Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 142
Ein Kanon deutscher Kunst, leider schief gesungen
Von Till Briegleb
KUNSTGESCHICHTE
Von den Karolingern bis zu Konzeptkunst: Sowohl in Leinen gebunden wie als Paperback erscheint ein neues achtbändiges Nachschlagewerk zur deutschen Kunstgeschichte. Macht die in Linz geborene Valie Export deutsche Kunst, weil sie mehrere Jahre in Köln lehrte?
Ist Anton Raphael Mengs ein deutscher Maler, obwohl er den Großteil seines Lebens in Italien und Spanien verbrachte?
Und was ist mit der Exilkunst? Sind Ludwig Mies van der Rohes Gebäude in Chicago deutsch? Kein Kunsthistoriker wäre so verblendet, auch nur eine dieser Fragen mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten.
Aber wenn ein großer Kunstverlag wie Prestel dazu aufruft, die "Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland" populär aufzuarbeiten, dann verneint niemand der Autoren die Existenz einer deutschen Kunst. So entstehen acht fette Epochenbände, laut Verlag "das erste vollständige Nachschlagewerk zur deutschen Kunstgeschichte" und das "wichtigste kunstwissenschaftliche Projekt seit Gründung der Bundesrepublik". Die ersten beiden Teile sind jetzt erschienen und das vollmundige Eigenlob verlangt eine harte Probe.
"Klassik und Romantik" und "Vom Expressionismus bis heute" - Band 6 und 8 der Reihe, die mit "Karolingische und Ottonische Kunst" beginnt - sind nach dem gleichen Schema geordnet. Einem Einleitungstext folgen eine lange Bildstrecke sowie Einzelaufsätze zu Spezialthemen.
Im Fall von "Klassik und Romantik" erhält man durch die Auswahl der Zeitspanne von etwa 1750 bis1850 den Eindruck einer extrem kühlen und stilisierten Epoche - zusammengefasst in der These: "Puritanischer Pragmatismus siegt über die Akzeptanz der Vielfalt." Ob in einer Zeit der Revolutionen, als Sturm und Drang die Herzen aufwühlte und am preußischen Hof Französisch gesprochen wurde, eine so klare, nationale Epochenbeschreibung Sinn hat, ist zumindest zweifelhaft.
Doch lässt sich unter einigen Auslassungen für diese Zeit gerade noch ein deutscher Nationalstil proklamieren, so gerät das Projekt im letzten Band der Reihe völlig aus dem Ruder. Der Explosion des Kunstgeschehens in formaler, inhaltlicher und internationaler Hinsicht begegnet der Band "Vom Expressionismus bis heute" mit absurden Gewichtungen. Weder wird die Rolle der Documenta zentral gewürdigt, noch ist zu verstehen, warum im Bildteil die Zeit bis 1933 gerade mit zwölf Gemälden niederer Bedeutung erfasst ist, wogegen diverse unbedeutende Gegenwartskünstler den Bildteil verstopfen, da sie irgendeine Autorenthese illustrieren. Neo Rauch kommt in der Einleitung als einziger Vertreter der neuen Malerei mit einem Briefmarkenformat davon, Martin Kippenberger wird ebenso wenig in seiner Bedeutung für die Nachkriegskunst gewürdigt wie Joseph Beuys.
Ein neuer deutscher Kanon? Keineswegs.
Eine weitere Materialsammlung zur Kunstgeschichte - schon eher.
Johann Friedrich Overbeck: "Familienbild" (1820/30)
Hanne Darboven: "Für Rainer Werner Fassbinder" (1982/83)
Geschichte der bildenden Kunst in Deutschland.
Andreas Beyer (Hrsg.): Klassik und Romantik (Band 6). Barbara Lange (Hrsg.): Vom Expressionismus bis heute (Band 8). Jeder Band um 640 S., zirka 600 Abb., Prestel Verlag: Einzelband 140 Euro. Im Deutschen Taschenbuch Verlag: Einzelband 80 Euro.
Bei Komplettabnahme Vorzugspreis bis Erscheinen des letzten Bandes Ende 2009, 920 Euro/520 Euro
