Ausgabe: 03 / 2005
Seite: 68-70

Die Bildersammler von Paris

Von Kia Vahland

AUSSTELLUNGEN IM MÄRZ / HAMBURG: BEGIERDE IM BLICK. SURREALISTISCHE PHOTOGRAPHIE / Die Kunsthalle zeigt zur "Triennale der Photographie" die Aufnahmen der Surrealisten

Ein Fotograf wollte es genau wissen und sprach Man Ray (1890 bis 1976) auf seinen nicht ganz ernst gemeinten Satz an: "Die Fotografie ist nicht die Kunst." Ob er, der Fotokünstler, denn an dieser Behauptung festhalte? Nein, entgegnete Man Ray, das sehe er inzwischen anders: Für ihn sei die Kunst keine Fotografie.

Nun war Man Ray sicher der überzeugteste Fotograf unter den Surrealisten, dennoch erstaunt es, wie wenig Aufmerksamkeit bislang der Begeisterung der Bewegung (1924 bis 1939) für Kamera und Dunkelkammer galt. Diese Lücke will nun die von Annabelle Görgen und Uwe M. Schneede konzipierte Schau in der Kunsthalle schließen, die den Auftakt der diesjährigen Hamburger "Triennale der Photographie" bildet.

Der Künstler- und Literatengruppe um Andre Breton schien die Fotografie wie dafür gemacht, die Grenze von Schein und Sein aufzuheben und den Betrachter an der Traumhaftigkeit des Realen verzweifeln zu lassen. Immerzu meint man, auf den Abzügen etwas zu sehen, was gar nicht zu sehen ist: lebenshungrige Exzentrikerinnen auf Salvador Dalis Fotos von Schaufensterpuppen, einen Jüngling auf dem Selbstporträt der Künstlerin Claude Cahun oder eine verpackte Nähmaschine auf Man Rays "Das Geheimnis des Isidore Ducasse" - bloß weil eben jener Schriftsteller Ducasse Schönheit schon im 19. Jahrhundert definierte als die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch. Damit wurde er zum Ahnherr der Surrealisten, die Zufall immer nur als das verstanden, was gerade fällig zu sein scheint - nicht die äußere Welt ist demnach maßgeblich, sondern was das Unbewusste aus ihr macht.

Folgerichtig beginnt die Schau mit Aufnahmen bedeutungsstarker Fundstücke: ein Schaufenster voller beengender Leibchen, ein vielversprechendes, doch zerrissenes Lotterieplakat oder eine in sich versunkene Zeitungsverkäuferin mitten auf dem Boulevard. Besonders Dora Maar (1907 bis 1997) tat sich in Paris als Bildersammlerin hervor, ganz im Sinne des surrealistisch inspirierten Philosophen Walter Benjamin: "Was den Flaneur beschäftigt und was er sucht: Nämlich die Bilder wo immer sie hausen." Neben diesen Reportagen sind allerlei Experimente zu sehen - Mehrfachbelichtungen und harte Anschnitte, die Körper zu Fragmenten werden lassen. In Büchern wie Man Rays "Facile" wird die Silhouette einer Frau als typografisches Element eingesetzt. Andere Bilder spielen dagegen mit der Verführungskraft der Blicke, die dem Betrachter ein lebendiges Gegenüber suggerieren. Nach einem anarchischen Ausflug zu Porträts mordender Dienstmädchen mündet die Schau schließlich in einer Dokumentation der legendären Surrealismus-Ausstellung von 1938 in der Pariser Galerie Wildenstein. Inmitten reich ausstaffierter Puppen stellte eine Schauspielerin damals alte medizinische Fotos von "Hysterikerinnen" nach. Das wurde wiederum abgelichtet. Was also bleibt von diesem Gesamtkunstwerk, ist Fotografie.

Termin: 11. März bis 29. Mai. Katalog: 10 Euro. Internet: www.hamburger-kunsthalle.de.

Triennale der Photographie "Archiv der Gegenwart"

Vom 14. April bis zum 19. Juni bietet das Hamburger Festival ein umfangreiches Programm. Hier eine Auswahl

Martin Munkacsi - Die erste Retrospektive

340 Aufnahmen des Ungarn (1896-1963). Deichtorhallen 15. April bis 24. Juli

Louise Lawler

Eine neue Installation mit Fotografien der amerikanischen Konzeptkünstlerin (*1947). Kunstverein 16. April. bis 17. Juli

Albert Renger-Patzsch - Hamburger Parklandschaften. 40 Silbergelatine-Abzüge des deutschen Fotografen (1897-1966). Kunsthalle 17. April bis 26. Juni

Robert Capa - Faces of History Schau des Magnum-Fotografen (1913-1954) mit 100 Aufnahmen. Museum für Kunst und Gewerbe 22. April bis 31. Juli

Helmut Schmidts Album Der Altbundeskanzler wählt Bilder aus dem Spiegel-Archiv aus. Deichtorhallen 29. April bis 28. August

www.phototriennale.de

Bild(er):

Bild: Man Ray: "Das Geheimnis des Isidore Ducasse" (1929, oben) und eine Illustration aus seinem Buch "Facile" ("Leicht", 1935, rechts abgebildet)