Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 91
Meuterei gegen die Vergänglichkeit
Von Tim Sommer
WIEN: PICASSO. MALEN GEGEN DIE ZEIT
Die Albertina zeigt Picassos letzte Bilder. "Picasso und die Kinder", "Picasso und die Frauen", Pablo hier, Picasso dort: Dieses Riesenwerk schien nach allen Kriterien hin- und hergewendet, bis in den letzten Winkel popularisiert zu sein.
Und dann diese von Werner Spies, dem langjährigen Direktor des Musée national d'art moderne im Pariser Centre Pompidou, zusammengestellte fantastische Schau voller ungesehener Bilder von verblüffender Kraft und Frische.
1961 hatte Picasso seine Villa "La Californie" in Cannes verlassen, weil man ihm den Meeresblick verbaut hatte.
Im neuen Haus in Mougins begann dann das letzte Kapitel seines Lebens, das Werner Spies als "Meuterei gegen die Vergänglichkeit" deutet. Picasso gab sich in diesen letzten Jahren für jedes Bild, ob Grafik oder quadratmetergroßes Gemälde, eine festgelegte Frist. In rasendem Tempo muss er die Leinwände gefüllt haben, kraftvoll und radikal sind die Formen, wild der Gestus. Es sind meist die alten, oft erprobten Motive:
Frauenbilder, Männer mit Pfeifen, Baden de, Paare. Aber wie in einer großen Synthese aller Erfahrung greift Picasso ganz frei auf die kubistischen oder klassischen Verfahren zurück, um ganz neue, überraschend direkte Bilder zu Leben, Sex und Tod zu malen. Die zeitgenössischen Kritiker spotteten über den scheinbar so aus der Zeit gefallenen Altmeister von Mougins. Und auch die Museen kauften kaum diese jüngsten Werke, weshalb Spies viele Bilder aus Privatsammlungen und dem Nachlass holte.
Am meisten aber scheint Picasso der Vorwurf geärgert zu haben, er hätte keine ruhige Hand. Die Wiener Ausstellung kombiniert die wilden Gemälde mit den gleich zeitig entstandenen Zeichnungen von berückender Detailfülle und Schönheit.
Mit einem einzigen eleganten Strich konnte der Greis einen Menschen körper ohne abzusetzen ins Format platzieren.
Ganz genau führte Picasso Buch über seine späten Jahre: Am 1. Juni 1972 malte Picasso noch eine letzte "Umarmung", ein Paar vor einer Woge des Schicksals, die eben bricht.
Termin: bis 7. Januar 2007, danach in Düsseldorf, K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 3. Februar bis 28. Mai 2007 Katalog: Hatje Cantz Verlag, 29 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro. Internet: www.albertina.at
