Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 109
Wasser steigt, Zeit wird knapp
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Weltkultur: Irans Staudämme bedrohen historische Stätten
Pasargadae, die alte Hauptstadt der Achaimeniden und Sitz von Kyros dem Großen, Herrscher über das Persische Reich im 6. Jahrhundert vor Christus, wird irgendwann im Frühjahr dieses Jahres unter Schlamm und Wasser versinken. Die historische Stätte, die erst im Juli letzten Jahres in die UNESCO-Liste der Weltkulturgüter aufgenommen wurde, liegt nur unweit des Siwand-Staudamms, der im März fertiggestellt sein wird. Dann beginnt die Flutung.
Die iranische Regierung betreibt ein ehrgeiziges Programm zur Erschließung von Wasserenergie. 85 Staudämme werden derzeit überall im Land gebaut. Obwohl sie sich selbst als Nachfahren der ältesten menschlichen Zivilisation ansehen, zeigen die Verantwortlichen dabei wenig Verständnis für das reiche kulturelle Vermächtnis des Iran: Die Liste der bedrohten Kulturgüter ist lang. Die erste freischwebende Hängebrücke des Landes, die vor rund 200 Jahren errichtete Schalu-Brücke, ging bereits am 14. November in den Fluten des Karun-Flusses unter. Wenn das Wasser des Karun-3-Staudammes, der am 8. November eingeweiht wurde, weiter steigt, werden auch die nahe liegenden Überreste der historischen Stadt Izeh, darunter viele Anlagen aus der Steinzeit, auch Bauwerke aus der altorientalischen Periode überschwemmt. Der Sarhand-Staudamm in Ost-Aserbaidschan, der ebenfalls in diesem Jahr in Betrieb genommen werden soll, bedroht weitere zehn bedeutende archäologische Stätten des Landes.
In einem für iranische Verhältnisse ungewohnten Schritt hat die Iranische Gesellschaft zur Pflege des Kulturerbes öffentliche Bedenken angemeldet. Vertreter der Vereinigung lehnten es ab, an der Einweihung des Karun-3-Dammes teilzunehmen. Masoud Azamousch, Direktor für archäologische Forschungen, formulierte immerhin einen vorsichtigen Protest: "Wir verlieren hier ein unersetzliches Erbe der Menschheit, aber wir müssen natürlich auch die Interessen des Landes berücksichtigen."
Gemeinsam mit ausländischen Experten wollen iranische Archäologen nun doch versuchen, noch zu retten, was zu retten ist, oder zumindest dokumentieren, was für immer unter den Fluten versinken wird. Allerdings sind ihre Möglichkeiten begrenzt. "Wir besitzen weder die notwendige Ausrüstung noch die notwendige Erfahrung für eine solche Rettungsaktion", gesteht Mahmud Mireskandari, Chef des iranischen Teams für Unterwasserarchäologie. Deshalb hofft er dringend auf internationale Unterstützung. Denn mit den stetig steigenden Wassermassen läuft die Zeit davon. MARTIN EBBING
Bild(er):
Bild: Geht in Wasser und Schlamm unter: das Grab des Perserkönigs Kyros
