Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 108
Kunst als Trophäe
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KOMMENTAR
Mehr Raum für zeitgenössische Kunst, lautete eines der zentralen Argumente für die Erweiterung des Museum of Modern Art in New York. Entsprechend groß war die Erwartung, wie das Museum mit den Werken der Gegenwart umgehen würde. Dass Direktor Glenn D. Lowry verkündete: "Wir haben in den letzten Jahren aggressiv junge Kunst gekauft", heizte die Neugierde zusätzlich an. Umso größer war die Enttäuschung bei der Wiedereröffnung des erweiterten Hauses.
Nicht nur zeigte sich, wie hilflos das MoMA im Umgang mit Gegenwartskunst ist, schwerer wiegt, dass sich Lowrys Aussage als Jagdlizenz entpuppte: Gezeigt wurde weniger, was miteinander verwandt war; vielmehr sollten viele Neuerwerbungen das Jagdglück belegen. Ob die Wirkung einzelner Werke dabei vor die Hunde ging, spielte keine Rolle.
Schlimmstens betroffen von dieser Haltung ist Gerhard Richters Zyklus "18. Oktober 1977". Von dem 15 Gemälde umfassenden Werk zur RAF, das Richter 1995 ans Museum of Modern Art verkaufte, war nur das letzte Bild, "Beerdigung", zu sehen. Der Spannungsbogen zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Hoffnung und Trauer, zwischen Aufbegehren und Scheitern, mit dem der Maler bundesrepublikanische Geschichte 1988 auf den Punkt gebracht hat, macht den Zyklus zu einem der bedeutendsten Werke, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstanden sind. Im MoMA wird seine Wirkung zerstört, der Schlussakkord als Trophäe präsentiert: We got it. Blattschuss. Mitten ins Herz der Kunst. Kein gutes Zeichen für die Zukunft des Museums. GERHARD MACK
