Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 12-21
Massen und Meisterwerke
Von Ute Thon Thomas Hpker
Als das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) wiedereröffnet wurde, sprach der Schriftsteller John Updike vom "Tempel des Idealen". Doch wie bewährt sich das Museum im Alltag? Ein Besuch zeigt: Leerer ist es trotz Vergrößerung nicht geworden, doch die Sammlung sah nie besser aus
VON UTE THON UND THOMAS HÖPKER (FOTOS)
Die schlechte Nachricht zuerst: Das Museum of Modern Art ist durch den spektakulären, 425 Millionen Dollar teuren Umbau zwar um einiges geräumiger, aber auch überlaufener geworden. In der Eingangshalle bilden sich nun täglich Menschenschlangen, oft reichen sie bis auf die Straße. Das mag zunächst mal am Premiereneffekt liegen. Aber mit 2,5 Millionen anvisierten Besuchern im Jahr wird das MoMA wohl auch in Zukunft kein Ort zur intimem Kunstbetrachtung werden.
Die gute Nachricht: Die Warterei lohnt sich! Die exquisite MoMA-Sammlung sah niemals besser aus als in den zurückhaltend-eleganten, von Yoshio Taniguchi entworfenen Räumen. Und die Massen verlaufen sich auf fünf luftigen Stockwerken so sehr, dass man mit etwas Glück einen meditativen Moment vor Constantin Brancusis "Vogel im Raum" (1928) oder Robert Rauschenbergs "Bett" (1955) erhaschen kann. Das neue Gebäude hat die MoMA-Kuratoren, allen voran Chefkurator John Elderfield, zu Experimenten ermuntert. Wohin die Reise gehen könnte, deutet sich im schwindelerregenden Atrium in der ersten Etage an. Um dessen 33 Meter hohen Lichthof gruppieren sich die neuen Galerien. Dort ragt nun Barnett Newmans Stahlplastik "Broken Obelisk" (1969) wie ein Ausrufezeichen in die Höhe.
Gleich dahinter hängt neuerdings Claude Monets verträumtes Seerosen-Triptychon (1920). Die ungewöhnliche Platzierung dieses Kultbilds der Sammlung, dem früher ein eigener Raum gewidmet war, zwischen einer rostigen Eisenskulptur und zeitgenössischen Bildern von Brice Marden und Jasper Johns, wirkt auf alte MoMA-Puristen wie ein Affront. Doch die neue Platzierung tut Monets Spätwerk gut. Das Bild streift seinen ganzen kunsthistorischen Ballast ab und sieht auf einmal wieder taufrisch aus. Im Foyer lockt das Museum noch mit anderen Überraschungen. Da schwebt ein grüner Leichtbau-Hubschrauber der Marke Bell 47D-1 wie ein aggressives Insekt über Auguste Rodins schrundig-schwarzer Bronze des französischen Romanciers Honore de Balzac ("Denkmal für Balzac", 1898). Eine ziemlich merkwürdige Kombination, wurde dieser von Arthur Young 1945 entworfene Flugmaschinentyp doch einst im Koreakrieg eingesetzt. Die Installation erinnert automatisch an den aktuellen Konflikt im Irak und an die Frage, ob militärisch-technologischer Fortschritt letztlich über Geist und Kultur triumphiert.
Der größte Unterschied zur alten Hängung liegt in der zeitlichen Abfolge. Die Geschichte der Moderne wird jetzt gewissermaßen rückwärts erzählt. Die Ausstellung beginnt im ersten Stock mit zeitgenössischer Kunst. In drei lagerhallengroßen Galerien finden sich bekannte Namen, Richard Serra, Kiki Smith, Jeff Koons, Matthew Barney, Rachel Whiteread, mit ein paar überraschenden Neuerwerbungen wie Gordon Matta-Clarks "Bingo" (1974), einem in Scheiben geschnittenem Haus mit roten Schindeln, und Chris Ofilis mit Elefantendung verziertem Porträt "Prince Amongst Thieves" (1999). Insgesamt wirkt die Auswahl zur Kunst der letzten 30 Jahre ein bisschen leidenschaftslos und vorläufig, wie Objekte in einem Wartesaal, bei denen man noch nicht sicher ist, ob sie für die gute Stube zwei Stockwerke höher taugen. Überaus verwunderlich ist der Umgang mit Gerhard Richters 15-teiligem RAF-Zyklus "18. Oktober 1977" (siehe Kommentar auf Seite 116), von dem gerade mal ein einziges Bild gezeigt wird.
Die wahre Autorität des MoMA kommt im dritten und vierten Stock zur Schau, den Schatzkammern des Museums, wo die kanonisierte Version der modernen Kunstgeschichte vorgeführt wird. Den Auftakt macht ein wunderbar unverhofftes Bild. Paul Signacs pointilistisches Porträt "Opus 217" (1890) zeigt den französischen Kunstkritiker und Sammler Felix Feneon mit Gehrock, Zylinder und weißer Orchidee in der Hand. Hinter ihm schrauben sich sternenbeladene Farbspriralen in die Zentralperspektive wie Visionen von einem LSD-Trip und ziehen den Betrachter hinein ins hypnotische Kunstchaos des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Natürlich beginnt die Geschichte der Moderne auch im neuen MoMA immer noch mit den postimpressionistischen Säulenheiligen Paul Cezanne, Georges-Pierre Seurat, Paul Gauguin und Vincent van Gogh. Cezannes "Badender" (1885), dem jahrzehntelang die Rolle des Einführers zufiel, hängt nun schräg gegenüber von Signac, dahinter strahlen wie gewohnt van Goghs "Sternennacht" (1889) und Henri Rousseaus "Schlafende Zigeunerin" (1897). Im nächsten Saal illustrieren Pablo Picassos "Les Desmoiselles d'Avignon" (1907) und weitere Meisterwerke des Kubismus die fieberhafte Produktivität der frühen Jahre.
MoMA-Gründungsdirektor Alfred H. Barr, dessen Geist nach 75 Jahren immer noch durch die Räume weht, war ein großer Fan von Diagrammen. Mit Tabellen, Schnittmengen und Vektoren wollte er Ordnung in den Entwicklungsprozess der modernen Kunst bringen. Die Startlinie zog er um 1890. Bereits 20 Jahre später waren seine Diagramme von NeoImpressionismus über Kubismus, Futurismus und Expressionismus zum Suprematismus so verschlungen wie ein Knäuel Spaghetti.
Die neue, großzügigere Architektur trägt dieser Gleichzeitigkeit der Ereignisse nun endlich Rechnung. Statt Einbahnstraßen lässt das neue Layout verschiedene Wege und Durchblicke durch die Sammlung zu. Von Egon Schiele und Gustav Klimt im Expressionismus-Saal kann man entweder direkt zu Henri Matisses "Rotem Studio" (1911) wandern oder einen Abstecher über den französischen Kubismus zu den italienischen Futuristen machen. Giacomo Balla, Carlo Carra, Gino Severini und Umberto Boccioni, die fortschrittsgläubigen Künstler dieser Bewegung, haben ihren eigenen Raum bekommen. Hier zeigt sich die Intelligenz von Taniguchis zurückhaltendem Design. Ein Fenster, das vom Fußboden bis zur Decke reicht, lässt plötzlich ein Stück Großtadt ins Museumsinnere hinein. Und Manhattans kaskadenartige Hochhauslandschaft korrespondiert ganz wunderbar mit den frühen Maschinenträumen der italienische Futuristen.
Viel Aufregung gab es um die Platzierung von Matisses "Tanz I" (1909), ein weiteres Kultbild der Sammlung, im Treppenhaus. Dort sei es lieblos abgestellt und degradiert, jammerten die Kritiker. Dabei hebt die isolierte Hängung, die erstmals eine extreme Unter- und Aufsicht auf das Bild zulässt, eine bis dahin kaum bekannte Qualität des Gemäldes hervor. Es handelt sich bei dem Werk nämlich um die Vorstudie für eine Auftragsarbeit für den russischen Industriellen Sergej Schtschukin. Das Bild sollte auch ursprünglich einen Treppenabsatz zieren und beim Heraufsteigen der Stufen bewundert werden. Deshalb, vermuten die MoMA-Experten nun, malte Matisse die tanzenden Damen so perspektivisch verzerrt. Im dritten Stock wird die Blüte der amerikanischen Moderne abgehandelt, allen voran Jackson Pollock, der Held des Abstrakten Expressionismus, dem neben Matisse als einzigem anderen Künstler ein ganzer Raum gewidmet wurde. Die Nachkriegsabteilung startet zwar noch mit richtungsweisenden europäischen Künstlern wie Alberto Giacometti, Jean Dubuffet und Francis Bacon, aber schon im zweiten Saal übernehmen die Amerikaner das Feld. Hier und da gibt es Verweise auf die Entwicklung anderswo, ein Streifenbild von Bridget Riley aus den Sechzigern, ein grauschwarzes Betonrelief von Antoni Tapies und Skulpturen der brasilianischen Konzeptkünstler Helio Oiticica und Lygia Clark. Doch rein quantitativ übertrumpft Kunst made in the USA alles andere.
Im neuen MoMA wird der Kanon der Moderne nicht neu erfunden, sondern nur ein bisschen eleganter erzählt. An einigen Stellen, besonders in Richtung Gegenwart, holpert die Geschichte immer noch gewaltig. Wann, stellt sich die ketzerische Frage, ist die Moderne zu alt, um noch modern zu sein? Als das MoMA 1929 mit dem erklärten Ziel gegründet wurde, "die Kunst seiner Zeit" zu zeigen, gab Alfred H. Barr darauf eine radikale Antwort: Alle gesammelten Werke sollten spätestens 50 Jahre nach ihrem Entstehen ans Metropolitan Museum abgestoßen werden. Nur so könne das Museum frisch und aktuell bleiben. Der Pakt wurde bekanntlich nie erfüllt. Und gerade deshalb stehen die Besucher heute vor dem MoMA Schlange.
Adresse: Museum of Modern Art, 11 West 53 Street. Tel. (212) 7 08-94 00. Öffnungszeiten: Mi-Mo 10.30-17.30 Uhr. Fr 10.30-20 Uhr. Di geschlossen. Eintrittspreise: Erwachsene 20 Dollar, Senioren/Studenten 16/12 Dollar, Kinder frei. Katalog: 65 Dollar. Internet: www.moma.org
Mit etwas Glück kann man hier trotz des großen Andrangs einen meditativen Moment erhaschen
Die Moderne wird nicht länger als lineare Entwicklung dargestellt - sondern in der Gleichzeitigkeit der Ereignisse
Bild(er):
Bild: Wie ein Ausrufezeichen ragt Barnett Newmans Stahlplastik in die Höhe: Der "Broken Obelisk" (1969) steht im Lichthof des Atriums, um den sich die neuen Galerien des MoMA gruppieren
Bild: Der Außenraum spielt im MoMA eine wichtigere Rolle als bisher: Architekt Yoshio Taniguchi verschafft dem Besucher durch gläserne Fassaden immer wieder Durchblicke auf die Wolkenkratzer Manhattans - und von der Museumsluft kann man sich hier im Skulpturengarten erholen
Bild: Oben: In ihrer Serie "Perücken" (1994) beschäftigt sich die Künstlerin Lorna Simpson mit der identitätsbestimmenden Wirkung von Frisuren. Unten: Claude Monets berühmtes Seerosen-Triptychon von 1920 hängt nun im Atrium - und sieht auf einmal wieder taufrisch aus
Bild: Erste Begegnung mit Kunst: eine Schülergruppe vor Marc Chagalls Gemälde "Ich und das Dorf" von 1911
Bild: Oben: Die neue Hängung des Bilds "Tanz I" stieß auf Kritik - dabei hatte Henri Matisse es ursprünglich auch für einen Treppenaufgang gemalt. Unten: Jackson Pollock (hier "Nummer 31" von 1950) gehört zu den Stars des MoMA; er verkörpert den Triumph der US-Nachkriegskunst
Bild: Oben: Der neben Pollock zweite große Held der amerikanischen Abstraktion ist Barnett Newman - hier sein Bild "Vir Heroicus Sublimis" von 1951. Unten: Neue Großzügigkeit herrscht in den Sälen, die der europäischen Avantgarde vorbehalten sind: Salvador Dalis "Retrospektive Büste einer Frau" (1933)
Bild: Symbolisch treffen Technik und Geist aufeinander: Der Hubschrauber
Bild: "Bell 47D-1", ein Designklassiker von 1945, schwebt über Auguste Rodins Skulptur des Dichters Balzac (1898)
Bild: Eine Besucherin sieht sich Jasper Johns' Gemälde "Flagge" von 1954/55 ganz genau an
Bild: In der zeitgenössischen Abteilung: im Vordergrund eine Arbeit der Künstlerin Kiki Smith
Bild: Das Dekor von Gustav Klimts "Hoffnung II" (1908) hat Echos - im Taschendesign
Bild: Führung im Ohr: eine Besucherin vor Jackson Pollocks Bild "The She-Wolf" (1943)
Bild: Konkurrenz zu Gino Severinis Malerei: Der Blick auf die Hochhauslandschaft lässt staunen
