Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 115

Kälbchen von Frits oder Piet?

Von Kerstin Schweighfer

Mondrian I: Vermutliches Werk des berühmten Malers

Der Amsterdamer Christie's- Direktor Job Ubbens hielt mit seinem Unmut nicht hinter dem Berg: "Uns stinkt's gewaltig!" gab er unumwunden zu. Für 2500 Euro war bei ihm ein Ölgemälde von Frits Mondrian (1853 bis 1932) unter den Hammer gekommen, das vermutlich ein Frühwerk seines berühmten Neffens Piet Mondrian (1872 bis 1944) ist: die verloren gewähnte "Landschaft mit grasenden Kälbchen" von 1903. "Sie ist mindestens 100 000 Euro wert", freut sich Käufer und Entdecker Frank Buunk. Bei der Signatur sei aus dem P ein F gemacht worden, erklärt der 50-jährige Kunsthändler aus Ede. Ein Grund für die Änderung könnte sein, dass Frits Mondrian, bei dem Piet auch in die Lehre ging, zu diesem Zeitpunkt gefragter war als sein junger Verwandter.

Kunsthändler Buunk hat bereits mehrere Mondrian-Gemälde auf gestöbert, darunter eine "Mühle bei Mondschein", die das Amsterdamer Reichsmuseum ihm im letzten Jahr für 495 000 Euro abkaufte. Sein jüngster Fund hing acht Jahre lang bei einem niederländischen Antiquitätenhändler, der das Bild zusammen mit Möbeln und Gemälden aus dem 19. Jahrhundert zu Christie's brachte. Buunk ist sich sicher, dass er einen echten Piet Mondrian entdeckt hat: Auf der Rückseite des Bildes stehen der Name und Adresse des Künstlers. Und auf dem Spannrahmen prangt mit Bleistift geschrieben: "Nr. 2, Grasende Kälbchen". So wurde das Bild auch im Katalog zur Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk 1903 geführt.

Experten üben sich trotz alledem in Zurückhaltung: "Alles stimmt haargenau - bis auf die Kuh in der Mitte", meint Mondrian- Kenner und Alt-Stedelijk- Kustos Joost Joosten. Auch für seinen Kollegen Hans Janssen vom Haager Gemeindemuseum "gibt es noch zu viele offene Fragen".

KERSTIN SCHWEIGHÖFER