Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 120-121

"Sie verhalten sich wie Narren"

Von Stefan Koldehoff

Sammlungsverkäufe: Renommierte amerikanische Museen versilbern regelmäßig Kunstwerke aus ihren Beständen

Wochenlang wurde bundesweit diskutiert, ob die Stadt Krefeld Claude Monets Gemälde "Parlamentsgebäude in London" veräußern darf, um ihr Kaiser- Wilhelm-Museum zu renovieren (art 11/2006), ehe der Stadtrat sich schließlich gegen den Verkauf entschied. In den USA wäre eine solch erhitzte Auseinandersetzung undenkbar: Denn schon seit Jahrzehnten verkaufen die angesehensten Museen des Landes regelmäßig Werke aus ihren Sammlungen, ohne an Ersatz auch nur zu denken.

Bisweilen profitieren davon so gar deutsche Museen. Der Berliner Sammler Heinz Berggruen erwarb für seine öffentliche Privatsammlung in Berlin vor drei Jahren vom Museum of Modern Art in New York ein Landschaftsbild von Pablo Picasso. Das kubistische Gemälde "Häuser auf dem Hügel" war dort durch eine Schenkung zweimal vorhanden - mit minimalen Unterschieden in der Bildauffassung und der Qualität. Museumsdirektor Glenn Lowry entschied des halb, eines der Bilder zu veräußern.

Das so genannte "Deaccessioning" - ein Kunstwort, das das Ausscheiden eines Werks aus einer Museumssammlung zu beschreiben versucht - hat nicht allein in den USA eine lange Tradition.

Der Kunstmarktexperte Peter Dittmar verweist darauf, dass schon der legendäre Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode keine Schwierigkeiten hatte, die ihm anvertrauten Sammlungen zu bereinigen. In seinen Memoiren schreibt Bode über die Museumsbestände: "Der absolut unbrauchbare Rest kam einige Zeit darauf im Kunstauktionshaus Rudolph Lepke zur Versteigerung; mehr als 1000 Bilder, die einen Durchschnittspreis von 7,50 Mark erzielten." Nach 1933 wurde dann aus der kunsthistorischen Bereinigung der Sammlungen die von den Nationalsozialisten propagierte politische "Säuberung der Kunsttempel". Der meist erzwungene, manchmal aber auch freiwillige Aderlass der deutschen Museen dient bis zum heutigen Tage als Generalargument dafür, dass nie wieder ein öffentliches deutsches Museen seine Bestände verlieren, geschweige denn verkaufen dürfe.

In den USA kennt man diese Begründungnatur gemäß nicht.

Dort gibt es, bis auf wenige Ausnahmen, keine Museen in öffentlicher Trägerschaft. Zudem ist es in den Vereinigten Staaten, unter anderem durch eine stifterfreundliche Gesetzgebung, üblich, dass ein Sammler seine Werke einem Museum im Wissen überlässt, dass das Institut sie später verkauft, um andere, dringender benötigte Kunst anzuschaffen.

Der internationale Museumsverbund ICOM hat für solche Verkäufe einen strengen Kriterien- Kodex erlassen. Er setzt ein "hochrangiges kuratorisches Urteil" und eine "Bestätigung durch die Verwaltung" voraus. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass - wie vor einigen Jahren in Wuppertal versucht - lokale Politiker aus finanziellen Gründen den Verkauf angeblich unbedeutender Werke fordern können.

Vor einem Verkauf soll zudem geprüft werden, ob kein anderes Museum bereit ist, das fragliche Kunstwerk per Tausch, Schenkung oder Kauf zu erwerben.

"Solche Verkäufe werden mit äußerster Sorgfalt unternommen", behauptet denn auch James Cuno, Direktor des Art Institute of Chicago. Sein Museum lieferte erst im November 2005 zwei Gemälde bei Sotheby's ein: Marc Chagalls "Jongleur" und Auguste Renois "Porträt der Jeanne Sisley" spielten zusammen 4,6 Millionen Dollar in die Museumskasse. In derselben Auktionswoche boten das Los Angeles County Museum of Art Amedeo Modiglianis "Porträt des Manuel Humbert" und das Museum of Modern Art Theo van Rysselberghes "Hafen von Sète" aus eigener Sammlung an. In Los Angeles plant man vom Erlös einen Anbau, im MoMA musste ein Rauschenberg-Bild bezahlt werden, das das Museum für 30 Millionen Dollar angekauft hatte.

"Die Geschichte wird zeigen, dass sich diese Museen wie Narren verhalten haben", kritisiert Robert Rosenblum, Kurator am New Yorker Guggenheim Museum, seine verkaufswilligen Kollegen.

"Amerikanische Museen behandeln ihre Sammlungen, als wären sie der Aktienmarkt. Europäische Museen verkaufen nichts, und alles ist gut." Allerdings war es sein Haus, das vor 42 Jahren das Deaccessioning nach dem Krieg wieder salonfähig machte.

Im Jahre 1964 ließ die Guggenheim Foundation auf einen einzigen Schlag 50 Gemäl de von Wassily Kandinsky versteigern.

Die Auktion war ein großer Erfolg, der Damm damit gebrochen.

Zwar gab es noch große Pro teste, als das Metropolitan Museum of Art in New York im Laufe des Jahres 1972 von den 211 Gemälden, die ihm die Unternehmererbin Adelaide Milton de Groot vermacht hatte, 50 wieder verkaufte - darunter berühmte Werke wie van Goghs "Olivenpflückerinnen". Gut ein Jahr zehnt später war das Deaccessioning aber Normalität geworden, als das Museum of Fine Arts in Boston 1985 zwei Werke von Auguste Renoir und ein Gemälde von Claude Monet verkaufte, um einen frühen Jackson Pollock erwerben zu können.

Die europäischen Staaten verhalten sich dagegen noch immer vergleichsweise sehr zögerlich.

Unter niederländischen Museumsdirektoren begannen En de der neunziger Jahre Überlegungen, an Stelle des rein quantitativen auf qualitatives Wachstum ihrer Sammlungen zu setzen. Die damit verbundene Trennung von Werken und der Versuch, sie anderen Institutionen anzudienen, verursachte allerdings nicht geringe Kosten. Frank Bergevoet vom Niederländischen Institut für Kulturelles Erbe formulierte deshalb provokant: "Sollten wir nicht in einigen Fällen einfach die Tür des Museumsdepots verschließen, den Schlüssel wegwerfen und die betroffenen Objekte liebevoll vergessen?" Italien und Frankreich lehnen den Verkauf von Kunstwerken aus Museumsbesitz grundsätzlich ab. In Großbritannien gab es bislang nur wenige Fälle, bei denen Arbeiten aus öffentlichem Besitz betroffen waren, etwa beim Verkauf dreier Gemälde von Turner, Gainsborough und Constable aus dem Royal Holloway College der University of London ans Getty-Museum und einen britischen Privatsammler. Außerdem hat auf der britischen Insel der Staat die Möglichkeit, ein Vorkaufsrecht aus zuüben und Werke von nationaler Bedeutung mit Exportver bot zu belegen.

Eine Liste national wertvollen Kulturguts mit Exportverbot gibt es auch in der Bundesrepublik Deutschland. Nur wird sie hier nach Einschätzung der Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, Isabel Pfeiffer-Poensgen, viel zu selten genutzt: "Diese Liste ist in vielen Bereichen erschreckend leer, weil sie von einigen Ländern nicht mit dem wünschenswerten Engagement geführt wird." Das liegt nach Auffassung von Pfeiffer-Poensgen auch daran, "dass man bisher nicht damit gerechnet hat, dass über den Verkauf von Werken aus Museumsbesitz ernsthaft nachgedacht werden würde."

Das Museum of Modern Art verkaufte 2003 Pablo Picassos "Häuser auf dem Hügel" (1909) an Heinz Berggruen

Das Art Institute of Chicago trennte sich 2005 von Marc Chagalls Gemälde "Jongleur" (1943)

Das Museum of Modern Art verkaufte 2003 Pablo Picassos Häuser auf dem Hügel (1909) an Heinz Berggruen

Das Art Institute of Chicago trennte sich 2005 von Marc Chagalls Gemälde Jongleur (1943)

Das Museum of Modern Art verkaufte 2003 Pablo Picassos Häuser auf dem Hügel (1909) an Heinz Berggruen

Das Art Institute of Chicago trennte sich 2005 von Marc Chagalls Gemälde Jongleur (1943)

*Pablo Picasso* / 'Häuser auf dem Hügel' (M.) 120 //

*Marc Chagall* / 'Jongleur' (M.) 120