Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 90

Zerdehnt

Von Barbara Markert

PARIS: FÜNF MILLIARDEN JAHRE

Der neue Direktor des Pariser Palais de Tokyo, Marc-Olivier Wahler, möchte die Grenzen der Kunst austesten. Dazu nahm er sich vor, ein Programm zu entwickeln, das vom "österreichischen Jodler bis zur Quantenphysik" reicht. Die Physik macht nun den Anfang:

"Fünf Milliarden Jahre" heißt Wahlers erste Schau, die Bezug nimmt auf die Ausweitung des Universums seit genau dieser Zeit und zeigen soll, dass Perspektivwechsel, Flüchtigkeit und Mutation heute durchaus in der Kunst üblich sind.

Wahler hat sich zu diesem Thema viele Gedanken gemacht. Vielleicht zu viele, denn die Besucher stehen dem Mix ratlos gegenüber. Sie suchen nach dem Zusammenhang zwischen einem Ballett aus Minimotorrädern von Fabien Giraud, einer Rohrskulptur von Vincent Lamouroux, und der nur einmal im Jahr leuchtenden Glühlampe "Lampada Annuale" von Alighieroe Boetti - vergeblich, denn es gibt absichtlich keinen.

"Fünf Milliarden Jahre" ist nicht als klassische Ausstellung, sondern als "multiples Universum" konzipiert. Marc Olivier Wahler will so die "Dehnbarkeit der Kunst austesten und mit hergebrachten Kategorien brechen".

Das ist ambitioniert und gewagt - und geht oft zu weit. Zum Beispiel wenn Wahler große Bereiche der Schau in solche Dunkelheit taucht, dass man kaum noch die Exponate sehen kann. Oder wenn Loris Cecchinis Werk "Cloudless" statt in der Ausstellung über der Kantine hängt. Die Besucher verwirrt das, was dazu führt, dass die Werke nicht ihrem eigentlichen Potenzial entsprechend wahrgenommen werden. Schade, denn in den "Fünf Milliarden Jahren" stecken gute Ansätze und interessante Stücke, so wie Zilvinas Kempinas' "Flying Tape", ein durch Ventilatioren bewegtes, schwebendes Magnet band. Oder die Nebenausstellung "Eine Sekunde im Jahr", die sich mit dem Effekt des Spannungsaufbaus beschäftigt. Über das Kunsterlebnis entscheidet aber der Zufall. Wer Glück hat, erlebt, wie bei "Glassworks 1" von Kris Vleeschouwer, Flaschen auf dem Boden zerbersten.

Wer Pech hat, erlebt nichts.

Leider gilt diese Ambivalenz für die gesamte erste Schau von Mark-Olivier Wahler.

Termin: bis 31. Dezember.

Internet: www.palaisdetokyo.com