Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 88

Fahnenträger in einer engen Nische

Von Hans Pietsch

LONDON: TRIUMPH DER MALEREI / Charles Saatchi präsentiert eine willkürliche Auswahl zeitgenössischer Maler.

Als erfolgreicher Werbemann hat Charles Saatchi keine Scheu vor großen Worten. Unter dem Titel "Triumph der Malerei" feiert er die plötzliche, fast unbefleckte Wiedergeburt der Malerei, als sei diese irgendwann von der internationalen Kunstbühne abgetreten. Den "Fahnenträgern" der internationalen Kunstszene, wie er Martin Kippenberger, Jörg Immendorff, Hermann Nitsch, Luc Tuymans, Marlene Dumas und Peter Doig nennt, wird im Sommer die nächste Generation folgen. Im Herbst will er darauf noch unbekannte Maler vorstellen, die er auf dem Markt durchsetzen möchte. Das Museum in der unter Denkmalschutz stehenden County Hall ist ein denkbar ungünstiger Ausstellungsort. Zwar ließ Saatchi weiße Trennwände einziehen, doch diese betonen nur noch die unpassenden Stuckdecken und Holztäfelungen. Am schlechtesten kommen dabei Jörg Immendorff und Martin Kippenberger weg: Elf ihrer gewaltigen Leinwände wurden in die Nischen des früheren Sitzungssaales gezwängt, wo sie kaum noch Wirkung entfalten können. Besser ergeht es den Werken in den kleinen Räumen, wo früher die Schreibtische der Beamten standen. Hier hat Saatchi nur jeweils eine Arbeit gehängt, und so kann man sich ganz auf Immendorffs politische Allegorie "Mangelgesellschaft" (1998) oder auf Kippenbergers hyperrealistische Darstellung der "Paris Bar, Berlin" (1993) konzentrieren. Ebenso durchdacht wirkt ein Raum mit Arbeiten der in Südafrika geborenen Holländerin Marlene Dumas, hauptsächlich Kinderdarstellungen voller versteckter Gewalt. Ein Gegenpol zu jener Härte bilden die elegischen Landschaften des heute auf Trinidad lebenden Briten Peter Doig. Auch sie nehmen den Betrachter ganz für sich ein.

Rund 50 Gemälde von sechs Malern, doch warum gerade von diesen? Warum Immendorff und nicht Gerhard Richter oder Georg Baselitz? Warum Doig und nicht Chris Ofili? Schließlich sind das auch "Fahnenträger", auf die sich eine jüngere Generation beruft. Wieso haben sich statt dessen die schlierigen "Schüttbilder" des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch hierher verirrt, diese Relikte seiner blutigen Rituale? Der Verdacht regt sich, dass allein die persönlichen Vorlieben und das Marktinteresse des Sammlers die Frage entschieden, wer "Fahnenträger" ist und wer nicht. Nach einem Konzept des Sammlers und Kurators in Personalunion sucht man vergeblich. Saatchi liebt es einfach, seinen Stolz über die Ergebnisse seiner Kaufwut mit einem möglichst großen Publikum zu teilen. Es wäre allerdings unfair, seine Übersichtsschau schon nach dem ersten Teil für gescheitert zu erklären. Der Triumph kann ja noch kommen. Wenn dann die "Fahnenträger" das Feld den Jüngeren überlassen.

Termin: Teil 1, bis 5 Juni. Katalog: Random House, 35 Pfund. Internet: www.saatchi-gallery.co.uk/

Bild(er):

Bild: Peter Doig: "Concrete Cabin" ("Betonhütte", 198 x 275 cm) von 1994