Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 79

Nägel mit lyrischer Bewegung

Von Boris Hohmeyer

AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ / BERLIN: GÜNTHER UECKER / Der Martin-Gropius-Bau zeigt Nagelbilder und andere Arbeiten des Künstlers

Natürlich sind Nägel mit gutem Grund Markenzeichen des Bildhauers Günther Uecker. Unzählige von ihnen schlug er im Lauf seiner Karriere in Bretter, Stühle, Klaviere und Baumstämme; er hält das künstlerische Monopol für diesen Werkstoff. Erschöpft ist Ueckers Werk damit nicht: Der Düsseldorfer Künstler hat monochrom gemalt und rotierende "Sandmühlen" gebaut, die mit nachschleifenden Seilen ewig gleiche Kreisfiguren in den Boden graben, er hat Tücher mit Menschenrechtsmanifesten beschrieben und angesichts des Reaktorunglücks von Tschernobyl mit dem eigenen Körper Bilder von Schrecken und Verlorenheit in Ascheflächen geprägt.

Ein Querschnitt durch das Gesamtwerk ist jetzt, anlässlich von Ueckers 75. Geburtstag am 13. März, unter dem Titel "20 Kapitel" im Berliner Martin-Gropius-Bau und in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Veranstaltet wird die Schau mit rund 240 Werken vom Neuen Berliner Kunstverein (NBK) unter seinem Leiter Alexander Tolnay, einem langjährigen Uecker-Freund.

Für einen anderen Weggefährten des Künstlers ist die Retrospektive unerwartet zum Denkmal geworden: Der einstige Nationalgalerie-Chef Dieter Honisch hatte bereits einen Großteil der Katalogtexte verfasst, als er im vergangenen Dezember starb. Honisch war es auch, der Uecker 1970 für den deutschen Biennalepavillon in Venedig nominiert hatte.

Körperlichkeit, Gewalt und Zerstörung, aber auch eine besondere Nähe zur Natur sind durchgängige Motive in Günther Ueckers Werk. In den Nagelbildern kommt all dies zusammen: der rabiate Akt ihrer Entstehung, ihre bedrohliche Stachligkeit und daneben oft eine überraschend lyrische Bewegung, die an wogendes Getreide erinnern kann - ein Bezug, den der Bauernsohn von der mecklenburgischen Halbinsel Wustrow mit Titeln wie "Nagelbeet" oder "Großer Wind, großes Feld" selbst immer wieder betont hat. Seine Liebe zu weiten Landschaften zeigt Uecker auch in den wenig bekannten, von ihm als private Nebenwerke betrachteten Aquarellen, die der NBK mit rund 150 Werken parallel zur großen Ausstellung in den eigenen Räumen zeigt. BORIS HOHMEYER

Termine: Martin-Gropius-Bau 11. März bis 6. Juni; NBK 12. März bis 6. Juni; Neue Nationalgalerie 20. April bis 16. Mai. Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds. Kataloge: Hatje Cantz Verlag, "20 Kapitel", 39,80 Euro. "Aquarelle", 19 Euro. Internet: www.gropiusbau.de und www.nbk.org

Bild(er):

Bild: Der mit Motorkraft bewegbare "New York Dancer" (Höhe 230 cm, 1965) im Ruhezustand