Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 108
Entgleisungen eines Idols
Von
Turner-Nachlass: Zweifel an Verbrennungsaktion
Für John Ruskin (1819 bis 1900) war William Turner (1775 bis 1851) der größte englische Landschaftsmaler aller Zeiten. Umso mehr traf es den bedeutenden Kunsttheoretiker, als er als Nachlassverwalter des verstorbenen Künstlers völlig unerwartet auf ein Konvolut mit erotischen Werken stieß: kopulierende Paare in den verschiedensten Positionen, Studien von weiblichen Genitalien. So vor den Kopf gestoßen war der prüde Viktorianer, dass er - so will es die Legende - mit Ralph Wornum, dem damaligen Direktor der National Gallery in London, im Dezember des Jahres 1858 die für ihn "völlig unentschuldbaren Werke" verbrannte. Die Entgleisungen seines Idols, die er als Ausgeburt "eines kranken Geistes" bezeichnete, sollten der Nachwelt erspart bleiben.
Doch nun behauptet Ian Warrell von der Tate Britain, in der Turners Nachlass aufbewahrt wird, die Verbrennung habe nie stattgefunden. Der Turner-Experte hat in den letzten Jahren fast 30000 Blätter durchforstet und sie mit den vorhandenen Inventaren verglichen. Er ist überzeugt, dass sich bis auf wenige Ausnahmen alle von Turner der Nation vermachten Arbeiten im Archiv der Tate befinden, darunter auch eine Reihe von erotischen Darstellungen. Warrell geht davon aus, dass sich Ruskin trotz seines Ekels nicht dazu durchringen konnte, die bewussten, von ihm nur grob beschriebenen Blätter zu verbrennen. Statt dessen habe er sie zusammengefaltet, teilweise verpackt und zu verstecken versucht - mithilfe eines selbst erdachten Nummerierungssystems, das die genaue Überprüfung des Bestands schwer macht. Gegen eine Verbrennung spricht auch die Tatsache, dass sich in den Tagebüchern von Ruskins angeblichem Komplizen Wornum kein einziger Hinweis auf eine solche Zerstörungsaktion findet. HANS PIETSCH
Bild(er):
Bild: Erotischer Akt von William Turner (1810/12), wieder entdeckt von Ian Warrell
Bild: Turner-Fan: John Ruskin
