Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 42-47
Platz da!
Von Boris Hohmeyer Oliver Mark
Recherche im Reich der Macho-Motive: Die Berliner Künstlerin Tatjana Doll malt dicke Autos, Container und Lastwagen. Und was kommt danach? Ein Öltanker
VON BORIS HOHMEYER UND OLIVER MARK (PORTRÄTFOTO)
Verschwendung von Material kann man Tatjana Doll nicht vorwerfen. Ihre Leinwände mögen viele Quadratmeter messen, aber sie dürften, so scheint es, auch keinen Zentimeter kleiner sein: Bis an die Außenkanten reichen die Darstellungen der Müllautos, Geldtransporter und Geländewagen. Befremdlich real, manchmal auch aggressiv wirken diese raumgreifenden, den Bildträger fast sprengenden Gefährte, und doch sind sie - betont ruppig hingepinselt und aus verschiedenen Ansichten zusammengefügt - unmissverständlich nichts als Malerei.
Seit Ende vergangenen Jahres entstehen Tatjana Dolls Gemälde in einer ehemaligen Omnibusgarage auf einem schäbigen Gewerbehof, an der Grenze zwischen den Berliner Stadtteilen Prenzlauer Berg und Mitte. Der Ort erscheint den Motiven angemessen, und das muss er auch sein: Jeder Raum, sagt die 1970 im westfälischen Burgsteinfurt geborene Künstlerin, gebe mit seinen Proportionen "Anweisungen" für ihre Bilder. Nach mehreren Umzügen will Tatjana Doll diesen Arbeitsplatz jetzt über längere Zeit "bespielen", und damit meint sie sowohl die alltägliche Produktion von Gemälden als auch den "Traum, die Tore mal aufzumachen" für eine Ausstellung.
Schon früh hat Doll ihre Werke weitab der üblichen Institutionen gezeigt. Mitte der neunziger Jahre gründete sie in Düsseldorf zusammen mit Tine Furler, Dietmar Lutz, Markus Vater und Sophie von Hellermann die Gruppe "hobbypop". Die Malereistudenten der Kunsthochschulklasse von Dieter Krieg hängten ihre Riesenbilder gern in Industriehallen, verbanden die Ausstellungen mit beliebten Partys und veranstalteten 1996 gar eine monumentale Drive-in-Schau, deren Besucher die mindestens vier Meter hohen Malereien gemächlich abfahren konnten. So eine Präsentation würde auch den aktuellen Werken von Tatjana Doll gut stehen. Doch damals, versichert sie, malte sie noch ganz anders, experimentierte mit vielerlei Materialien; ihre ersten Lastwagen-Gemälde stammen von 1998.
Damals hat Doll beschlossen, "keine eigenen Erfindungen" mehr auf die Leinwand zu bringen, alles Autobiografische aus ihrem Werk zu verbannen. Geblieben sind Bilder des Alltags, gemalt mit einfachen Lackfarben - Autos, Container, Feuerlöscher, Piktogramme oder Sitzreihen aus Kinos und Sportarenen. Als Vorlagen dienen statt der Dinge selbst meist Werbefotos von ihnen: Der ganze Werkprozess spielt sich in nur zwei Dimensionen ab.
Völlig frei von persönlichen Bezügen ist freilich auch diese Malerei nicht. So stach eines ihrer wichtigsten Motive Tatjana Doll erstmals ins Auge, als es sie in New York beinahe überfuhr. Der so genannte Hummer, eine Art martialischer Jeep, hat es vom Militärfahrzeug zum amerikanischen Modeauto gebracht - und zum Lieblingsvehikel von Arnold Schwarzen-egger. Dass der Brachialschauspieler zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde, während sie gerade an ihrer Hummer-Serie malte, kam Doll ungelegen. Es gebe, findet sie, den Bildern zumindest für ein US-Publikum eine ungewollte politische Note. Dabei sind ihrer Arbeit gesellschaftskritische Hintergedanken nicht grundsätzlich fremd. Die Stadionsitze etwa interessieren sie, weil Sportfans mit ihrer Hilfe zu fest verplanten Objekten mit vorgegebenem Platzverbrauch degradiert würden. Die alten Bänke mögen unbequem gewesen sein, freier war man auf ihnen allemal.
Ihre Bilder will Tatjana Doll "nicht als Juwelen an der Wand" hängen sehen, sie sollen durch ihre Fremdheit vielmehr "den Raum", der sie umgibt, "zerstören". Tatsächlich passen diese Malereien nirgends so recht hin: Im Schutz eines Museums oder einer Galerie scheinen sie ins Freie zu drängen wie vitale Straßenköter, und über einem heimeligen Sofa kann man sie sich schon gar nicht vorstellen. Draußen wiederum verwundern sie durch ihre Künstlichkeit - ein Effekt, den die Malerin offenkundig genießt. Immer wieder trägt sie Werke in den Außenraum, oder sie montiert deren Reproduktionen am Computer ins ursprüngliche Umfeld der Motive hinein: Absperrhütchen und Container zu Baustellen, Preisschilder an eine Tankstelle, den riesig vergrößerten Aushang "Tausche Fahrrad" an eine Plakatwand. Ein Flugzeugbild trägt den Titel "Marlboro bis Dresdner Bank", weil es bei einer Straßenpräsentation unter diesen beiden Geschäftsschildern aufgestellt war.
Auch an Betrachtern, die zufällig ins Atelier schauten, hat Tatjana Doll die Wirkung ihrer Arbeit studieren können. So nutzte sie 1999 im Berliner Europacenter die verlassenen Räume einer Bank. Viele Passanten gingen nach einem kurzen Blick achtlos weiter: "Aha, hier wird renoviert", dachten sie angesichts der gemalten Container inmitten der Atelier-Unordnung aus Plastikfolie, Pinsel und Farben. Als Doll 2003/04 mit einem Stipendium im New Yorker Kunstzentrum P.S.1 malte, begeisterten ihre "Hummer"-Bilder die Arbeiter auf einem Gerüst vor dem Fenster; endlich ein Gemäldemotiv, mit dem die Handwerker etwas anfangen konnten.
Im P.S.1 lebte Doll aber auch ihre Vorliebe für Koproduktionen aus. 13 Stipendiaten hatten in einem eigenen Flügel Ateliers zugewiesen bekommen. Besonders mit der Italienerin Stefania Galegati, sagt Doll, habe sie "viel angezettelt": Da nach ihrem Jahrgang das Stipendienprogramm auslief, rissen die beiden gegen Ende der Zeit "wie in einem Manifest" die Trennwände ein. Zum Schlagwort für diese Partnerschaft machten sie den Namen "Teufel" - nicht wegen ihrer Zerstörungskraft, sondern wegen der Energie, die in ihrer Arbeit steckte. Den diabolischen Titel trug auch eine Zeitung, in der sie eine Reihe von Künstlerfreunden jeweils ein Blatt gestalten ließen.
Für zwei Ausstellungsprojekte in diesem Frühjahr hingegen bereitet Tatjana Doll wieder einmal höchst unterschiedliche Fahrzeug-Bilder vor. In der Pariser Galerie Jean Brolly will sie ein gutes Dutzend Ferraris zeigen; zur Einstimmung stehen schon mal einige rote Spielzeug-Sportflitzer auf ihrem Ateliertisch. Und für die Kunsthalle Bremerhaven plant sie ihr bislang größtes Projekt, einen Öltanker von über viereinhalb mal 18 Metern - da kann selbst der elf Meter lange Autotransporter von 2002 nicht mithalten. Diagonal will Doll den Tanker in die Kunsthalle stellen, wieder ein Spiel mit Fläche und Umgebung: "Ich mag manchmal auch den Raum hinter dem Bild, ein Potenzial, das man vielleicht spürt, aber gar nicht bewusst wahrnimmt."
Manchmal steckt hinter Tatjana Dolls Gemälden aber auch ganz einfach die Wirklichkeit. Sollte es in ihrem Atelier einmal brennen, bräuchte die Malerin nur in einer Ecke 14 Feuerlöscherbilder beiseite zu schieben: Wie Hinweisschilder für den Ernstfall verdecken die handlichen Leinwände das echte Rettungsgerät.
Ausstellungen: Galerie Jean Brolly, Paris, 23. April bis 11. Juni. Kunsthalle Bremerhaven, "Bier gegen Öl", 22. Mai bis 26. Juni. Gefördert vom Kunstfonds Bonn. Literatur: Doll (Künstlerbuch zur Ausstellung), Verbrecher Verlag, 18 Euro. Galeriekontakt: Gebr. Lehmann, Dresden, Tel. (0351) 8011783. Conrads, Düsseldorf, Tel. (0211) 3230720. Internet: www.tatjanadoll.de und www.teufel.cc
Es fährt nicht, es stinkt nicht, es hupt nicht - es muss Malerei sein
Raumzerstörer sollen die Gemälde sein, keine Juwelen an der Wand
Bild(er):
Bild: "Hummer (Front View)", 201 x 332 cm, 2004
Bild: Zurück auf die Straße, aber nur bedingt mobil: "Geldtransporter" (200 x 600 cm, 1998)
Bild: Im wahren Leben polternd, stinkend und immer im Weg: "Sanitation Truck" (256 x 704 cm, 2004, oben). Links: Das Bild "Humvee (Bronze)", (204 x 372 cm, 2003) zeigt einen Jeep - im Golfkrieg erprobt und inzwischen als "Hummer" zum Lieblingsvehikel der Amerikaner geworden - hier per Fotomontage zurück auf die Straßen New Yorks versetzt
Bild: Per Fotomontage in die Stadt: "Behindertenparkplatzschild" (175 x 225 cm, 2002)
Bild: Malerei auf Abwegen: Fotomontage mit Bild "Entflammbar" (290 x 210 cm, 2002)
