Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 103

Skulptur landet im Sperrmüll

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Szene: Frankfurter Stadtreinigung reumütig

Woran erkennt man Kunst? Über diese Frage herrscht in Frankfurt am Main derzeit große Verunsicherung. Michael Beutler, Absolvent der Städelschule, hat sich für eine Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins mit Verschalungsmaterial beschäftigt. Zehn solcher Baustoff-Skulpturen platzierte er im öffentlichen Raum - eine davon wurde von der Stadtreinigung entfernt und verbrannt. Der Leiter der Stabsstelle "Sauberes Frankfurt" zeigte sich reumütig, er habe die Skulptur für Sperrmüll gehalten. Beim Frankfurter Kunstverein räumt man ein, dass das Objekt "nicht hundertprozentig als Kunstwerk zu identifizieren" gewesen sei. Von zwei weiteren Skulpturen fehlt jede Spur. Die Saubermänner von Frankfurt können jetzt Nachhilfe in Sachen Kunst nehmen. Das Städel-Museum hat eine neue Reihe ins Leben gerufen: "Testen Sie Ihr Kunsturteil". Dabei kann das Publikum ein unbekanntes Werk aus dem Depot bewerten. Bei der ersten Sitzung ging es um eine Quellnymphe - ohne Hinweis auf den Künstler. "Kitsch", sagten die einen, "ein Akt für Genießer", meinten andere. Aber ehe die Besucher richtig schauten, hatte schon jemand die Signatur entschlüsselt: Otto Scholderer. Aus der Seh-Schule wurde unversehens eine gewöhnliche Infoveranstaltung, bei der Kunsthistorikerin Gudrun Körner referierte: Frankfurter Künstler, 1834 bis 1902, das Hauptwerk ist "Der Geiger am Fenster", die Quellnymphe dagegen stehe für den missglückten Ausflug Scholderers in den Symbolismus. Über Skulpturen aus Verschalungsmaterial wurde im Städel noch nicht gesprochen. ADRIENNE BRAUN

Bild(er):

Bild: Michael Beutlers titellose Arbeit von 2004 gehört zu einer Skulpturenserie auf öffentlichen Plätzen, die Frankfurts Stadtreinigung in Aktion treten ließ