Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 112

Geteiltes Leid ist doppeltes Leid

Von Sandra Danicke

Biennalen: Scheitern der Manifesta in Zypern folgen Prozesse

Es war der Tag, an dem die Manifesta 6 in Nikosia eröffnet werden sollte, als vor dem Manifesta-Büro ein Container brannte. Schwer zu sagen, ob das Zufall war oder ob hier jemand das Scheitern der europäischen Wander-Biennale für zeitgenössische Kunst symbolträchtig ins Bild setzen wollte. Am gleichen Tag jedenfalls, dem 22. September, sollte Florian Waldvogel, als einzigem EU-Bürger unter den drei Kuratoren, der Prozess gemacht werden, um 430 000 Euro Schadensersatz für den Ausfall des Festivals zu erstreiten. Kläger ist die Organisation "Nicosia for Art" (NFA), die in der zypriotischen Hauptstadt zwecks Organisation der Kunstbiennale eingerichtet worden war. Doch statt die Manifesta-Macher zu unterstützen, hatte die NFA den drei Kuratoren - neben Waldvogel der Russe Anton Vidokle und die Ägypterin Mai Abu El-Dahab - gekündigt (art 8/2006), weil diese - wie es zunächst genehmigt war - auch im türkischen Gebiet der geteilten Stadt Kunstprojekte realisieren wollten.

Doch nicht nur Waldvogel, dessen Prozess auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, soll verklagt werden, sondern auch gegenüber der Amsterdamer International Foundation Manifesta (IFM) wurden von Nikosia Forderungen in Höhe von umgerechnet 175 000 Euro erhoben.

Hunderte von Künstlern und Kulturschaffenden haben inzwischen in einem offenem Brief gegen diese Schadensersatzforderungen der NFA protestiert, doch ist ungewiss, ob eine gerichtliche Auseinandersetzung tatsächlich vermieden werden kann. Es gab Vermittlungsgespräche zwischen der Manifesta-Stiftung und der NFA. Die aber, so Waldvogel, wurden von Seiten der NFA unvermittelt abgebrochen, als der Verdacht laut wurde, Kurator Anton Vidokle realisiere den von ihm verantworteten Teil der Manifesta nun in Berlin.

"Das ist Quatsch", kommentiert Waldvogel. Zwar leitet Vidokle in Berlin derzeit das ein Jahr dauernde Projekt "United Nations Plaza", das - wie auch die Manifesta 6 - als Folge von Seminaren ausgelegt ist. Auch seien die Künstler und Theoretiker, die an diesem Projekt teilnehmen sollen, teilweise dieselben, die in Nikosia an gekündigt waren. "Doch von meinem Konzept darf Anton Vidokle nichts verwenden", versichert Florian Waldvogel.

Auch beim IFM-Büro in Amsterdam beteuert man: "Die Mani festa 6 findet nirgendwo statt." Dort wird derzeit, ungeachtet der jüngsten großen Pleite, bereits die Manifesta 7 in Bozen und Trient geplant.