicht eine Klanginstallation, in der zwei Lautsprecher einen Raum mit einem Herzschlagfüllen, der sein eigener ist. Das subtile Gegengewicht zu den Ausdehn- Skulpturen bilden zwei Fotografien ausseinem Atelier, von Freunden, deren Gesichter komplett mit einer Gipshülle umschlossen sind: vom außen nachinnen, vom Ausbreiten im Raum zur absoluten Innenschau.

Von allen Seiten wird hier Maß genommen und abgeklopft:

Selbstvergewisserung tut not, nach dieser Blitzkarriere. Noch nicht sieben Jahre alt ist Sailstorfers Werk, und schonist es vom Künstler selbst in drei Phasen eingeteilt, prämiert mit mehreren Kunstpreisen, gezeigt aufKunstfestivals und Biennalen von Salzburg bis Sydney. Sailstorfer ist glücklich über den Erfolg und dieAnerkennung - aber ob er es anderen wirklich empfehlen würde, seine erste Galerieausstellung, so wie er, gleichim vierten Semester loszulassen, daran zweifelt er heute. "Manchmal ist es vielleicht besser, sich in Ruhe zuentwickeln.

Bei mir war das eine Entwicklung unter den Augen der Öffentlichkeit.

Man braucht dann ein Riesenselbstbewusstsein, um sich eventuell auch Fehler einzugestehen.

Das ist schon ein großes Problem, wenn man dann anfängt zu überlegen, was gefallen könnte, oderwenn man plötzlich nur noch für Ausstellungen produziert." Diese Öffentlichkeit, die Sailstorfernicht mehr aus den Augen lassen mag, liebt ihn für seine zupackende Art, für seine gut geerdeteOriginalität, seinen sicheren Instinkt für Form, Material und Raum. Und fast mit Erleichterung wurde von derKritik registriert, dass er auch nach seinem Studienjahr am Goldsmiths College in London 2003 bis 2004 kein"verkopfter Konzeptkünstler" geworden sei. Doch wahrscheinlich ist es nicht zuletzt diesem Ausflug indie Hochburg der Theorie zu verdanken, dass Sailstorfer dem Klischee des bayerischen Hüttenbauers keine Chancegelassen hat.

Er sei früher impulsiver gewesen, habe einfach gemacht, sagt er. Nach wie vor mag er Kunst nicht komplett amSchreibtisch entwerfen, sein Spiel allerdings bekommt mehr System. Er ist sehr selbstkritisch - nur ein Bruchteil derIdeen, die er in seinem Atelier entwickelt, kommt am Ende in die Öffentlichkeit, manchmal zieht er Arbeiten sogarnoch kurzfristig zurück, wenn seine Zweifel zu groß werden.

Auf die witzigen, oft sehr narrativen Titel, die zum Anfang sein Markenzeichen waren, verzichtet er zunehmend, denn ermöchte nicht als oberflächlicher Effektemacher missverstanden werden.

In Berlin teilt sich Sailstorfer jetzt ein Atelier mit zwei anderen Bildhauern, Michael Beutler und Tue Greenfort: Dahaben sich drei junge Künstler gefunden, die auf jeweils unterschiedliche Weise, aber mit ähnlicherBeharrlichkeit an einem zeitgemäßen Skulpturbegriff arbeiten. In naher Zukunft möchte Sailstorferwieder mehr in Architekturen und Landschaften arbeiten, Dinge tun, die ihm an einem bestimmten Ort zwingenderscheinen, und nicht nur nach Bestellung in Ausstellungs- und Museumsräumen funktionieren. Er schaut rechtoptimistisch drein. Wer Laternen als Sternschnuppe gen Himmel schießen kann, der weiß auch, wie manweiterfliegt.

Galerie: Johann König, Berlin. Tel. (030)

26 10 30 80, www.johannkoenig.de Ausstellung: "ars viva 06/07 - Erzählung/narration", Oktagon, HfbKDresden, bis 26. November.

Danach Stadtgalerie Saarbrücken, 3. Februar bis 1. April 2007, House of the Lords of Kunstat, Brünn,Frühjahr 2007. Katalog: Revolver Verlag, 20 Euro. Literatur: Für immer war gestern.

Michael Sailstorfer. Verlag für moderne Kunst, 29 Euro

2002 schoss Sailstorfer von einer Rampe an seinem Mercedes eine leuchtende Laterne in die Landschaft und nannte dieAktion "Sternschnuppe"

Selbstvertilgung einer Holzhütte: In "3 Ster mit Ausblick" (2002) von Sailstorfer und JürgenHeinert verbrennt sich eine Laube vollständig im eigenen Ofen

Licht-Dom en miniature: In der Galerie Johann König in Berlin ließ Sailstorfer eine Lichtsäule durchdas Dach schießen ("Unendliche Säule", 2006)

Ein Reifen scheuert sein Gummi an der Wand ab und erfüllt das ganze Haus mit markanten Ausdünstungen:

"Zeit ist keine Autobahn" (2006)

Auch Motorradrocker haben ein Recht auf Sentimentalität:

Fahrbarer Weihnachtsstern mit dem Titel "Bethlehem" (2004)

Sailstorfers erste Studentenarbeit (gemeinsam mit Alfred Kurz) bestand aus einem sauber von Bewuchs befreitemStück Natur:

"Waldputz" (2000)

Turtellaternen, die ihre Köpfe zueinander neigen und ab und an kleine Blitzentladungen freisetzen:"Elektrosex" (2005)

Michael Sailstorfer hat eine ganze Klasse von plastischen Werken gebaut:

Alle arbeiten mit den physischen Grenzen der Skulptur, die sich ausdehnen

Hat sein Atelier in Berlin: Michael Sailsdorfer (Foto: Anne Schönharting)

2002 schoss Sailstorfer von einer Rampe an seinem Mercedes eine leuchtende Laterne in die Landschaft und nannte die Aktion Sternschnuppe

Selbstvertilgung einer Holzhütte: In 3 Ster mit Ausblick (2002) von Sailstorfer und Jürgen Heinert verbrennt sich eine Laube vollständig im eigenen Ofen

Licht-Dom en miniature: In der Galerie Johann König in Berlin ließ Sailstorfer eine Lichtsäule durch das Dach schießen (Unendliche Säule, 2006)

Ein Reifen scheuert sein Gummi an der Wand ab und erfüllt das ganze Haus mit markanten Ausdünstungen:

Zeit ist keine Autobahn (2006)

Auch Motorradrocker haben ein Recht auf Sentimentalität:

Fahrbarer Weihnachtsstern mit dem Titel Bethlehem (2004)

Sailstorfers erste Studentenarbeit (gemeinsam mit Alfred Kurz) bestand aus einem sauber von Bewuchs befreitem Stück Natur:

Waldputz (2000)

Turtellaternen, die ihre Köpfe zueinander neigen und ab und an kleine Blitzentladungen freisetzen: Elektrosex (2005)

Michael Sailstorfer hat eine ganze Klasse von plastischen Werken gebaut:

Alle arbeiten mit den physischen Grenzen der Skulptur, die sich ausdehnen

Hat sein Atelier in Berlin: Michael Sailsdorfer (Foto: Anne Schönharting)

*Michael Sailstorfer* / 'Sternschnuppe' (A.) 24 //

*Michael Sailstorfer* / 'und Heinert, Jürgen' / '3 Ster mit Ausblick' (A.) 26 //

*Jürgen Heinert* / 'und Sailstorfer, Michael' / '3 Ster mit Ausblick' (A.) 26 //

*Michael Sailstorfer* / 'Unendliche Säule' (P.) 28 //

*Michael Sailstorfer* / 'Zeit ist keine Autobahn' (P.) 29 //

*Michael Sailstorfer* / 'Bethlehem' (P.) 30 //

*Michael Sailstorfer* / 'und Kurz, Alfred' / 'Waldputz' (A.) 30 //

*Alfred Kurz* / 'und Sailstorfer, Michael' / 'Waldputz' //

*Michael Sailstorfer* / 'Elektrosex' (P.) 31 //

*Anne Schönharting* / 'Michael Sailstorfer' (F.) 33

*Anne Schönharting* / 'Michael Sailstorfer' (F.) 33 2002 schoss Sailstorfer von einer Rampe an seinem Mercedes eine leuchtende Laterne in die Landschaft und nannte die Aktion Sternschnuppe