Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 107
Knallrote Provokation mit neugierigen Fensteraugen
Von
Architektur: Mit einem fantasievollen Kasten füllte Manuel Herz eine enge Baulücke in Köln-Bayenthal
Eingeklemmt zwischen belanglosen Altbauten und halb verborgen hinter einem historischen Steinportal sprengt in Köln-Bayenthal, in der Goltsteinstraße, ein schmales Wohn- und Geschäftshaus alle Konventionen. Hier werden die Gesetze der Statik scheinbar gebrochen und Widersprüche provozierend inszeniert: Der untere Teil der Konstruktion ist glatt, leicht, gläsern, transparent und rechtwinklig. Der andere Teil jedoch - der sich scheinbar von oben herabstürzt - ist massiv, wuchtig, schwer und schiefseitig.
Um zu erreichen, dass aus den beiden unterschiedlichen Einzelformen ein plastisches Ganzes wird, hat der junge Architekt Manuel Herz den kantig modellierten Baukörper aus Beton - bei dem Dach und Wand ineinander übergehen - mit einer nahtlos gegossenen Haut aus Kunststoff überzogen. Diese homogene Schicht aus Polyurethan, knallrot eingefärbt, bekleidet auch die auffallenden Fensterkästen, die wie neugierig vorstehende Augen die Umgebung ins Visier nehmen.
Das Grundstück, auf dem gebaut wurde, ist knapp sechs Meter breit und 25 Meter tief. Trotz der Enge und Beschränkung sind auf einer Fläche von nur 137 Quadratmetern zwei überraschend großzügige Wohnungen (zwei- und dreigeschossig) sowie ein Geschäftsraum im Erdgeschoss, der zur Zeit als Kunsthandel genutzt wird, entstanden. Platz ist auch noch für zwei üppig bemessene Terrassen und einen Patio, wo sich laue Abende genießen lassen.
Auf der kaum einsehbaren Rückseite des Hauses durchbricht ein halbes Dutzend der aufgesetzten Fensteraugen - unregelmäßig verteilt - die kristallin facettierte Allover-Rothaut. Durch diese gleichsam ausgestanzten Öffnungen wird das Licht aus verschiedenen Richtungen fokussiert ins Innere geleitet. In der oberen Wohnung, geprägt durch reizvolle Schrägen, weit ausgeschnittene Zwischendecken und Galeriegeschosse, erfasst man mit einem einzigen Blick die volle Höhe und die räumliche Vielfalt - ein starkes dreidimensionales Erlebnis.
Bevor der Architekt allerdings zur endgültigen Form kam und sie in Glas und Beton umsetzen konnte, musste Manuel Herz erst einmal die Gesetze der rigiden behördlichen Bauordnung verinnerlichen. Dabei hat er sich zu einem Kenner der Materie entwickelt und durch kreative Interpretation der baurechtlichen Zwänge den Spielraum des Möglichen beträchtlich erweitert. Nach langwierigen Verhandlungen hatte Manuel Herz die zuständigen Beamten von der Qualität seines Konzepts soweit überzeugt, dass sie etliche Ausnahmen von den Regeln zuließen. Das Resultat ist die raffiniert verschränkte Kombination zweier Baukörper: Der untere, ist der "brave" (Herz), der alle Gesetze einhält. Der obere, ist der "trotzige", der die Vorschriften überwunden hat. Frech nennt denn auch der junge Architekt sein preisgekröntes Kunststück "Legal/Illegal". PETER M. BODE
Bild(er):
Bild: Nur knapp sechs Meter breit und 25 Meter tief war die Lücke, in die der Kölner Architekt Manuel Herz seinen ungewöhnlichen Bau setzte
Bild: Auffallende, unregelmäßig verteilte Fensterkästen auf der Rückseite des Herz-Baus durchbrechen die leuchtend rote Kunststoffhaut
Bild: Starke Durchblicke, reizvolle Schrägen im Inneren des Hauses
