Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 48-57

Alles ist Skulptur

Von Hans Pietsch

Der große englische Plastiker Anthony Caro zeigt sein Lebenswerk in der Tate Britain. Er verbannte den Sockel, stellte seine Arbeiten auf eine Ebene mit dem Betrachter und prägte als Kunstprofessor drei Generationen von Künstlern. Ans Aufhören denkt er auch mit 80 noch nicht

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Gerade arbeitet der Plastiker Anthony Caro an etwas Neuem: Eine Bohrmaschine, ein Stahlträger und eine eiserne Kette sollen ein Ganzes werden, sich zur Skulptur zusammenfügen. Auf die Bemerkung, dass es noch keine Arbeit von ihm mit einer Kette gebe, sagt er lächelnd: "Gegenstände tauchen einfach irgendwie auf."

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Caro in einer ehemaligen Klavierfabrik im Londoner Stadtteil Camden. Überall stolpert man über eiserne T-Träger, Aluminiumrohre und Stahlblech - Rohmaterial für seine Assemblagen, in die er auch Holz und Keramik einbezieht. Er arbeitet intuitiv, fast immer ohne Vorzeichnungen. "Ich muss das Material sehen, es vor mir haben", sagt er. Assistenten fügen nach seinen Anweisungen die einzelnen Teile zusammen. Die fertige Arbeit bleibt im Atelier stehen, Caro lebt mit ihr, bis er, oft nach Monaten oder Jahren, zu ihr zurückkehrt, um erneut Hand anzulegen - "bis sie sagt: ich bin ich".

"Für mich gibt es keine Regeln", sagt er. Ein erstaunlicher Satz für einen Künstler, der die 80 überschritten hat und sich eigentlich auf seinen Lorbeeren ausruhen könnte. Doch der Plastiker, der in der Nachfolge von Henry Moore mit riesigen klumpenhaften Bronzefiguren begann, und dann in den sechziger Jahren mit seinen abstrakten farbigen Stahlkonstruktionen die Bildhauerei auf unbekanntes Terrain führte, weigert sich auch heute noch stillzustehen. Äußerlich wirkt er seit Jahren unverändert, immer tritt er auf wie der klassische englische Gentleman mit Tweedjackett. Die innere Unruhe ist umso größer: "Ich möchte offen bleiben und mir keine Möglichkeiten verstellen", sagt er.

Im Augenblick beschäftigt ihn vor allem seine große Retrospektive in der Tate Britain. England würdigt seinen großen alten Mann der Bildhauerei mit einer Schau, die Werke aus über 50 Jahren umfasst - eine Ehre, die bisher kaum einem lebenden Künstler zuteil geworden ist. Für Caro bedeutet das aber auch harte Arbeit: In einem Nebenraum des Ateliers steht ein Modell der Ausstellungsräume im Maßstab 1:20, und Caro schiebt winzige Kopien seiner Werke hin und her - von jeder Arbeit lässt er im Nachhinein eine Maquette anfertigen, um Ausstellungen wie diese planen zu können. Alle Werkphasen werden mit den bedeutendsten Arbeiten vertreten sein.

Der Besucher muss sich in der Eingangshalle zunächst einen Weg durch seine bisher größte Arbeit bahnen, die "Millbank Steps" (2005), eine Serie von riesigen Stufen aus rostendem Cortenstahl. Um dann mit der biblischen Wucht der 25-teiligen Arbeit "The Last Judgement" ("Das jüngste Gericht", 1999) konfrontiert zu werden, die einem seiner treuesten Sammler, dem Schwäbischen Fabrikanten Reinhold Würth, gehört - eine aufwühlende Anklage menschlicher Grausamkeit.

Durch einen "Glockenturm" betritt man die Installation und schreitet, vorbei an plastischen Tableaus, die um Themen wie Schuld und Sühne, Grausamkeit und Krieg kreisen, auf das "Tor des Himmels" zu. Die schrundige Oberfläche der drei dominierenden Materialien - rostender Stahl, dunkel gebeiztes Holz und scharf gebrannte Keramik - deutet auf Verfall hin, doch die halb offene Tür des Himmelstors steht für Hoffnung. In einem Nebengebäude seines Ateliers hat sich Caro eine Galerie eingerichtet. Dort sprechen wir, umgeben von einigen seiner kleineren "Tischplastiken", über seine künstlerische Entwicklung. Caro ist einer der einflussreichsten Künstler der Nachkriegszeit und inspirierte als Lehrer an der St. Martin's School of Art mit seiner Offenheit Generationen ganz anderer Bildhauer. "Skulptur kann alles sein", war sein Diktum, das seine Schüler in ganz unterschiedliche Richtungen führte: Der Land-Art-Künstler Richard Long etwa legt Steinkreise, und das Pop-Art-Duo Gilbert & George erfand die "Singende Skulptur".

Caros Freund und Biograf Ian Barker, der ihn jahrelang bei seiner Londoner Galerie Annely Juda betreute, nennt ihn einen "Revolutionär", der die Bildhauerei "total umkrempelte, indem er die Skulptur vom Sockel nahm, sie auf den Boden stellte, und so den Betrachter mit einbezog". Caro selbst wollte damit seinen Arbeiten "die Unmittelbarkeit geben, die man fühlt, wenn man unter vier Augen mit einem Menschen spricht".

Doch der Verzicht auf den Sockel ging nicht etwa, wie allgemein angenommen, Hand in Hand mit seinem Schritt zur Abstraktion. Ein Jahr vor seiner ersten ungegenständlichen Arbeit "Twenty-Four Hours" ("24 Stunden", 1960) stellte er eine seiner figurativen Skulpturen auf den Boden und entließ sie damit in den Raum des Betrachters - die heute nicht mehr existierende Arbeit "Woman's Body" ("Frauenkörper", 1959), eine auf einer Bank sitzende, überlebensgroße weibliche Figur, die Füße in direktem Kontakt mit dem Boden.

So ist der Ausspruch des Künstlers zu verstehen, er habe erst mit 35 Jahren begonnen, "wirklich schöpferisch zu sein". Und auch seine Erklärung: "Mein Ziel war immer, Skulptur wirklichkeitsbezogener, mehr für das Gefühl zu machen." Mit anderen Worten: "Woman's Body" war ein entscheidender, aber nicht ausreichender Schritt. Zwar ist die physische Präsenz einer im Raum aufgestellten Figur spürbarer, doch sie selbst ist noch immer gegenständlich, die Darstellung eines anderen Objekts, in diesem Fall einer Person. "Ich hatte das Gefühl, dass mir die menschliche Figur im Weg steht", sagt Anthony Caro. "Ich hatte keine andere Möglichkeit, als meine Skulptur abstrakt zu machen, wenn sie expressiv sein sollte."

Ein USA-Besuch im Jahr 1959 wurde zum entscheidenden Erlebnis. Die Aufbruchstimmung unter den amerikanischen Künstlern, die dabei waren, sich vom Europa der Klassischen Moderne zu emanzipieren, steckte ihn an. Vor allem Gespräche mit dem Maler Kenneth Noland und dem Kritiker Clement Greenberg beeindruckten ihn; letzterer forderte ihn auf, "seine Gewohnheiten zu ändern", wenn er seine Kunst ändern wolle. Caro gab seine bis dahin bevorzugten Materialien Ton, Gips und Bronze auf, kaufte beim Schrotthändler alle möglichen Eisen-, Stahl- und Aluminiumabfälle und brachte sich Schweißen und Vernieten bei. Nun folgte er Noland auf dessen Weg in die Abstraktion.

Für seine im März 1960 vollendete erste abstrakte Skulptur entlehnte er eine von Kenneth Nolands typischen Scheiben. Er vernietete die kreisrunde Form mit einem abgesägten Dreieck und einem nach hinten geneigte Quadrat mit einem Träger und bemalte das stählerne Gebilde dann mit dunkelbrauner Ölfarbe. Mit "Twenty-Four Hours" (1960) begann für ihn eine Reise, von der er nicht genau wusste, wohin sie ihn führen würde. "Ich habe etwas entdeckt, das ich noch nicht kenne", sagte er später. "Ich werde weitermachen und sehen, was daraus wird."

Was daraus wurde, war eine völlig neue Bildhauerei. Die relative Schwere der ersten abstrakten Arbeiten machte schnell einer immer größeren Leichtigkeit Platz. Caro strebte die von Greenberg für die neue Plastik geforderte "Schwerelosigkeit" an. "Early One Morning" ("Eines frühen Morgens", 1962), leuchtend rot bemalt, erinnert fast an einen vom Boden abhebenden Vogel, andere Arbeiten aus der Zeit scheinen zu schweben.

Die Radikalität dieser ersten abstrakten Werke, welche die Londoner Whitechapel Art Gallery 1963 in einer triumphalen Schau einem erstaunten Publikum vorstellte, ist heute schwer nachvollziehbar. Im Katalog zur Schau schrieb der amerikanische Kritiker Michael Fried, man könne sich "einen begabten Tänzer vorstellen, der Caros Skulpturen tanzt". Der Künstler selbst sprach von der "Komposition der Einzelteile einer Skulptur, wie Noten in der Musik". Auch heute noch arbeitet er in einer Weise, die freier Improvisation nahe kommt. Das Element der Überraschung ist immer präsent.

Alles, was sich biegen und falten, schweißen und nageln, schneiden und zusammenfügen lässt, verarbeitet Caro in seiner Kunst. Sogar aus Papier machte er kunstvolle abstrakte Reliefs. Er hat sich von Malern wie Manet und Duccio zu Arbeiten anregen lassen, seine "Tischplastiken" behandeln seine Themen en miniature, die von ihm "Sculpitecture" genannten Turmbauten, von denen einige wie "Tower of Discovery" ("Turm der Entdeckung", 1991) sogar begehbar sind, diskutieren das Verhältnis von Plastik und Architektur - nicht umsonst war er am Entwurf von Norman Fosters gigantischer Millennium-Fußgängerbrücke über die Themse beteiligt.

Heute berufen sich junge britische Plastiker wie der 35-jährige Matt Franks erneut auf Caros abs-trakte Arbeiten der sechziger Jahre. Doch er, der nie stillsteht, ist ihnen schon wieder um eine Nasenlänge voraus. 1992 hörte er von dem im südfranzösischen Grasse arbeitenden deutschen Keramiker Hans Spinner, der Ton brennen könne wie niemand sonst. Die Zusammenarbeit mit Spinner führte ihn nach und nach zurück in die Figuration - ein Schritt, den nicht alle seine Verehrer begrüßten. "The Trojan War" ("Der Trojanische Krieg", 1994), die Darstellung der griechischen Krieger, zeigte schon eindeutig Köpfe aus von Spinner gebranntem Ton, auch "The Last Judgement" enthält figurative Elemente, und mit "Witness" ("Zeuge", 2004) erreichte diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt: Zum ersten Mal seit den fünfziger Jahren fertigte Caro eine überlebensgroße stehende Figur, einen Soldaten, der sich aber aus Scham über seine Taten die Arme vors Gesicht hält.

Von der Schau in der Tate erhofft er sich, dass sie vor allem junge Besucher an seine Kunst heranführt. Um fürs jüngere Publikum die Schwelle zu senken, setzte er durch, dass das Institut zum ersten Mal für eine Sonderschau keinen Eintritt verlangt. Er selbst ist schon wieder mit neuen Aufgaben beschäftigt. "Wer möchte schon seine Hände in den Schoß legen", sagt er. "Im Atelier fühle ich mich einfach am wohlsten."

Ausstellung: bis 17. April. Katalog: 29,99 Pfund. Literatur: Ian Barker: Anthony Caro. Swiridoff Verlag, 45 Euro. Internet: www.anthonycaro.org

"Ich hatte das Gefühl, dass mir die menschliche Figur im Weg steht"

Improvisation ist sein Prinzip, das Element der Überraschung bleibt immer präsent

Bild(er):

Bild: Sir Anthony Caro in seinem Atelier in Camden Town, im Norden Londons (Foto: Mark Chilvers)

Bild: Arbeit mit biblischer Kraft, 1999 auf der Biennale in Venedig foto-grafiert: 25-teilige Installation "Das jüngste Gericht" (1995/99), im Vordergrund "Der Glockenturm"

Bild: Die bisher größte Arbeit von Caro: "Millbank Steps" (2005) in der Eingangshalle der Tate Britain

Bild: Jenseits der Figur, aber voller Bezug dazu: die Skulpturengruppe "Nachtbewegungen", aufgenommen im Hof von Caros Atelier im Londoner Stadtteil Camden (Stahl, grün patiniert, gefirnisst und gewachst, 2,76 x 10,77 x 3,35 m, 1987/90)

Bild: Auf der Suche nach Schwerelosigkeit: rote Stahl- und Aluminium-Arbeit "Eines frühen Morgens" (2,90 x 6,20 x 3,35 m, 1962)

Bild: Leichtfüßig und transparent: "Das Fenster" (Stahl, lackiert, 2,17 x 3,74 x 3,48 m, 1966/67)

Bild: Wie eine Sonnenanbeterin kurz vorm Abheben: lackierte Stahlskulptur "Mittag" (240 x 97 x 366 cm, 1960)

Bild: Maschinen, Material: Blick ins Londoner Atelier von Anthony Caro (Foto: Gautier Deblonde)