Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 89

Panorama der Verführung

Von Gerhard Mack

BASEL/RIEHEN: EROS

Das Spiel der Erotik in der Kunst der Moderne hat sich art- Korrespondent in der Fondation Beyeler angesehen. Von August bis Oktober 2006 hatte die Fondation im ersten Teil der Eros-Reihe "Rodin und Picasso" die beiden als notorische Frauenhelden bekannten Altmeister gegeneinander antreten lassen - was der Spanier klar für sich entschied.

Ausschlaggebend war sein freieres Verhältnis zum Körper, die Distanzwechsel zu Modellen und Themen, die Virtuosität der Obsession, während der Schöpfer des "Höllentors" stets der ältliche Herr blieb, der mit stierem Zeichenstift ein Hemdchen nach dem anderen von den jungen Popos nach oben rutschen ließ.

Das Spiel mit der Lust und die lüsterne Erstarrung stecken als zwei konträre Haltungen das Feld ab, auf dem nun seit Oktober der zweite Ausstellungsteil "Eros in der Kunst der Moderne" mit über 200 Bildern, Skulpturen, Filmen und Videoinstallationen inszeniert ist.

Die Auswahl der Kuratoren - Ingried Brugger und Evelyn Benesch vom Bank Austria-Creditanstalt Kunstforum in Wien und Philippe Büttner und Ulf Küster von der Fondation Beyeler - ließ zwar im Vorhinein erwarten, dass die Ausstellung mit Thesen zur postmodernen Gender-Debatte aufwartet. Doch dieser Ansatz wurde zurückgestellt für einen offenen Zugang zum Thema.

Und das erweist sich für die Besucher als Glücksfall. Denn statt Thesen können sie in der Ausstellung Spielarten des Erotischen erleben, die so zahlreich sind wie die weit über 80 gezeigten künstlerischen Positionen. Der Bogen beginnt mit pornografischen japanischen Holzschnitten aus dem 18. Jahrhundert, welche die frühe Pariser Moderne beeinflusst haben, und spannt sich bis zu Pipilotti Rists Videoarbeit "Pickelporno", einer künstlerischen Reise über einen weiblichen Körper, der mit der Welt verschmilzt.

Dazwischen ist eine Fülle von Meisterwerken zu sehen. Erwartbares wie etwa Edgar Degas' "Badende" oder Salvador Dalís "Großer Masturbator" findet sich genauso wie eine Leoparden- Sphinx und ein Mann, die auf dem Bild "Die Zärtlichkeit" des Belgiers Fernand Khnopff die Wangen aneinander schmiegen.

Verfügbarkeit der Exponate spielte bei der Auswahl eine große Rolle, so dass leider zentrale Kunstwerke zum Thema fehlen: So muss die Schau ohne die Inkunabel der sexualisierten Welt des Surrealismus - Meret Oppenheims berühmte Pelztasse - auskommen. Überraschende Kombinationen rücken dagegen auch bekannte Werke in neues Licht. So hebt Louise Bourgeois' aufgehängter Penis "Fillette" die Passivität der Körperlandschaften auf den Fotos von Bill Brandt und der blauen Abdrücke nackter Frauen bei Yves Klein ironisch hervor. Die Fotografie bringt ohne hin eine neue Direktheit in die Darstellung des Eros. Und Jeff Koonssexpuppen artige Frau mit rundem Lippenmund und abgeschnittenem Kopf in der Wanne zeigt, wie sehr sich unser Zeitalter von der Badezimmerwelt eines Degas oder Pierre Bonnard entfernt hat. Der Körper ist wieder in die Kunst zurückgekehrt.

Seine Unversehrtheit hat er aber in einem Maß verloren, wie es den Pariser Kokotten und ihren Freiern wohl nie vorstellbar gewesen wäre.

Termin: bis 18. Februar 2007. Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49 Franken, im Buchhandel 29,80 Euro.

Internet: www.beyeler.com