Ausgabe: 10 / 2006
Seite: 70-75
Candice sucht den Superstar
Von Elke Buhr
Sie lässt Unbekannte zu Popstars werden, und die wirklichen Idole zerlegt sie in ihre Bestandteile: Die südafrikanische Videokünstlerin Candice Breitz rüttelt an den medialen Verhältnissen
VON
Für Candice Breitz gibt es zwei Arten von Menschen: Die hinter dem Bildschirm und die davor; die Stars und die Fans, die Jemands und die Niemands. Den Niemands schenkt Breitz respektvolle Aufmerksamkeit und gewährt ihnen als Ausgleich für ein Leben in Dunkelheit sogar mehr als die Warholschen 15 Minuten Ruhm. Für "Legend" zum Beispiel, eine Arbeit, die sie im vergangenen Jahr in Jamaika drehte, lud sie 30 Fans der Reggae-Legende Bob Marley ins Studio ein, die vor der Kamera jeden einzelnen Song des Marley-Albums "Legend" sangen. Die Originalmusik spielte per Knopf im Ohr der Darsteller, die Kamera nahm nur ihre A-Cappella-Stimmen auf, mitsamt Summen, Räuspern, Wassertrinken. Die Videoinstallation, die daraus entstand, präsentiert 30 höchst lebendige, höchst unterschiedliche Gesichter auf einer Wand von 30 gestapelten Bildschirmen, 30 Individuen, die singend ihre Leidenschaft, ihre Hoffnungen und nicht zuletzt ihr teilweise beeindruckendes Gesangstalent präsentieren.
Den Jemands aber, etwa Jack Nicholson, Meryl Streep, Dustin Hoffman und Sharon Stone, rückt Breitz mit allen Mitteln zu Leibe, die ein digitales Schnittprogramm zur Verfügung hat. Sie isoliert sie von ihrer natürlichen Umgebung, loopt ihre Sätze, häckselt sie klein und setzt sie neu zusammen. "Streng und brutal" sei ihr Umgang mit ihnen, sagt sie - und muss selbst dabei lachen. Nein, der zarten Mittdreißigerin mit dem blond gefärbten Kurzhaar traut man Gewalttätigkeit nicht zu. Aber Sharon Stone kriegt sie klein. Für ihre "Soliloquy-Trilogy" ("Selbstgesprächstrilogie", 2000) präparierte Breitz aus dem Film "Basic Instinct" jede Sekunde heraus, in der die blonde Sharon auftaucht, egal, ob sie spricht, kreischt, seufzt oder stöhnt. Der Mythos schrumpfte auf genau sieben Minuten und elf Sekunden zusammen - und die sinnvollen Sätze, die Mrs. Supervamp äußerte, konnte man an einer Hand abzählen. Wer das gesehen hat und die anderen Zusammenschnitte von Jack Nicholson als Teufel in den "Hexen von Eastwick" und Clint Eastwood als "Dirty Harry" dazu, der braucht keine Essays über Geschlechterstereotypen im Hollywood-Film mehr zu lesen - und hat sich außerdem noch gut amüsiert.
Viele Videokünstler aus Candice Breitz' Generation arbeiten mit den Bildern aus Hollywood, verarbeiten MTV, Fernsehen und Soaps. Doch niemand wirft sich so konsequent hinein wie sie. Breitz' Installationen sind oft gewaltig, mit vielen, vielen Bildschirmen, vielen schönen Bildern, vor Klang überbordenden Tonspuren dazu - den Genuss am Sound und am Bild merkt man ihnen an.
Diese Arbeiten nehmen die flim mernden Bilder der Medienmaschinerie in sich auf, sie leben in ihnen - und versuchen gleichzeitig, sie von innen heraus zu atta-ckieren, einfach indem sie zeigen, was da ist. "Dekonstruktion" würde man diese Methode im Seminar-Jargon nennen. Breitz selbst bevorzugt den Begriff der "literaricy", der Fähigkeit, zu lesen: "Jedes kulturelle Phänomen kann auf verschiedene Arten benutzt und interpretiert werden, und ich möchte die Fähigkeit fördern, auch die Populärkultur zu "lesen` Wir müssen die Werte nicht übernehmen, die Hollywood, die Soap Operas und Musikvideos anbieten. Wir können auswählen, was wir davon wollen und was nicht."
Was sie alles nicht will, das weiß Candice Breitz ganz genau - und das hat wohl auch mit ihrer Herkunft tun. Die 1972 geborene Breitz wuchs als Tochter weißer Eltern im griechischen Viertel von Johannesburg auf und suchte früh nach einer Möglichkeit, ihr Land zu verlassen. Doch als sie mit einem Stipendium nach Chicago kam, um ihren Master in Kunsttheorie zu machen, war sie entsetzt: "Auf dem Campus im Chicago sind weiße Mittelklassestudenten, und drumherum schwarze Slums. Ich war nicht um die halbe Welt gereist, um in die gleiche schreckliche Situation zu kommen, Apartheid." Breitz ging nach New York, studierte weiter und arbeitete parallel an ihrer Kunst, bis ihr die politische Situation wieder den Atem abschnürte: "Es war nach dem 11. September, Bush wurde wiedergewählt, und ich dachte: Ich bin in einem faschistischen Staat aufgewachsen, und die USA schien mir ein absolut ungesunder Ort zu werden, ich wollte da weg."
Seit 2002 lebt Candice Breitz in Berlin, ihre Wohnung in Mitte hat viel Platz für ihren großen Flachbildfernseher, für ihren Laptop und den ihres Lebenspartners, der für die Produktion der meisten ihrer Arbeiten verantwortlich zeichnet, und es sieht ganz so aus, als wäre sie endlich angekommen: "Mit meinem südafrikanischen Reisepass kann man nicht überall hin, aber Berlin ist relativ offen. Und es gibt einfach keine andere Stadt auf der Welt mit so einer interessanten Community von Künstlern!"
Im Südafrika ihrer Kindheit gab es keine professionelle Kunstszene, und Breitz hätte nie damit gerechnet, von Kunst leben zu können. Doch seit dem Umzug nach Berlin hat die studierte Kunsthistorikerin die Nebenjobs aufgeben können. Ihre Karriere hat vor allem in Europa kräftig an Fahrt aufgenommen. 1996 hatte Peter Weibel in Graz erstmals ihre frühen Arbeiten präsentiert, Collagen auf Papier: In den "Ghost Series" übermalte sie auf klischeehaften Bildern afrikanischer Dorfszenen die Körper der schwarzen Frauen mit Tipp-Ex, so dass weiße Gespenster übrig blieben, in den "Rainbow Series" kombinierte sie Bilder schwarzer Frauen in Stammeskleidung mit Fotos aus Pornomagazinen zu abstrusen Monstern. Der Zynismus der Arbeiten stieß nicht nur auf Begeisterung: Sie habe kein Recht, sich so an Bildern schwarzer Frauen zu vergreifen, hieß es.
Auf der Istanbul-Biennale 1999 machte Breitz dann erstmals mit bewegten Bildern auf sich aufmerksam. In der Installation "Babel Series" lässt sie sieben Popstars aufeinander los, die jeder nur eine kurze Silbe aus einem Song wiederholen: Pa-Pa-Pa, stottert Madonna, Ye-Ye-Ye, flüstert Prince, No-No-No, antwortet Grace Jones, und zusammen ergibt das ein Gewirr, das nicht nur babylonisch ist, sondern auch noch immens laut. Wenn Breitz hier die Popstars zu silbenbrabbelnden Kleinkindern zusammendampft, dann demonstriert sie gleichzeitig, auf welch fundamentalem Level die Medien uns allen ihre Sprache implantieren. "Früher hat man von seinen Eltern, seinen Großeltern, seinen Lehrern gelernt, wer man war. Heute haben die Medien diese Rolle strukturell übernommen", meint Breitz.
Für ihre Doppelinstallation "Mother + Father" hat sie diese Erkenntnis probehalber wörtlich genommen. "Ich wollte mal schauen, wie diese Medien-Mutti eigentlich aussieht und wer der Medien-Vater ist." Zu Recht ist die Arbeit letztes Jahr auf der Biennale von Venedig begeistert aufgenommen werden, denn außer den analytischen Cuts hat Breitz mit ihrem Team hier auch perfektes Timing und einen geradezu musikalischen Rhythmus entwickelt. Die sechs "Mütter" putzen Nasen in Endlosloops und stoßen ihre Seufzer aus, Monologfragmente erheben sich aus der traurigen Symphonie wie Solostimmen: Diane Keaton schluchzt, während Meryl Streep vom Scheitern ihrer Ehe berichtet, Shirley McLaine schminkt sich zum Klang von Julia Roberts' Versagensängsten. Die sechs Männer dagegen boxen und rennen, hadern und wüten. Wo die Frauen schniefen, finden sich Dustin Hoffman, Harvey Keitel und Donald Sutherland zum absurden Chor der Strafenden, sie zweifeln, ja, aber sie heulen nicht.
Ein halbes Jahr lang hat Breitz mit zehn Assistenten und Assistentinnen an den jeweils gut halbstündigen Gruppenperformances der Stars gearbeitet. Rhythmen und Dialoge wurde präzise komponiert, Bild für Bild wurden die Hintergründe geschwärzt: "Ich wollte, dass sie von ihren Filmen befreit werden und es aussieht, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen." So zwingt Breitz die Stars dazu, für diese halbe Stunde für sie zu spielen - und zwar umsonst, darauf legt sie wert. Sie bezahlt niemals Copyright-Gebühren, aus Prinzip nicht: "Ob man will oder nicht, in unserer urbanen Kultur begegnet man heute überall Britney Spears, Justin Timberlake oder David Beckham, im Supermarkt, auf den Plakatwänden, man atmet das ein, man nimmt es mit der Nahrung auf. Aber man kann nicht essen und essen ohne zu verdauen - man muss auch kauen, ausscheiden oder es wieder auskotzen. Jeder sollte das Recht haben, das Material zu benutzen."
Auch die Fans, die "Legend" singen, oder die Madonna und Michael Jackson imitieren wie in den Parallelinstallationen "Queen" und "King", nutzen die Popkultur nach ihren Bedürfnissen und verknüpfen ihre ganz eigenen Geschichten damit: Appropriation Art im Alltag, der Breitz mit großer Symphathie gegenüber steht. Rein formal hat Breitz mit den bild- und klangtechnisch makellosen, riesigen Bildschirmwänden dieser "Porträts" eine Monumentalität erreicht, die der des verstorbenen Nam June Paik gleicht. Doch wie so oft in der Kunst: Mehr Kraft als die freundliche Rehabilitierung der Nobodys haben im Breitzschen Werk die kritischen Attacken. Am besten ist Candice Breitz' Videokunst immer dann, wenn die geklauten Bilder der Somebodys unter ihren Schnitten zucken und nach ihrer Pfeife tanzen.
Ausstellungen: Baltic Centre for Contemporary Art, Newcastle. 10. Oktober bis 7. Februar 2007. Bawag Foundation, Wien. 14. Dezember bis 29. Januar 2007. Literatur: Marcella Beccaria (Hrsg.): Candice Breitz, Turin 2005. Galerien: White Cube, 48 Hoxton Square, London N1 6PB. Tel. (+4420) 793053 73, www.whitecube.com; Galleria Fancesca Kaufmann, Via dell'Orso 16, 20121 Mailand. Tel. (+39 02) 720 68 73, www.galleriafrancescakaufmann.com
Copyright-Gebühren zahlt Candice Breitz nie - aus Prinzip nicht
