Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 117

Ein Kussmund für die Schachtel

Von Till Briegleb

Architektur: Gelungener Umbau des Darmstädter Staatstheaters

Wahrscheinlich sind die siebziger Jahre das dunkelste Kapitel in der architektonischen Nachkriegsgeschichte. Was damals an Kaufhäusern und Parkdecks, aber auch Kulturbauten in die Innenstädte gedrückt wurde, ist für manche Stadt noch immer ein Alptraum in Waschbeton. In Darmstadt ist man leidgeprüft, vor allem im Theater.

Der kantige Flachbau von Rolf Prange, 1972 als einer der größten Theaterneubauten des letzten Jahrhunderts eröffnet, hatte bis vor kurzem den Charme eines Kernkraftwerks. Mit seinem Hauptzugang über die Tiefgarage, dem fehlenden Portal und dem wild besprühten Betonsockel konnte auch die Marmorverkleidung des Haupthauses den schäbigen Eindruck nicht mildern. Als der Düsseldorfer Flughafenbrand 1996 den Blick auf die prekäre brandschutztechnische Lage in dem Theater lenkte, bestand die große Chance einer Korrektur durch Umbau.

Und zehn Jahre später ist der Beweis erbracht, dass die autistischen Schlachtschiffe der Siebziger mit viel Eleganz befriedet wer den können.

Das Stuttgarter Büro Lederer, Ragnarsdóttir, Oei hat die Schönheitsoperation bei laufendem Spiel betrieb durchgeführt. Dreiviertel der klaustrophobischen Tiefgarage opferten sie für eine zusätzliche Spielstätte, so dass im Bäumchen-wechsel-dich-Verfahren immer eine Bühne zum Umbau frei war. Doch ihr eigentlicher Verdienst ist die Öffnung der Theaterschachtel zur Stadt.

"Kussmund" nennen die Architekten das neue Entree, mit dem sie dem Bau ein Gesicht gegeben haben. Die ausladend geschwungene Bauskulptur beherbergt ein kunstvolles Treppenhaus als neuen Zugang von der Tiefgarage, schenkt dem Theater aber vor allem eine spektakuläre Freilichtbühne.

Das große Tor im ersten Stock lässt sich öffnen, womit der Balkon zum Park bespielt werden kann. Mit einer weißen Pergola, der Rundumverglasung des Foyerbereichs und der Umwandlung des Daches in eine Terrasse imponiert die neue Front mit spielerischer Moderne.

Innen setzt sich die Großzügigkeit mit lustigen Detaillösungen fort. Die Garderoben durchziehen als schwebende Serpentinen das Foyer, bunte Licht- und Akustiksegel hängen wie ein Paradiesvogelschwarm unter der Decke.

Bei der Außenhülle des Darmstädter Theaters versucht sich das Büro sogar als Zahnarzt. Da die weißen Marmorplatten der Verkleidung abzufallen drohen, werden sie peu à peu durch Messingplatten ersetzt. Über die Jahre verwandelt sich die kariöse Zahnreihe des Staatstheaters so in ein breites Goldzahngrinsen.

Kasten:

Arno Lederer, Marc Oei, Jórunn Ragnarsdóttir, (von links) arbeiten seit 1992 zusammen. Zu ihren wichtigen Projekten zählen das Verwaltungsgebäude der EVS in Stuttgart (1997) sowie ein Bau für das Internat Salem in Überlingen (2000). Die Entwürfe des Stuttgarter Büros verbinden robuste Formen mit poetischen Details. Für Arno Lederer, Professor an der Uni Stuttgart, müssen "Räume durch ihre körperhaften und taktilen Eigenschaften überzeugen". Wie bei der Backstein-Schule in Ostfildern (1999/2002), für die das Büro den Hugo-Häring- Preis bekam. Zu Zeit arbeitet das Trio an der Erweitung der Berufsakademie in Lörrach.

Die schwungvolle Treppenlandschaft ist eine von vielen bestechenden Detaillösungen, mit denen der Siebziger-Jahre-Bau verjüngt wurde

Spielerisch und modern: Das neue Entree (ganz oben) des Theaters - selbst das Pförtnerhäuschen wurde zur Leuchtskulptur aufgepeppt

Die schwungvolle Treppenlandschaft ist eine von vielen bestechenden Detaillösungen, mit denen der Siebziger-Jahre-Bau verjüngt wurde

Spielerisch und modern: Das neue Entree (ganz oben) des Theaters - selbst das Pförtnerhäuschen wurde zur Leuchtskulptur aufgepeppt

Die schwungvolle Treppenlandschaft ist eine von vielen bestechenden Detaillösungen, mit denen der Siebziger-Jahre-Bau verjüngt wurde

Spielerisch und modern: Das neue Entree (ganz oben) des Theaters - selbst das Pförtnerhäuschen wurde zur Leuchtskulptur aufgepeppt

Architektur / 'Darmstadt' / 'Staatstheater, Treppe, Entree und Pförtnerhäuschen (Lederer, Ragnarsdóttir, Aei)'