Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 105
Verschluckt für 1500 Jahre
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Aktion: Zeitgenössische Kunst im Barbarastollen
Unter 200 Metern Gneis und Granit ruhen in luftdicht verschraubten Edelstahlfässern Deutschlands bedeutendste Kulturgüter : die Krönungsurkunde Kaiser Ottos des Großen von 936, auch die Baupläne des Kölner Doms - alles auf Mikrofilme gebannt und im "Zentralen Bergungsort der Bundesrepublik Deutschland" im Oberrieder Barbarastollen im Schwarzwald eingelagert. Seit 1975 hat der Bund hier über 600 Millionen Dokumente für den Kriegsfall bombensicher für die Nachwelt weggepackt. Vor einigen Monaten sind 50 neue Edelstahl-Zylinder hinzugekommen. Ihr Inhalt stammt nicht aus Archiven und Museen sondern aus den Ateliers von 50 lebenden deutschen Künstlern: ein Plastik-Blumenstrauß von Olaf Metzel, eine Tuschezeichnung von Jörg Immendorff, eine Fotografie von Andreas Gursky.
Der Künstler Adalbert Hoesle ist Initiator der VerschluckungsAktion. Mit seinen "subduktiven Maßnahmen" zielt er darauf ab, "im Sinne einer Kernbohrung" einen "Querschnitt zeitgenössischer Kunst" unserer Tage zu dokumentieren und nicht für ewig, aber für 1500 Jahre zu konservieren. Hoesle bat angesagte Jungstars wie Jonathan Meese, aber auch unbekannte Talente um ein Werk für den Barbarastollen, das mit der Einlagerung automatisch zum Weltkulturerbe zählt.
Die Hamburger Künstlerin Nana Petzet etwa erinnert sich noch gut "an das mulmige Gefühl", als die Anfrage Hoesles eintraf. Zwei Monate Zeit blieben der 42-Jährigen, um zu entscheiden, welche Arbeit in 1500 Jahren noch "verständlich" sein würde. Schließlich ließ sie eines ihrer Tagebücher mit privaten Äußerungen, aber auch Skizzen und Überlegungen zu ihrer Kunst auf Mikrofilm aufnehmen und im Zylinder verschwinden. "Ich wollte", so Petzet, "etwas Persönliches in die Zukunft schicken, einen Ausschnitt meines Lebens." ANGELIKA KINDERMANN
Bild(er):
Bild: Am Stahlzylinder: Jonathan Meese
Bild: In Edelstahlfässern sicher verpackt: Weltkulturerbe im Barbarastollen
