Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 113

Seine erste Biografin

Von

Ein kleines Lesebuch mit den Schriften von Gertrude Stein über Picasso

Die beiden waren ein ungleiches Freundespaar - rein äu-ßerlich betrachtet: Die sieben Jahre ältere Gertrude Stein, eine herbe Frau von kompakter Gestalt mit markanten Gesichtszügen und der geschmeidige, kleingewachsene Pablo Picasso, ein Mann mit blitzenden braunen Augen, stets auf sein Äußeres bedacht. Doch als die vermögende Amerikanerin (1874 bis 1946), die in Baltimore Philosophie studiert hatte, und der damals mittellose Spanier sich 1905 in Paris trafen, erkannte sie in ihm sofort das verwandte Genie.

Den Künstler, der Weltruhm erlangen sollte, und die Schriftstellerin, die "als Mutter der Avantgarde" in die Literaturgeschichte eingegangen ist, verband eine manchmal schwierige, aber intensive Freundschaft. Während er im Winter 1906 das be-rühmte Bildnis von "Miss Gertrude Stein" malte, schrieb sie 1909 ihren ersten Essay über ihn. Er steht am Anfang des kleinen, elegant aufgemachten Buchs, das erstmals - in zum Teil neuen Übersetzungen - alle Texte der Gertrude Stein über das Phänomen Picasso in deutscher Sprache vereint.

Diese Schriften, sparsam aber geschmackvoll illustriert, sind deshalb so faszinierend, weil sie über die sattsam bekannten Fak-

ten zu Picassos Leben und Werk hinaus belegen, wie selbstsicher, energisch und unbeirrt die Literatin und der Künstler ihre Bedeutung, ihr Können, ihre Genialität propagierten. Ein durchaus kritisches, in vieler Hinsicht erhellendes Nachwort der Kunst- und Literaturkritikerin Stefana Sabin rundet dieses gelungene Buch ab. ANGELIKA KINDERMANN

Bild(er):

Bild: Gertrude Stein: Picasso. Sämtliche Texte 1909-1938. Arche Verlag. 143 S., 60 Abb., 22 Euro

Bild: Das "Porträt von Miss Gertrude Stein" malte Pablo Picasso 1906