Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 134
Wabernde Biomasse
Von Heiko Klaas
FOTOGRAFIE
Der Fotograf Michael Reisch bringt die Zivilisation zum Verschwinden. Beim Betrachten der betörend schönen Landschaftsbilder des Düsseldorfer Fotografen Michael Reisch, Jahrgang 1964, weicht das Auge irritiert zurück. Irgendetwas stimmt hier nicht. Das Gras ist so grün wie im Teletubbie-Land, die Hügel perfekt und glatt in Form gelegt - die ganze Szenerie strahlt etwas Unheimliches aus. Reischs Natur wirkt wie aseptische Retortenlandschaften ohne Geschichte und Verfallsdatum, seine Architekturen so unbelebt, als hätte die Neutronenbombe eingeschlagen.
Hier wohnt niemand mehr, und doch ist alles adrett und proper hergerichtet. Reisch arbeitet in Werkgruppen. Zwei davon "0/ Architekturen" und "1/Landschaften", werden in diesem Band präsentiert. Er fotografiert zunächst klassisch-analog mit der Großbildkamera. Dann scannt er die Bilder ein und eliminiert am Computer nach und nach sämtliche Zivilisationsspuren. Zäune, Wege, grasende Kühe, umherstreunende Hunde oder herumliegenden Müll gibt es auf diesen Bildern nicht. Die Menschen fehlen natürlich auch. Was bleibt, sind architektonische Strukturen und . So gestaltet der Fotograf ein biomorphes Anti-Utopia, in dem die Welt in Reglosigkeit verharrt.
