Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 64-67
Der große Einzug
Von Adrienne Braun
Wenn in diesem Monat das neue Kunstmuseum in Stuttgart eröffnet wird, atmet Nicole Tonnier tief durch: Als Registrar hat sie drei Monate lang den Transport von über 500 Werken in die neuen Räume organisiert
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Wenn der Laster anrollt, ist es jedes Mal ein bisschen wie bei James Bond. Artig reiht sich der LKW in die Autokolonne, die unter der Stuttgarter Innenstadt durchfährt - aber plötzlich, mitten im Tunnel, ist der Lastwagen verschwunden. Das Timing ist perfekt. Kaum ist der Fahrer abgebogen in eine düstere Ausfahrt, öffnet sich das gigantisches Rolltor - und der 23-Tonner ist wie vom Erdboden verschluckt.
Nicole Tonnier steht schon bereit. In der linken Hand Listen, rechts den Stift, in der Hosentasche stecken weiße Handschuhe, falls sie mal anpacken müsste. Im Keller des Kunstmuseums Stuttgart herrscht höchste Konzentration und Sicherheitsstufe eins. Am 5. März wird das neue Museum am Kleinen Schlossplatz in der Stuttgarter Innenstadt eröffnet, und drei Monate hat es nun gedauert, die 500 Werke für die Eröffnung in den Neubau zu transportieren: Gemälde, Skulpturen und Installationen, die aus den Depots der Städtischen Kunstsammlung oder als Dauerleihgaben aus dem In- und Ausland kamen und über die Schleuse im Keller angeliefert werden mussten. Jedes Stück gut verpackt, ausreichend versichert und klimageschützt.
Nicole Tonnier hat in den vergangenen Monaten viele Kilometer zurückgelegt. Sie ist der Registrar des neuen Kunstmuseums - eine Position, die man inzwischen in einigen großen Museen findet, die aber noch so jung ist, dass es weder eine deutsche Übersetzung noch eine weibliche Form dafür gibt. In den USA führten Registrars bereits in den sechziger Jahren die Akten der Museen. Eine Schreibtischtätigkeit, ein typischer Bürojob, auch wenn sich die Aufgaben ausgeweitet haben: Der Registrar beschäftigt sich mit sämtlichen Bewegungen eines Kunstwerks. Er verwaltet den Leihverkehr, kümmert sich um Verträge, Versicherungen, Verpackungen, Transport und betreut die Datenbank - zumindest im gewöhnlichen Museumsalltag.
Museumsalltag hat Nicole Tonnier allerdings noch nie kennen gelernt. Seit ihrem ersten Arbeitstag im Kunstmuseum Stuttgart herrscht Ausnahmezustand. Sie wurde im November 2003 eingestellt, um den Umzug der Städtischen Galerie zu begleiten. Bisher war die Sammlung beengt im Kunstgebäude untergebracht, der Neubau befindet sich nun wenige Meter entfernt: ein gläserner Würfel in bester City-Lage, entworfen von den Berliner Architekten Rainer Hascher und Sebastian Jehle.
Ein stolzes Projekt, das sich die Stadt einiges kosten lässt. 67 Millionen Euro hat der Neubau verschlungen, es wurden 13 neue Stellen geschaffen, und die neue Museumsdirektorin Marion Ackermann (siehe Kasten) kann nun eine Ausstellungsfläche von knapp 5000 Quadratmetern bespielen. Hierzu musste sie sich allerdings erst einmal in die Sammlung einarbeiten, die immerhin rund 15000 Werke umfasst. Sie beginnt bei den schwäbischen Impressionisten, konzentriert sich auf die Klassische Moderne und den südwestdeutschen Raum und hat einige bemerkenswerte Schwerpunkte: Otto Dix, Adolf Hölzel und Dieter Roth. Da Ackermann aber zur Eröffnung auch zeitgenössische Positionen zeigen will, wurde nun kräftig angekauft und einiges geliehen. Nicole Tonnier führt dabei Buch. "Ich bin das Bindeglied zwischen allen", sagt sie. Sie trägt sämtliche Informationen zusammen und hat den Umzug koordiniert, sie hat mit den Restauratoren abgesprochen, ob etwas restauriert werden muss und wie man das Werk transportieren kann - ob es mit Folie verpackt wird, einen Transportrahmen oder gar eine Klimakiste benötigt.
Immer, wenn die Spediteure kamen, stand Tonnier bereit und protokollierte, dann lief sie meist zu Fuß ins neue Museum, um dort den Laster wieder in Empfang zu nehmen - oft mehrmals täglich. Sie hat in Absprache mit allen Abteilungen die Einsatzpläne erstellt und abgestimmt, welcher Künstler, Techniker, Spediteur wann was macht. Einige Künstler kamen nämlich selbst zum Aufbau: Rebecca Horn, Karin Sander oder auch Wolfgang Laib.
Eine enorme Herausforderung für eine 31-Jährige. Nicole Tonnier wurde im schwäbischen Eislingen geboren und hatte eigentlich vor, eine weniger aufregende Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Studium zur Verwaltungswirtin, zwei Jahre Praxis auf dem Landratsamt. Aber weil sie sich schon immer für Kunst interessierte, schrieb sich Tonnier an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg ein und studierte Kulturmanagement. Sie betreute in Tübingen Tourneeausstellungen, ehe sie die Stelle im Kunstmuseum bekam.
Einen Vertrag oder eine Versicherungspolice konnte Tonnier freilich lesen, und Ordnung und Gewissenhaftigkeit waren ihr schon immer eine Lust. Allerdings musste sie im vergangenen Jahr doch "verdammt viel dazulernen". Inzwischen kann sie abschätzen, welches Werk wie behandelt werden muss: "Ich kannte den Umgang mit dem Original nicht." Entscheiden würde sie freilich nie selbst, "ohne Restaurator kann ich meinen Job gar nicht ausüben".
Andererseits können Museen ihre Arbeit heute kaum noch ohne Registrar ausführen. Der Leihverkehr nimmt viel Zeit in Anspruch, so dass inzwischen einige Häuser bei Ausleihen die Verwaltungskosten in Rechnung stellen. Letztlich kommt es die Museen auch billiger, wenn nicht die zuständigen Kuratoren eine Ausleihe abwickeln, sondern ein erfahrener Spezialist die günstigsten Konditionen aushandelt und die verlässlichsten Speditionen beauftragt. Kunstwerke lassen sich schließlich nicht wie Sofas oder Schränke bewegen. 400 Kilo wiegt allein die Stuttgarter Installation von Jannis Kounellis aus dem Jahre 1985. Einen ganzen Raum des Kunstmuseums füllen nun die Stahlplatten, aus denen sechsmal am Tag Gasflammen herausschießen. Mit Hubwagen und Kran wurde das Werk ins Museum gebracht.
Mariella Mosler hat für den kleinen Schlossplatz neben dem Museum einen temporären künstlichen Garten entworfen mit einem farbig lackierten Baum aus Bronze und einer Edelstahlplatte, die Wasser darstellen soll. Von Simone Westerwinter wird ein 84 Quadratmeter großer Flokatiteppich aufgehängt. Und um die Wachs-Installation von Wolfgang Laib aufbauen zu können, musste eigens ein Wärmeraum im Ausstellungssaal eingerichtet werden.
Jedes Kunstwerk erfordert eben eine individuelle Behandlung - und übrigens auch oft starke Nerven. Eigentlich steht Nicole Tonnier seit Monaten unter "Dauerstrom" - und trotzdem muss sie immer die Ruhe bewahren. "Man kann Kunst nicht hektisch transportieren", sagt sie, "da geht nichts schnell, schnell, sondern immer sehr bedächtig." Man müsse die Bedingungen eben so setzen, dass nichts passieren könne. "Und wenn dann plötzlich das Handy klingelt, stellt man das Kunstwerk nicht ab, sondern macht erst alles fertig und geht dann dran."
Adresse: Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, Tel. (07 11) 216 21 88. Erster Publikumstag: 5. März 2005. Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr. Literatur: Begleitbuch "Kunstmuseum Stuttgart". Hatje Cantz Verlag. 272 S., 39,80 Euro. Internet: www.kunstmuseum-stuttgart.de
"Man kann Kunst nicht hektisch transportieren", sagt Nicole Tonnier
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Bild: Stuttgarts neue Attraktion: Am Kleinen Schlossplatz in der Innenstadt entstand der Neubau des Kunstmuseums
Bild: Nicole Tonnier mit ihren Lieferungslisten im Keller des Kunstmuseums - gerade sind wieder Werke angekommen
Bild: Im Foyer des neuen Kunstmuseums: Die Lichtinstallation "Treibholz" von Andreas Schmid ist zugleich Kunstobjekt und Beleuchtung
Bild: In jedem Geschoss bildet ein zentraler Gang die Hauptachse - hier das Untergeschoss
