Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 135
Spektakuläre Tristesse
Von Silke Mller
FOTOGRAFIE
Der Maler Lucian Freud hat Einblicke in sein Atelier zugelassen. Sie hat tatsächlich in diesem grauen, verschmutzten Atelier Modell gesessen. Sie, die Queen, höchstpersönlich! Ein vergoldeter Stuhl mit majestätisch-rubinrotem Seidenpolster steht noch neben der Staffelei mit dem herausragenden Herrscherporträt. Sie ist schon weg. Hat ihre Handtasche vom roten Podest genommen, den blauen Faltenrock beim Aufstehen wohl noch mal in Form gestrichen. Eine denkwürdige Begegnung zwischen dem Künstler und seinem Objekt: Wie eine Erscheinung saß sie da. Zum Glück gibt es dieses Foto.
Hart sieht es aus beim großen englischen Meister des modernen Realismus, karg, spartanisch, ärmlich, düster. Eine . Es sind rare Einblicke ins Arbeitsumfeld des 1922 in Berlin geborenen Enkels von Sigmund Freud. Als Kind war der Maler 1933 nach England emigriert und gilt heute als einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. Bruce Bernard, Freuds langjähriger Freund, und David Dawson, der Assistent des Malers, durften in den abgeschotteten Atelierräumen fotografieren und zeigen Bilder im Entstehen, Freud bei der Arbeit, seine Modelle, seine Musen. Ein Interview des Kritikers Sebastian Smee bereichert den Band um Aussagen des Künstlers - für Freud- Kenner ein Muss, für Ahnungslose genau die richtige Einstiegsdroge.
SILKE MÜLLER
