Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 130-131
Die neun Leben der chinesischen Kunst
Von Ralf Schlter
ZEITGENÖSSISHE KUNST
Kunst in China, vorgestellt in fünf Neuerscheinungen. Wer die aktuellen Programme unserer Museen anschaut, könnte meinen, Chinas wichtigster Exportartikel sei junge Kunst. Aus den ersten tastenden Versuchen in den frühen achtziger Jahren, die Doktrin der sozialistischen Propagandakunst durch kritische, an der westlichen Moderne geschulte Malerei und Skulptur zu überwinden, ist mittlerweile eine reiche, lebendige Szene entstanden (art 9/2006).
Wer sich einen Überblick zur chinesischen Gegenwartskunst verschaffen will, ist mit "Mahjong" am besten bedient. Der Katalog zur Berner/Hamburger Schau (Hamburger Kunsthalle, bis 18. Februar 2007) zeigt Werke der Sammlung von Uli Sigg, die in Umfang und Qualität einmalig ist. Hier lässt sich die Entwicklung der Szene seit den siebziger Jahren anhand von Schlüsselwerken sowie klugen Einführungstexten nachvollziehen. Wer noch tiefer in die Historie eintauchen will, dem sei "Nine Lives" empfohlen: eine profunde Geschichte dieser Zeit, erzählt anhand von neun wichtigen Künstlern, die ausführlich porträtiert werden. Die Engländerin Karen Smith lebt seit 1993 in China und kennt die handelnden Personen. Leider gibt es ihr Buch nur in Englisch. Der Katalog zur Schau "China Now" in Klosterneuburg bei Wien (Sammlung Essl, bis 28. Januar 2007) ist mit seinen Künstler-Kurzbiografien gut als Nachschlagewerk zu benutzen. Schließlich sind zwei Bände zur chinesischen Fotografie erschienen: Die kritischen, oft zynischen Fotos von Wang Qingsong werden in einem üppigen Katalog gewürdigt.
Einen Blick auf die wilde Experimentierlust der nächsten Generation gewährt die Dokumentation eines Fotowettbewerbs (Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, bis 7. Januar 2007), den unter anderen das deutsche Unternehmen BASF 2005 in China ausgeschrieben hatte.
Konsum und Prostitution: In "Badehaus" (2000) kommentiert Wang Qingsong die neuen Verhältnisse in China
Bernhard Fibicher und Matthias Frehner (Hrsg.):
Mahjong. Hatje Cantz Verlag.
360 S., 374 Abb., 49,80 Euro
China Now. Edition Sammlung Essl. 327 S., 450 Abb., 35 Euro
Creative Photography Competition in China. 178 S., 368 Abb., 20 Euro
Armee der Zyniker:
"2000 A. D." von Yue Min Jun (2000)
Parodie der maoistischen Propaganda:
"Fliegen" (2004, 150 x 180 cm) von Zhang Bin
Karen Smith: Nine Lives.
The Birth of Avant-Garde Art in New China. Scalo Verlag.
554 S., 425 Abb., 42,50 Euro
Albion (Hrsg.): Wang Qingsong.
Hatje Cantz Verlag.
136 S., 83 Abb., 39,80 Euro
RALF SCHLÜTER
