Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 132-133
Erst der Crash und dann die Flut
Von Alfred Nemeczek
FOTOGRAFIE
Der Terror-Anschlag vom 11. September 2001 und der Hurrikan Katrina 2005 haben die Weltmacht USA ins Schleudern gebracht und verändert. Fotografen bezeugen den Schock und dokumentieren die Folgen der Katastrophen.
Serielle Fensterausblicke sind ein beliebtes Thema künstlerischer Konzept-Fotografie. Auch der 1964 geborene Deutsche Reiner Leist, Bewohner eines Hochhaus- Apartments in New Yorks 8. Avenue, richtete das Objektiv seiner Plattenkamera ins Freie. Und fotografierte in jedem Septembermonat der Jahre 1995 bis 1999 täglich einmal vom 26. Stock aus das Architekturpanorama vor seinem Fenster. Im Fokus, den er manchmal leicht variierte, hatte er die Fensterbank und ein Einerlei anonymer Rasterbauten, das lediglich von der Rotunde des Madison Square Garden im Mittelgrund und fern am Horizont von den Türmen des World Trade Center prominent betont wurde.
Im Jahr 2000 pausierte Leist. Doch am 12. September 2001 nahm er sein Projekt wieder auf. Dass nun bis zu dessen Abschluss am 30. September 2005 die beiden Türme auf den Fotos fehlen, fällt formal kaum ins Gewicht - und dennoch macht das Bewusstsein dieser Lücke Leists stilles Kunstbuch mit seinen 249 Fensterbildern zu einem eindringlichen Memorial für "Nine Eleven".
Fünf Jahre nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Zwillingstürme vollendete auch der New Yorker Starfotograf Joel Meyerowitz, 68, eine Trauerarbeit, zu der er die vom Unglück paralysierten Behörden seines Landes nachgerade zwingen musste.
Fast im Alleingang initiierte und realisierte er ein gemeinnütziges Fotoarchiv über den "Aftermath" (wörtlich: Nachwirkungen) des Schicksalsschlags - also die gigantische Anstrengung der Beseitigung von rund zwei Millionen Tonnen Katastrophenmüll, bei der Leichenbergung und Schuttabfuhr nicht zu trennen war.
Meyerowitz überwand das mit Pietät begründete drakonische Fotografierverbot und dokumentierte die Herkulesarbeit der Planierung von Ground Zero neun Monate lang mit einer Großbildkamera. 400 seiner 3000 Fotos enthält jetzt ein als Arbeitstagebuch konzipierter Bildband mit (englischen)
Texten von Meyerowitz. Und die sind so dramatisch und informativ wie seine dezente und niemals der makabren Schönheit des bizarren Trümmerchaos erliegende Lichtbildkunst. Entstanden ist ein einsames Meisterwerk des engagierten Bildjournalismus.
Mit vergleichbarer Intensität interpretierte der frankokanadische Fotograf Robert Polidori, 55, das nächste nationale Desaster: die Heimsuchung der amerikanischen Südstaaten- Metropole New Orleans durch den Hurrikan Katrina am 29. August 2005.
Sein Konzept: In einem archaischen Requiem aus 581 menschenleeren Nahaufnahmen von gestürzten Masten und Bäumen, zerborstenen Eigenheimen und verwüsteten Kirchen, Küchen, Schlafzimmern, Salons und grotesk verformten Automobilen schildert Polidori den zu 80 Prozent überschwemmten Schauplatz der Naturkatastrophe als eine Stadt, die im Vorfeld von staatlicher Daseinsvorsorge, während der Flut von mitmenschlicher Solidarität und danach von ihren hilflosen Bewohnern verlassen wurde. Ihre demolierten und durchfeuchteten Besitztümer, von Schimmel überwuchert, symbolisieren den "Niedergang unserer Kultur", heißt es in einem leider viel zu knappen Begleittext.
Ausführlicher beschreiben und deuten zwei profunde Artikel des englischsprachigen Bildbands "In Katrina's Wake" ("In Katrinas Kielwasser") klimatische Ursachen und verheerende Folgen des Wirbelsturms.
Verfehlte Umwelt- und Sozialpolitik sowie oft unfassbares Versagen der Rettungskräfte machen den Hurrikan am Mississippi für die Autoren Bill McKibben und Susan Zakin zum Prototyp einer "unnatürlichen" Katastrophe. 55 symbolhaltige Fotos von Chris Jordan bekräftigen dieses Verdikt.
Pietätvolle Dokumentation eines Traumas: Joel Meyerowitz' Fotos von den Aufräumungsarbeiten am Ground Zero
Robert Polidori fotografierte New Orleans nach Katrina
Chris Jordan zeigt den Zerfall einer Kultur in der Musikstadt
Joel Meyerowitz: Aftermath.
Phaidon Verlag. 350 S., 400 Abb., 75 Euro
Chris Jordan: In Katrina's Wake. Portraits of Loss from an Unnatural Disaster. Birkhäuser Verlag. 112 S., 55 Abb., 31,99 Euro
Reiner Leist: Window. Eleven Septembers. Prestel Verlag.
512 S., 249 Abb., 69 Euro
Robert Polidori: After the Flood. Steidl Verlag. 336 S., 581 Abb., 75 Euro
