Ausgabe: 12 / 2006
Seite: 140-141
Die Entdeckung der Gelassenheit
Von Till Briegleb
KULTURGESCHICHTE
Erotik in der Kunst: Neue Publikationen zeigen einen unverstellten Blick. Vor zwei, drei Jahrzehnten gab es in öffentlichen Bibliotheken noch Giftschränke für erotische Literatur, und die pornografischen Werke berühmter Künstler waren nur so genannten Connaisseurs bekannt.
Mittlerweile ist das öffentliche Leben so sexualisiert, dass niemand mehr auf den Gedanken käme, Picassos Darstellungen des Geschlechtsaktes aus einem Buch zu verbannen. Vielmehr beschäftigen sich immer mehr Ausstellungen ausdrücklich mit den Dingen, die man früher "Liebe machen" nannte. Die Bandbreite reicht von Huldigungen des erotischen Werks großer Meister, wie bei der Schau "Eros. Rodin und Picasso" in Basel/Riehen, oder Übersichten zum Thema, wie in der Ausstellung "Eros in der Kunst der Moderne" ebendort (Fondation Beyeler, bis 18. Februar 2007), bis zur künstlerischen Aufarbeitung der Diskussion über Geschlechterrollen seit den Sechzigern, wie sie in Köln mit der Themenschau "Das achte Feld" versucht wurde.
Die dazugehörigen Publikationen machen den Wandel der Wahrnehmung sehr deutlich. Trotz eindeutiger Darstellung sexueller Praktiken und Sonderwege fehlen dem Sujet der Skandal, das Verschämte und damit die Explosivität. Zwar funktioniert die reflexartige Aufmerksamkeit für das Erotische noch - sonst wäre das Thema nicht so ein Dauerbrenner -, aber ohne moralische Erregung siegt dann doch die Gelassenheit. Da wirkt dann manch greise Fantasie potenter Männlichkeit bei Picasso ebenso rührend wie manch rebellische Tabuverletzung in der Gegenwartskunst.
Und Hans Bellmers verstümmelte und verschnürte Körper bei sexuellen Extremhandlungen, wie sie in einer neuen Monografie gesammelt sind, können frei vom "Perversions"-Vorwurf als die Visualisierung von Lust als Angst und Gewalt gelesen werden. Doch auch die Geschichte der erotischen Kunst, die unter diversen Vorwänden den Voyeurismus auslebte, ist Thema eines Buchs: Jacques Bonnets Untersuchung "Die Badende" erzählt die interessante Kulturgeschichte des verstohlenen Blicks von der griechischen Schale bis zu Degas - und beschreibt damit auch die schleichende Zersetzung von Männerfantasien in eine multisexuelle Normalität.
Hans Bellmer: "Der Kreisel" (1938/68)
Diego Velázquez malte die "Venus vor dem Spiegel" um 1650
Michael Semff, Anthony Spira (Hrsg.): Hans Bellmer.
Hatje Cantz Verlag. 296 S., 297 Abb., 45 Euro
Jacques Bonnet: Die Badende.
Voyeurismus in der abendländischen Kunst.
Parthas Verlag. 192 S., 162 Abb., 38 Euro
Das achte Feld. Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960. Hatje Cantz Verlag. 304 S., 309 Abb., 39,80 Euro.
Matthew Barney: Foto aus "Cremaster 4" (1994)
Picasso: "Zwei Frauen laufen am Strand" (1922)
Werner Spies (Hrsg.):
Picasso. Malen gegen die Zeit. Hatje Cantz Verlag.
304 S., 305 Abb., 49,80 Euro
Eros. Rodin und Picasso.
Hatje Cantz Verlag. 168 S., 117 Abb., 29,80 Euro
Eros in der Kunst der Moderne.
Hatje Cantz Verlag. 224 S., 172 Abb., 29,80 Euro
