Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 22-31

Heimwerker in höherer Mission

Von Gerhard Mack

Gegen das hehre Kunstideal geht er mit Dachlatten und Ziegeln vor: Der Künstler Georg Herold, 58, findet die Schönheit im Baumarkt-Look und die Wahrheit im subversiven Witz. Nun würdigt die Kunsthalle Baden-Baden den erfindungsreichen Humoristen mit einer Werkschau

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Rote Ziegelsteine ziehen sich in drei Reihen über eine Leinwand. Ihr Gewicht zieht den Stoff in Falten. Ihre warme Farbe wird durch den grünen Weihnachtsbaum und das Goldlametta in der Zimmerecke noch gesteigert. Man denkt an Arte Povera, fragt sich, welche Geschichte das Baumaterial mit sich transportiert, und schickt die Fantasie gleich in die Tiefen des Wahren und Schönen der Kunst.

Georg Herold sitzt in seiner Kölner Altbauwohnung und winkt erst einmal ab; er spricht lieber von Handfestem: "Das Bild macht Angst, das würde sich niemand übers Bett hängen. Die Steine sind jedoch mit einem Zweikomponenten-Kleber aufgeklebt, die können sogar tobende Kinder nicht abreißen." Die Ziegel stammen nagelneu aus dem Baumarkt: "Als die Branche noch boomte, wurde so was für Rustikalhäuser angeboten." Und das Werk selbst ist für ihn schlicht "Ziegelstein auf Leinwand". Damit setzt er der gängigen Händlerbezeichnung "Öl auf Leinwand" als Merkmal der oberen Preisklasse von Maler-"Flachware" einen Bildwitz entgegen, der mit Materialien ebenso spielt wie mit Worten.

Mit dieser Lockerheit im Umgang mit Kunst und Alltag sorgt Georg Herold seit den späten siebziger Jahren von der Kasseler Documenta 9 (1992) bis zur Skulpturen-Ausstellung in Münster (1997) für frischen Wind im Kunstbetrieb. Er findet seine Themen in der Feuilleton-Diskussion um eine deutsche "Leitkultur" ebenso wie im Gerede am Stammtisch. Seine Materialien holt er sich aus Mutters Nähkästchen, aus dem Baumarkt oder von der Straße. Er hat Knöpfe auf Leinwand genäht und Socken zu Skulpturen ausgestülpt. "Der Ziegelstein lässt sich für ein Nachkriegskind wohl nicht vermeiden, der lag einfach überall herum", sagt er. Dass er die Dachlatte als Lieblingsmaterial entdeckte, "das hat vielleicht damit zu tun, dass ich ein paar Jahre in einer Schreinerei gejobbt habe".

Das war in den frühen siebziger Jahren. Herold kam 1973 aus der DDR in die Bundesrepublik, eine Patentante in München bot sich als erste Anlaufstelle an, bevor er "eher zufällig" nach Hamburg geriet, ein Semester lang bei Franz Erhard Walther studierte und dann in die Klasse von Sigmar Polke wechselte. Dort fand er in Albert Oehlen und Werner Büttner Geistesverwandte, denen nichts so verdächtig war wie das Getue um die hehre Kunst.

Georg Herold redet denn auch nicht von Themen und Anliegen seiner Kunst, er lacht gerne und hat seine "Spielwiesen", auf denen er gerne ein Körnchen Wahrheit unter einem Berg von Nonsens versteckt. Wenn er Topflappen zu Bildern häkeln lässt, trifft die kleinbürgerliche Tristesse mit der Chaostheorie der Naturwissenschaft zusammen. Herold studierte Mathematik, bevor er sich der Kunst zuwandte, und ist noch immer von der Klarheit dieses Denkens fasziniert. Dass er Ausstellungen mit Titeln wie "Xtoone" bezeichnete, hat damit zu tun. Gleichzeitig sieht er aber auch die Banalität und Komik, die solche abstrakten Systeme haben. Er spricht Formeln so aus, dass sie wie Limericks klingen. Als er die Erklärung eines Wissenschaftlers hörte, man müsse sich die Struktur des Chaos so vorstellen wie die Topflappen, die eine Hausfrau häkelt, war er begeistert: "Das ist sehr einfach. Es sind immer wieder die gleichen Muster, und dennoch ist es jedesmal etwas anderes." Herold weiß, jede Ordnung hat ihre nicht präsentablen Seiten. Nichts fasziniert ihn mehr als "Des Kaisers neue Kleider". Mit der Direktheit des Märchens und der Spottlust eines Till Eulenspiegel zeigt er auf, wo Idole nackt und Ideen Phrasen sind.

Dazu bringt er den sinnlichen Wert eines Materials mit dem größtmöglichen Gegenteil an Bedeutung zusammen und schafft auf diese Weise irritierend starke Metaphern. Goethes kulturelle Leistung bringt er zum Ausdruck, indem er dem Klassiker eine "Goethe-Latte" widmet, die diejeni-ge von "irgendeinem Scheißer" ums Dreifache überragt; den sexuellen Unterton, den eine große Latte hat, nimmt er gerne in Kauf. Im Schlüpfrigen kann mit hindurchschlüpfen, was normalerweise unter den Tisch gekehrt wird. Die Ende der siebziger Jahre erschöpfte Sprache der Abstraktion wird mit ebendem Körper kurzgeschlossen, den jene ausgrenzen sollte. Über einen Würfel aus Metallstangen hat Herold 1985 eine schwarze Unterhose gespannt. Die Skulptur heißt "Mekka", nicht weil sie an die islamische Kaaba erinnern würde, sondern weil da, wo das Textil die nüchterne geometrische Form umschließt, das Mekka der Männlichkeit vermutet wird.

Mit solch knalligen Bildern nahm Herold den Kunstbetrieb und dessen Eitelkeiten auf die Schippe. 1982 nannte er in einem Manifest mit Albert Oehlen und Werner Büttner die künstlerische Tätigkeit "Facharbeiterficken". Damals wurde gerade die Malerei der "jungen Wilden" von einer konzeptuell ausgehungerten Kunstszene gefeiert. "Das war der spröde Charme des Ostens", sagt Herold heute, "wir wollten gängige Vorstellungen von Kunst vom Sockel stoßen." Und dafür hat "das abgelutschte Verfahren der Provokation gut funktioniert". 1990 ging er eleganter vor: In einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein präsentierte er den "Erbsenzählern", die bei Vernissagen pingelig registrieren, was sie kennen und haben, Kaviar. Die wohl teuerste Delikatesse war auf Leinwände geschmiert. Weil das fast durchweg wunderbare abstrakte Gemälde ergab, setzte Herold noch einen drauf: Auf einem Bild nähte er die winzigen Kügelchen einzeln an die Leinwand und fügte dem Kunstwerk noch ein Kunststück dazu, als wären die Sammler nichts anderes als banale Jahrmarktbesucher, denen in einer Schaubude vor Staunen der Mund offen steht.

Gesellschaftskritik ist damit allerdings nicht beabsichtigt. Georg Herold ist kein Weltverbesserer. Das ist ihm schon aufgrund seiner Biografie fremd. Kindheit und Jugend bestimmte einerseits der reglementierte Alltag in der DDR; Georg Herold wurde 1947 in Jena geboren. Zugleich war er aber auch regelmäßig bei einer Großmutter in West-Berlin zu Besuch.

Als die Mauer 1961 gebaut wurde, war er bereits 14 und hatte ältere Freunde, die von ihren Reisen in Westeuropa erzählten. "Ich habe viel von der Atmosphäre der fünfziger Jahre mitbekommen, da war alles voller Chrom, Benzin und Rock 'n' Roll, voller Science-Fiction und Futurismus", sagt er. Sowohl auf den Zukunftsoptimismus wie auf die Alltagsdiktatur hat er mit Humor und Sinn fürs Absurde reagiert: "Es ging mir schon früh darum, viele Witze zu machen und damit schwierigen Situationen eine andere Bedeutung, einen Klang zu geben."

Entsprechend sind die Ziegelsteine, die er auf seine Bilder klebt, auch nicht aus der Straße gerissen, um sie gegen Vertreter von Politik und Wirtschaft zu werfen. Für ihn liegt unter dem Pflaster kein Strand, wie es eine Parole der westdeutschen 68er wollte. "Da bin ich anders sozialisiert, ich hatte immer eine etwas andere Sicht der Politik als meine Künstlerfreunde, die hier aufgewachsen sind", sagt er. Kunst taugt nicht für Revoluzzergesten. "Wenn ich Revolution machen wollte, würde ich mir eine Kalaschnikow kaufen." Gute Agitprop-Kunst gebe es ohnehin nur sehr selten, weil da die gesellschaftlichen Zusammenhänge genau passen müssten. Und dass Kunst in die Gesellschaft eingreifen, sie verändern könnte, findet er "einen hahnebüchenen Blödsinn". Das Gegenteil sei der Fall, gute Kunst sei für alle Seiten einer Auseinandersetzung benutzbar: "Kunst ist die Hure der Ideologie."

Herold entzieht sich, reagiert auf Konflikte mit Kalauern, um sie zu entschärfen. Als 2002/03 das Folkwang Museum in Essen in einer Gruppenausstellung zum Thema "Klopfzeichen" seine Skulptur "Mekka" zeigte, protestierte die muslimische Gemeinde, ein Polizeibeamter verklagte den Künstler auf Ehrverletzung. Da der Direktor Hubertus Gaßner die Skulptur nicht aus der Ausstellung nehmen wollte, sagte Herold: "Dann schreibt doch einfach Mokka darunter." Eine Zensurdebatte vom Zaun zu brechen, war ihm fremd. Zum einen billigt er jedem zu, dass er seine Werke nicht mag: "Ich will doch auch viele Sachen nicht sehen, geschweige denn um mich haben." Zum anderen wollte er die angespannte Situation zwischen Deutschen und Muslimen nicht zusätzlich anheizen.

Wenn in Herolds Arbeiten Bezüge zur Gegenwart stecken, sind sie offener gehalten. Als Anfang der achtziger Jahre dem Computer noch etwas Mystisches anhaftete und manche Zeitgenossen sich die Platinen ihrer ausgemusterten PCs wie Trophäen einer verheißungsvollen Zukunft an die Wand hängten, nagelte Herold ein paar Dachlatten zu offenen rechtwinkligen Gebilden zusammen, schrieb Wendungen darauf wie "Sehr gut", "Kleiner mieser Besserwisser" oder "Dieser Mann ist gut zu seiner Frau" und nannte sie "Dachlattenchip". Die Ähnlichkeit zum Computerchip war bestenfalls vage. Das Holz stand mit seinen vielen Astlöchern und seiner rauhen Oberfläche in besonders krassem Gegensatz zum Hightech-Produkt. Am kühnsten war jedoch, dass Herold behauptete, "das Ding, das ich da gemacht habe, überlebt Jahrtausende, während der Chip schon passe ist". Eine neue Epoche erhielt gerade da, als sie sich zu entfalten begann, eine Metapher, die ihre Bedeutung durch ihre schiere Sinnlichkeit vermittelte. Die Struktur aus zusammengenagelten Dachlatten hebt sich ab von der Tapete oder vom Edelputz der Wände, auf denen sie hängt, und tritt in Spannung zur Designerware in den gestylten Interieurs mancher Sammler.

Dass das Rohholz seine eigene Schönheit entfaltet, dass seine Werke überhaupt bisweilen betörend schön sein können, stört Georg Herold nicht: "Bei den Backsteinen können Sie das gar nicht verhindern. Die sehen einfach schon gut aus, wenn ich sie in die Hand nehme. Ich wüsste auch nicht, was ich dagegen haben sollte." Natürlich weiß er um die Gefährlichkeit des Begriffs: "Wir haben dazu in Deutschland ein etwas verkrampftes Verhältnis, zumindest was die Nachkriegsgeneration betrifft." Alles Glatte, Bruchlose lehnt er denn auch ab: "Reine Schönheit ist eine Geschmacksnummer." Was dagegen nebenbei entsteht, "Schönes, das man entdeckt", fasziniert den Künstler. Das kann die Schlichtheit eines Materials sein, die Arbeit von Kollegen wie die ausgeblasenen Eier des Belgiers Marcel Broodthaers oder auch eine der aus der Zeit gefallenen Landschaften im Osten Deutschlands. Der Anarchist unter den Künstlern seiner Generation hat ein Herz für Schönheit. Da kann es um die Kunst nicht schlecht bestellt sein.

Ausstellung: 5. März bis 9. April, Kunsthalle Baden-Baden; anschließend 16. April bis 29. Mai, Kunstverein Hannover. Katalog: Snoeck Verlag, 29,80 Euro

Herold scheut das Schlüpfrige nicht. Den sexuellen Unterton, den eine große Latte hat, nimmt der Künstler gern in Kauf

Bild(er):

Bild: Kunst als Komödie: Georg Herold vor seinem Bild "Ziegelstein auf Leinwand" (2004). Foto: Detlef Odenhausen

Bild: Eines von Georg Herolds Denkbildern - sperrig im wahrsten Sinne des Wortes: "Philosophie ist" (120 x 176 cm, 1994)

Bild: "Goethe" und "Im Vergleich dazu irgendein Scheißer": Mit der "Goethe-Latte" (210 cm und 60 cm, 1982) machte Herold sich über den Klassikerkult lustig. Rechte Seite: Abstraktion mit BaumarktFlair - "Ziegelbild mit neun Steinen" (270 x 190 cm, 1988)

Bild: Die Installation "Gekrümmte Poesie" brachte 1993 im Ams-terdamer Stedelijk Museum verschiedene Elemente von Herolds Arbeit zusammen: rechts ein Kaviarbild (ohne Titel, 1991), in der Mitte die Skulptur "Schlot (Im Arsch ist's finster)", 1984, im Hintergrund ein mit Erdöl gemaltes Bild (ohne Titel, 1990)

Bild: Entblößte Dachlatten: Die Skulptur "Hose runter (Mythologisch V)" (280 cm Höhe) entstand 1984

Bild: Filigran: das Wollstrickbild "Mandelbrot - Fragen Sie mal meine Mutter" (210 x 260 cm, 1993)

Bild: Abstrakte Etüde mit schwarzen Knöpfen und Faden: "7629" (30 x 23 cm, 1987)

Bild: Erregte Protest: "Mokka (Deutschsprachige Gipfel)", Höhe 36 cm, 1985