Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 86-87
Natürlich geht es um Moral
Von Silke Mller
BERLIN: DIE RAF-AUSSTELLUNG / art-Redakteurin Silke Müller über die Schau "Zur Vorstellung des Terrors" in den Kunst-Werken.
Über keine Ausstellung in den vergangenen Jahren gab es schon vor der Eröffnung so viele Meinungen. Und im Gegensatz zur Präsentation der Flick-Collection im Hamburger Bahnhof, wo die Kunst die Erlösung bringen sollte, steht sie bei der RAF-Ausstellung von vornherein unter Verdacht, mit dem Teufel unter einer Decke zu stecken.
Die beiden Ereignisse gehören zwingend in ein Verhältnis gesetzt. Deutschland Ende 2004/Anfang 2005: Bundeskanzler, Berliner Oberbürgermeister, Kultur-Staatsministerin und die Herren der Stiftung Preussischer Kulturbesitz begrüßen und subventionieren die Präsentation einer Privatsammlung internationaler Kunst, die mit dem vererbten Vermögen eines verurteilten nationalsozialistischen Kriegsverbrechers erworben wurde. Die Kuratoren der RAF-Ausstellung hingegen werden zu Nachbesserung und Vorlage ihres Konzepts genötigt, um Mittel aus dem Hauptstadtkulturfonds zu erhalten - was sie verweigern. Eine Benefiz-Auktion von Kunstwerken ermöglicht jedoch, dass die Schau stattfinden kann.
Berlin hat also nun zwei große Aufreger im Ausstellungskalender. Hier die große Kapitalkunst, von deren Glanz etwas auf den überschatteten Namen Flick (und auf die Berliner Republik) abstrahlen soll, und dort die völlig unrepräsentative, kleinteilige und im Material oft arme Gedankenkunst, der eine demagogische Kraft angedichtet wird. Mit den ewigen Nazi-Debatten soll nun Schluss sein, sagt die Subventions- und Laudatiopraxis der Politik. Und beim Thema RAF fürchtet ausgerechnet Rot-Grün den Verlust der Debattenhoheit. Wieder einmal geht es darum, wem die Geschichte gehört. Die Kunst, so scheint's, hat sich da herauszuhalten. Doch zum Glück ließen sich die Kuratoren Ellen Blumenstein, Klaus Biesenbach und Felix Ensslin nicht von ihrem Vorhaben abbringen.
Der stärkste Raum, der zugleich auch das Konzept der Schau offen legt, ist die zentrale Ausstellungshalle. Entlang der Wände ein Fries aus Tageszeitungen und Magazinen, die zu jeweils 29 maßgeblichen Ereignissen zwischen dem 2. Juni 1967 (Erschießung von Benno Ohnesorg) und dem 20. April 1998 (die RAF erklärt ihre Auflösung) erschienen sind. Es waren - und sind - die Medien, die unsere Vorstellung von der Realität mit Material füttern. Und natürlich sind auch für die Künstler die Berichte der "Tagesschau", die Bilder aus dem "Stern" und die Hintergrund-Stücke aus dem "Spiegel" der Rohstoff, aus dem ihre ästhetische und politische Auseinandersetzung gespeist wird. Umgekehrt haben sich die Mitglieder der RAF dieser Medien auf eine völlig neue Art bedient - mit ihren Selbstinszenierungen, ihrer Begriffswahl, ihrem eigens entworfenen Stern- und Kalaschnikoff-Logo, mit Kameraaufzeichnungen (Entführung von Hanns Martin Schleyer) und Live-Übertragungen im Fernsehen (Flugzeugentführung der Landshut).
Der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann (Jahrgang 1941) hat Zeitungsbilder gesammelt und zu einem stillen Memento verdichtet: In einem weißen Kubus, abgeschirmt von der publizierten Aufregung, kann man die Bilder der Toten abschreiten. 90 Tote - Opfer, Täter, Beteiligte und Unbeteiligte. Eine ernste Arbeit, die als Legitimation der gesamten Ausstellung taugt: Feldmann urteilt nicht, sondern konstatiert die traurige Wahrheit des deutschen Herbstes - und die karge Ästhetik der Konzeptkunst verhilft dieser kollektiven Ahnengalerie zu einer Reflexionsebene, die sie weit über den Meinungsterror der Medien erhebt. Nur wenige der rund 90 Kunstwerke sind inhaltlich und formal so überzeugend. Und es geht ein Bruch durch die Generationen: Wer den heißen Herbst miterlebt hat, personalisiert die Geschichte (Yvonne Rainer, Bettina Allamoda), zeichnet Medienbilder auf und bewertet sie neu (Klaus Mettig, Katharina Sieverding, Klaus vom Bruch, Marcel Odenbach) oder integriert die Thematik auf selbstverständliche Weise in sein Oeuvre (Sigmar Polke, Wolf Vostell, Thomas Bayrle). In diesen Arbeiten steckt eine Dringlichkeit, bei jenen von Felix Droese gar eine existenzielle Bedeutung des Geschehens für das eigene Leben/Werk. Es galt in den siebziger Jahren an den Akademien ja tatsächlich, sich zu entscheiden: Weiter Kunst machen? Wie gesellschaftlich relevant kann das überhaupt sein? Müssen auf Gedanken Taten folgen? Künstler zu werden oder zu bleiben, das war zu den aktiven Zeiten der RAF ein Statement für die gesellschaftliche Wirkungsmacht der Kunst und gegen Gewalt.
Je jünger die Künstler, je weiter auch geografisch vom Zentrum der Ereignisse entfernt, desto beliebiger, gar belangloser werden die Arbeiten. Es ist eben der Mythos RAF (und insofern war der umstrittene Arbeistitel der Schau präzise), mit dem sich die nachfolgende Generation beschäftigt, und nicht erlebter Zeitlauf. Das Duo Andree Korpys/ Markus Löffler (Jahrgang 1966/1963) etwa reizt das Design konspirativer Wohnungen. Und Jonathan Meese fällt nichts Besseres ein, als den (auf ein "a" reduzierten) Namen "Bader" in sein Isis-Conan-Meese-Gedöns samt Eisernen Kreuzes mit der Inschrift "ich" zu integrieren. Zum Gähnen.
Kunsthistorisch interessant sind die "Atlas Tafeln 470-474" und "475-479" von Gerhard Richter, die seine fotografische Bearbeitung der Medienbilder zeigen, auf die sein Gemäldezyklus "18. Oktober 1977" (siehe Seite 116) zurück- geht. Als habe er den Prozess des Erinnerns vorwegnehmen wollen, fügte er seiner Materialsammlung nur unscharf reproduzierte Pressefotos zum Thema RAF an.
Die Schau belegt, wie existenziell die Auseinandersetzung mit der Baader-Meinhof-Gruppe in der Kunst geführt wurde und ist ein längst überfälliger Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Den Kuratoren und den Künstlern ist es zu verdanken, dass dem Flick-Aufmarsch im Hamburger Bahnhof ein Stück Denk- und Erinnerungsarbeit entgegengesetzt wird. Obwohl es aus der Mode gekommen scheint: Natürlich geht es in Berlin, bei beiden Ausstellungen, um Moral.
Termine: bis 16. Mai; 24. Juni bis 28. August, Neue Galerie, Graz. Katalog: Steidl Verlag, 2 Bände,45 Euro, im Buchhandel 65 Euro. Internet: www.kw-berlin.de
Bild(er):
Bild: Aktuell wie am ersten Tag: "Schlachtfeld Deutschland" XI/78" (1978) von Katharina Sieverding
Bild: Die Ereignisse zwischen 1967 und 1998 im Spiegel der Medien: In der zentralen Ausstellungshalle trifft Information auf künstlerische Bearbeitung
