Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 3

Liebe Leserin, lieber Leser

Von Tim Sommer

, nun hat Berlin, die Kulturhauptstadt des Landes, keinen Kultursenator mehr. Der"Regierende Bürgermeister" (eine angesichts der aktuellen Handlungsunfähigkeit lustige Titelei ausFrontstadtzeiten) erledigt die paar Musenangelegenheiten gleich mit. Ein größeres Gewicht, soverkündete Klaus Wowereit bei der Vorstellung des neuen rot-roten Senats der Presse, könne man der Kulturdoch gar nicht geben, als sie exklusiv bei ihm zu verorten.

Mangelndes Selbstwertgefühl kann man Klaus Wowereit nicht vorwerfen, aber hier geht er wohl doch etwas in dieIrre. Die Kultur verspricht glanzvolle Auftritte, als Hobby aber taugt sie nicht.

Lange schon ist Berlin keine kraftstrotzende Wirtschafts- und Handelsmetropole mehr, sondern Wissenschaft und Kultursind die letzten Trümpfe der Stadt. Aber auch die stechen nur durch die Kofinanzierung über den Bund - wennman sie klug und effektiv einsetzt. Da wäre es angezeigt gewesen, sich einer deutschlandweit, vielleichtinternational ausgewiesenen Fachkraft zu versichern, die Ideen entwickelt, Talente fischt, Sponsoren ködert, ebenlaut trommelt und schön flötet für die Stadt. Kultur braucht Charakter und ein Gesicht. Gerade deshalbdarf sie nicht das Privatressort des moderierenden Chefs sein, sondern muss eine eigene Stimme am Koalitionstischhaben, ein eigenes Budget, einen eigenen Apparat, um sich im politischen Kräftespiel zu behaupten. Sonst wird siezur reinen Frage der Finanzverwaltung.

Klaus Wowereit sorgte einmal für Schlagzeilen, als er statt zur Einweihung von Günter Behnischs neuemAkademiegebäude lieber zum Spiel von Hertha BSC ging.

Dabei ist er kein Kulturbanause.

Er ist bekennender Operngänger (Puccini!) und lässt sich auch auf der Kunstmesse Art Forum blicken. Seine erste programmatische Äußerung aber lässt schon nichts Gutes hoffen, weil er die alten BerlinerReflexe wiederholt: er wolle sich dafür einsetzen, dass der Bund allein die Staatsoper unter den Lindenfinanziert.

Bei der Eröffnung des Bodemuseums auf der Berliner Museumsinsel hat der kluge Bundestagspräsident NorbertLammert den "unsäglichen Begriff" der "Kulturhoheit" gegeißelt: "Ein Staat, derKunst und Kultur mit hoheitlicher Gebärde begegnet, ist sicher kein Kulturstaat." Der Bund hatte diegrandiose Wiederauferstehung des Museums finanziert. Aber darum ging es nicht, sondern um die grundsätzlicheWertschätzung der Kunst und die Haltung zu ihrer Eigengesetzlichkeit. In den Debatten um dieFöderalismusreform haben die Länder wieder laut auf diese "Kulturhoheit" gepocht. Dabei lassen siees zunehmend an Engagement fehlen. Auch Nordrhein- Westfalen und Schleswig-Holstein kommen mittlerweile ohneKulturministerium aus. Ein Trend, der dort erst auf lange Sicht üble Folgen haben wird, in der armen Hauptstadtaber sofort wirkt:

"Berlin ohne Kultursenator, das ist wie Kuweit ohne Ölminister", kommentierte Stephan Frucht vomKulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI den Fall. Der Mann muss es wissen.

Ihr

, Chefredakteur

Hoheitliche Aufgaben:

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit enthüllt persönlich Anton von Werners Bild Der Berliner Kongress von 1878

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