Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 112-113
Standardwerk mit Lücken
Von
Quellentexte zur Architektur des 20. Jahrhunderts
Architektur muss brennen" - das ist kein Satz, der Bauherren beruhigt. Wenn er von Architekten geäußert wird, bleiben die Bauaufträge wohl begrenzt. Vielleicht haben die Wiener Architekten Coop Himmelb(l)au deshalb so lange Zeit ihre Ideen vor allem in Zeichnungen, Aktionen und Ausstellungen ausgedrückt, bevor sie, wie unlängst mit dem "Ufa Kinozentrum" in Dresden, wirklich bauen konnten. Dass die Gründer Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky mit ihrem Manifest von 1980 vor allem eine Architektur forderten, die ihrer brüchigen Zeit entspricht, wird in dem Band zur Architekturtheorie im 20. Jahrhundert deutlich, in dem es abgedruckt ist.
Vittorio Magnago Lampugnani von der ETH Zürich und seine Helfer haben von Hendrik Petrus Berlage (1894) bis Dominique Perrault (1999) 131 Texte zusammengetragen, in denen die Architekten selbst Stellung nehmen zu Fragen ihres Handwerks und zu dessen Aufgabe in ihrer Zeit. Entstanden ist dabei ein äußerst lebendiges Handbuch zentraler Quellentexte, die nicht nur in die Architekturdebatten eines Jahrhunderts einführen, sondern obendrein in ihrer Kürze und Pointiertheit auch einen ungewöhnlichen Lesegenuss bieten.
Zu bedauern ist allerdings die teilweise nicht nachvollziehbare Auswahl. Dass Frank O. Gehrys Überlegungen zu Grundfragen der Disziplin keinen Platz finden, ist genauso unverständlich wie das Fehlen eines Textes von Herzog & de Meuron; immerhin haben die Basler mit ihrer radikalen Sichtung von Formen und Materialien die internationale Architektur der letzten 20 Jahre wesentlich geprägt.
GERHARD MACK
Architekturtheorie 20. Jahrhundert. Positionen, Programme, Manifeste. Hrsg.: Vittorio Magnago Lampugnani u.a. Hatje Cantz Verlag. 336 S., 58 Euro
