Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 62-68

Figuren im falschen Film

Von Sandra Prill

Gemalte Menschen in fotografierten Landschaften: Die gespenstischen Bilder des Hamburger Künstlers Marc Lüders fordern die Wahrnehmung heraus - und erzählen von Einsamkeit

Das Mädchen mit der Einkaufstüte wirkt fehl am Platz, sie steht mit den Füßen im Geröll eines Industriegeländes. Auch die Frau in Schwarz, die vor einem Misthaufen wartet, oder der Anzugträger auf der öden Landstraße er scheinen merkwürdig deplatziert.

Stadtmenschen, unverkennbar, stehen wie verloren in Nutzlandschaften oder in anonymen leeren Räumen, er starrt in Gesten urbaner Alltäglichkeit.

Diese Einzelgänger entstammen ursprünglich tatsächlich der Masse.

Marc Lüders fotografierte sie in belebten Fußgängerzonen oder an Ampeln in der Hamburger Innenstadt.

Dann übertrug er sie mit dem Pinsel auf seine Fotografien unwirtlicher Orte und verordnete ihnen so die Stellung von Sonderlingen oder Verirrten.

Die Verlorenheit wird noch unterstrichen durch die Mimik: Es gibt kein Bild, auf dem jemand lacht.

Der malende Fotograf und fotografierende Maler bedient die Sehnsucht nach dem Unerklärlichen. Die Menschen, die Marc Lüders vom Bürger steig der Großstadt in einen neuen Kontext hineinmalt, erinnern an die Momentaufnahmen des Schweizer Fotografen Beat Streuli. Beide zelebrieren die Poesie des Stillstands und zeigen, ob gemalt oder als Foto, diesen merkwürdig eingefrorenen Augenblick zwischen Bewusst- und Versunkenheit.

Man fragt sich, was diese Typen im Kern umtreibt.

Vermutlich hat Marc Lüders ein Faible für ausweglose Situationen - auch, was ihn selbst betrifft. Jedenfalls hatte er die Malerei schon aufgegeben, Leinwände, Farben und die daran geknüpften Hoffnungen hinter sich gelassen, als er 1994 ein Studentenzimmer in Mainz bezog, um dort Philosophie und Anthropologie zu studieren.

Zuvor hatte er ein Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg abgeschlossen, sich in Figuration und Abstraktion erprobt, Modelle ins Atelier geladen und in beinahe altmeisterlicher Manier Aktmalereien an gefertigt. Doch dann war die Leere gekommen. "Mir fehlte ein Thema", seufzt Lüders. Besonders lange ließ es aber nicht auf sich warten. Aus purem Überdruss bemalte er eines Abends in Mainz ein Foto, das herumlag. "Das erschien mir plötzlich gehaltvoll", sagt der Hamburger. Er brach das neue Studium sofort ab und zog noch in der Woche darauf zurück nach Hamburg, mietete ein Atelier und wusste von nun an, was er zu tun hätte.

Die Initialzündung von damals ist bis heute sein Konzept.

Marc Lüders inszeniert Malerei im Bildraum von Fotografie. Mit der Kamera streift der Künstler durch die Gegend, immer auf der Suche nach einem passenden Ort, an dem die Malerei ihren Auftritt proben kann. Er fotografiert Wiesen, Wälder, leere Plätze in den Randzonen der Städte, Tankstellen, Kirchen oder in der New Yorker U-Bahn und sucht seine passenden Bühnen. "Ich weiß immer schon genau, was ich dort hineinmalen werde", sagt Lüders.

Menschen interessierten ihn immer, sagt der Künstler, aber er malt auch Kühe auf Wiesen, lässt über Kirchenaltären ufoartige Objekte schweben, in dunkle Treppenhäuser wischt er mysteriöse Figuren hinein. Manche Fotografien übermalt er gänzlich mit einer Ölschicht und trägt Teile davon wieder ab. Er verwandelt Schwarzweiß- Fotografien durch Malerei in leuchtende Farbwerke oder übermalt die Prints eins zu eins und setzt ihr malerisches Abbild oben drauf. Die Spielarten des Künstlers, der seine Bilder wie bei einer Forschungsreihe gewissenhaft durchnummeriert, sind äußerst vielfältig. Sorgsam lotet er die Möglichkeiten der an sich konkurrierenden Disziplinen in ihrer Zusammenführung aus, "den Begriff von Wirklichkeit zu bearbeiten", formuliert er sein Interesse.

Allerdings verleugnet Marc Lüders auch die emotionale Komponente seiner Bildwerke nicht. "Die Fantasie als solche macht immer schwermütig", zitiert er den Philosophen Søren Kierkegaard in einem Katalog. Im Badezimmer der Galerie Andreas Schlüter in Hamburg konnte man sich 1999 ein Bild davon machen, was er damit meinen könnte: Dort saßen seltsam entrückte, verspannte Gestalten in schwarzer Tinte. Oder sie lagen in der Wanne auf dem Trockenen. Lüders machte dafür zunächst Fotos der leeren Nasszelle, sein malerischer Badezusatz war intensiv genug, die Handschrift auf der Fotografie als absolute Hingabe an die Abgründe der Menschheit zu verstehen. Vielleicht lässt sie sich auch als Liebeserklärung an die Malerei sehen, die im stande ist, die Fotografie zu reproduzieren.

Lüders entwickelt seine oft großformatigen Abzüge in eigens präparierten Regenrinnen. Die Dunkelkammer seines Ateliers hat das Ausmaß eines geräumigen Wohnzimmers. Gemalt wird dann vor der Staffelei direkt auf dem Foto. Die Pinsel (einige haben nur sehr wenige Haare) und Farben stehen in penibel geordneten Formationen bereit, der Künstler trägt eine Lupe am Kopf, was irgendwie nach kompliziertem Eingriff aussieht, sowie eine Schürze, mit der er auf angenehme Weise ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt. In seinem Musikregal stehen CDs mit sämtlichen Werken von Johann Sebastian Bach.

Etwas anderes hört er nicht.

Er sei zu 70 Prozent Maler und zu 30 Prozent Fotograf, sagt der 43-Jährige.

Aber es ist nicht immer ganz klar, was hier eigentlich was beherrscht: die Fotografie die Malerei oder umgekehrt.

Doch im Grunde führt Lüders vor, wie sich die Konkurrentinnen ganz gut vertragen können. "Mich interessiert am meisten, wie das Bild wahrgenommen wird. Als ein homogenes Ganzes, oder sieht man das Bild vor dem Bild?", sagt Lüders. Auf die fotografische Nahsicht eines Früchte stilllebens von Isaak Soreau malte er etwa ein kleines Objekt. Bei diesem Bild sind die Ebenen von Malerei und Foto nicht mehr zu trennen und verschmelzen zu einer Einheit.

Auf ganz andere Weise wird die Wahrnehmung gesteuert, wenn Lüders eigenartige Fremdkörper in die vermeintliche Dreidimensionalität seiner Fotografien integriert. Bei einer Serie von Bildern, die Lüders im Museum aufnahm, schwebt ein phallusförmiges Gebilde, lediglich bestehend aus ein paar groben Pinselstrichen, vor Kunstwerken wie dem "Marching Man" von Bruce Nau man.

"Lüders unterläuft den Dokumentationswert von Fotografie, wenn er das Gemalte so viel greifbarer erscheinen lässt als die Fotografie", schreibt Christoph Heinrich, Leiter der Galerie der Gegenwart in Hamburg, über diese Serie, die 2001 in einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zu sehen war. Irritationen sind vor allem dort programmiert, wo die Grenzen verschwimmen. Ist der pastose Hintergrund Malerei, und sind die dramatischen Wolkenformationen gemalt? Ist dieser Schatten ein Traum, das herrliche Seestück eine weitere Form der Täuschung?

Marc Lüders nennt seine Werke "Photopicturen", was im englischsprachigen Raum verwirrend klingen mag, und darum durch "Paintings on photography" ergänzt wird. Seit einiger Zeit interessiert sich nämlich auch der amerikanische Kunstmarkt für den Hamburger. Sein New Yorker Galerist rief ihn kürzlich an, um zu berichten, dass er auf der Kunstmesse "Scope" in New York ein Dutzend Bilder an einem Vormittag verkauft hätte. Und das "Museum of Contemporary Art" in Chicago zeigte 2005 einige seiner Arbeiten in einer Gruppenausstellung zum Thema der neuen Beziehung von Foto, Video und Malerei. Lüders war der einzige deutsche Vertreter.

Lüders ist ein Wanderer zwischen den Welten, vertreten auf Fototriennalen und gleichzeitig Künstler der Hamburger Galerie Levy. Er hat sich im Zwischenraum eingerichtet, wie die Einzelgänger auf seinen Bildern.

Eines allerdings unterscheidet den Künstler von seinen Figuren: Marc Lüders lacht gerne.

Ausstellungen: 1. Dezember bis 7. Januar 2007, "In Flagranti 2", Kunstverein Dortmund, zusammen mit Wim Bosch und Doris Frohnapfel; 23. Januar 2007 bis 8. April 2007, Marc Lüders - Photopicturen. The Brno House of Art, Brünn.

Literatur: Marc Lüders, Kerber Verlag 2004.

Marc Lüders. Photopicturen, Kerber Verlag 2003.

Galerie: Thomas Levy, Hamburg.

Tel. (0 40) 45 91 88, www.galerie-levy.de Internet: www.marclueders.de

"Figur 701-2-1" (2006, Öl auf C-Print, 14 x 18 cm)

"Figur 629-3-3" (2006, Öl auf Kodak-Color-Metallic-Papier, 120 x 102 cm)

"Objekt 223-10-2" (2004, Öl auf Silbergelatine-Print, 84 x 110 cm)

Der malende Fotograf und fotografierende Maler sucht das Unerklärliche

"Figur 709-7-4" (2006, Öl auf C-Print, 17 x 14 cm)

Lüders hat wohl ein Faible für ausweglose Situationen - auch bei sich selbst

"Objekt 709-3-3" (2006, Öl auf C-Print, 17 x 14 cm)

"Figur 381-18-1" (1999, Öl auf Silbergelatine-Print, 12 x 18 cm)

Brach das Philosophiestudium für die Kunst ab: Marc Lüders (Foto:

Gunter Glücklich)

In Lüders' Regal stehen alle Werke von Bach. Andere Musik hört er nicht

Figur 701-2-1 (2006, Öl auf C-Print, 14 x 18 cm)

Figur 629-3-3 (2006, Öl auf Kodak-Color-Metallic-Papier, 120 x 102 cm)

Objekt 223-10-2 (2004, Öl auf Silbergelatine-Print, 84 x 110 cm)

Der malende Fotograf und fotografierende Maler sucht das Unerklärliche

Figur 709-7-4 (2006, Öl auf C-Print, 17 x 14 cm)

Lüders hat wohl ein Faible für ausweglose Situationen - auch bei sich selbst

Objekt 709-3-3 (2006, Öl auf C-Print, 17 x 14 cm)

Figur 381-18-1 (1999, Öl auf Silbergelatine-Print, 12 x 18 cm)

Brach das Philosophiestudium für die Kunst ab: Marc Lüders (Foto:

Gunter Glücklich)

In Lüders' Regal stehen alle Werke von Bach. Andere Musik hört er nicht

Figur 701-2-1 (2006, Öl auf C-Print, 14 x 18 cm)

Figur 629-3-3 (2006, Öl auf Kodak-Color-Metallic-Papier, 120 x 102 cm)

Objekt 223-10-2 (2004, Öl auf Silbergelatine-Print, 84 x 110 cm)

Der malende Fotograf und fotografierende Maler sucht das Unerklärliche

Figur 709-7-4 (2006, Öl auf C-Print, 17 x 14 cm)

Lüders hat wohl ein Faible für ausweglose Situationen - auch bei sich selbst

Objekt 709-3-3 (2006, Öl auf C-Print, 17 x 14 cm)

Figur 381-18-1 (1999, Öl auf Silbergelatine-Print, 12 x 18 cm)

Brach das Philosophiestudium für die Kunst ab: Marc Lüders (Foto:

Gunter Glücklich)

In Lüders' Regal stehen alle Werke von Bach. Andere Musik hört er nicht