Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 111-112

Expedition in den Giftschrank

Von Kito Nedo

Beutekunst: Berlin kooperiert für eine Merowinger-Ausstellung mit Moskau, um die Provenienz 1945 aus Berliner Museen verschleppter Kunstwerke zu sichern

Manchmal erfordert Museumsarbeit so viel Fingerspitzengefühl wie ein Mikadospiel. Diesen Eindruck hat man zumindest, wenn man mit Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über die Vorbereitungen der großen kulturhistorischen Ausstellung "Die Merowinger - Europa ohne Grenzen" spricht.

Die Schau, eine Kooperation des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte mit dem Moskauer Staatlichen Historischen Museum, dem Puschkin-Museum und der St. Petersburger Eremitage, wird im Februar 2007 zunächst in Moskau und später St.

Petersburg zu bestaunen sein und verspricht nicht nur neue Erkenntnisse über die Zeit der Völkerwanderung.

Sie ist zugleich ein Politikum ersten Ranges. Denn von den zirka 1100 Exponaten kommen 200 Stücke aus dem Berliner und 200 aus den russischen Museen, mit 700 Stücken wird der größte Teil der Ausstellung jedoch mit so genanntem "kriegsbedingt verbrachten Kulturgut" bestritten - deutsches Museumsgut, das nach 1945 planmäßig aus Deutschland abtransportiert wurde und seitdem in verschiedenen russischen Museums depots schlummert.

Obwohl ein beachtlicher Teil der so genannten Beutekunst schon in den fünfziger Jahren von der Sowjetunion an die DDR zurückgegeben wurde, vermuten viele Experten noch immer etwa 200 000 Sammlungsobjekte von Rang, mindestens 4,6 Millionen Bücher und Handschriften sowie drei Regalkilometer Archivgut in russischen Depots. Darunter befinden sich auch die drei legendären Holzkisten aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte mit den Schatzfunden aus der Schliemann-Sammlung, dem Goldfund von Eberswalde sowie Grabbeilagen aus der Zeit der Völkerwanderung (etwa die goldene Zikadenfibel aus dem 5.

Jahrhundert). Alles wird nun im Zuge der Merowinger-Ausstellung wieder ans Licht der Öffentlichkeit gelangen.

Eine Rückkehr der ehemaligen Berliner Ausstellungsstücke ist derzeit sehr unwahrscheinlich. Denn nach einem russischen Gesetz aus dem Jahr 1998 gelten fast alle infolge des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland in die Sowjetunion gebrachten Kulturgüter als russisches Eigentum, um so sowjetische Kriegsverluste zu kompensieren.

Die Merowinger-Schau wird des halb nicht in Berlin zu sehen sein: Für Deutschland verstößt diese nachträgliche Beschlagnahme gegen das geltende Völkerrecht.

Die Chancen für eine baldige Rückkehr stehen zwar schlecht, doch Lehmann will an der Restitution festhalten: "Wenn wir nicht mehr darum kämpfen, würden wir letztlich das Völkerrecht außer Kraft setzen." Auch wenn sich auf politischer Ebene derzeit praktisch nichts bewegt:

Ein Treffen unter Museumsleuten brachte den Durchbruch.

An fang des Jahres besprachen Lehmann und seine Berliner Kollegen mit einer russischen Delegation unter Leitung der als Hardlinerin bekannten Puschkin- Direktorin Irina Antonowa das Merowinger-Projekt und dort insbesondere die Kennzeichnung der nach Russland verbrachten Kulturgüter.

Denn laut Lehmann "erleben wir derzeit das erste Mal, dass bis lang unangetastete Bestände, die teilweise noch in den Originalkisten liegen und Originalinventarnummern haben, allmählich in die russischen Bestände eingegliedert werden". Deswegen hat Lehmann durchgesetzt, dass in der Vorbereitung der Ausstellung die Herkunftsgeschichte für jedes einzelne Exponat dargelegt wird. Andernfalls "würde es zu neuen Inventarnummern und zu neuen Zuordnungen kommen", sagt Lehmann. Ihm geht es auch um eine Entmystifizierung des Beutekunst-Themas: "Was wir mit der Ausstellung erreichen wollen, ist, dass man wie der auf den Gegenstand zurückkommt und sieht: Das ist Museumsgut, nicht mehr und nicht weniger."

Merowinger-Schätze: die goldene Zikadenfibel, eine Brosche, mit der das Gewand gehalten wurde, der goldene Fingerring aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts und sieben Halsringe (ganz oben). Diese Objekte zählen zur so genannten Beutekunst und befinden sich heute in Moskau

Irina Antonowa (rechts neben dem Lkw, mit Liste) nach 1945 bei der Ankunft von Beutekunst in Moskau

Puschkin-Direktorin Irina Antonowa und Klaus-Dieter Lehmann