Ausgabe: 11 / 2005
Seite: 74-77

Der Herr der Jahresringe

Von Helge Stroemer Thomas Grimm

Rubens, Rembrandt, van Eyck - echt oder gefälscht? An der Universität Hamburg hat der Diplom-Holzwirt Peter Klein weltweit mehr als 4000 Gemäldetafeln aus dem 15. bis zum 17. Jahrhundert untersucht. Anhand von Jahresringen und einer Datenbank analysiert er, ob die auf Holztafeln gemalten Bilder tatsächlich von Alten Meistern stammen

VON HELGE STROEMER UND THOMAS GRIMM (FOTOS)

Das Ölgemälde steht auf dem Kopf. Peter Klein sitzt in seinem Büro hinter der Holztafel auf einem Drehstuhl und kratzt mit einer Rasierklinge an der Kante des Gemäldes. "Ich säubere die Fläche von Firnis und Staub, damit ich die Jahrringe sehen kann", sagt Klein. Dann dreht er das Frauenporträt um, stellt es wieder auf die Wolldecke und kratzt auch an dieser Kante.

Dabei ist größte Vorsicht geboten. Schließlich soll es sich bei dem Bild um ein Ölgemälde von Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) handeln. Auf dem Porträt steht rechts unten das Jahr 1601. Und im Begleitschreiben des Londoner Kunsthändlers "Hazlitt, Gooden & Fox" heißt es schlicht "Portraits of a Gentleman and a Lady". Der Bote brachte gleich zwei Bilder zum Ordinariat für Holzbiologie der Universität Hamburg, an dem Peter Klein wissenschaftlicher Mitarbeiter ist.

Er soll die aus Privatbesitz stammenden Gemälde auf ihre Echtheit überprüfen. "Ich sehe mir beide Seiten an, damit ich auch wirklich den jüngsten Jahrring entdecke." Mit einer Lupe, auf der sich eine Skaleneinteilung befindet, beginnt er die Messung, während eine Mitarbeiterin die Daten notiert. In einer Pause erklärt er: "Das Fälldatum des Baumes muss mit der Datierung zusammenpassen." Wenn der letzte Jahresring um das Jahr 1585 liege, könne es ein Rubens sein. Wenn nicht, sei es eine Fälschung.

Klein nutzt bei seinen Messungen die wissenschaftlichen Methoden der Dendrochronologie. Sie eignen sich zur Altersbestimmung einzelner Holzarten - vor allem von Eiche und Nadelhölzern. Das Verfahren nutzt das Phänomen, dass die Breite der Jahresringe einen Wachstumsverlauf zeigen, der für alle Bäume in einem bestimmten Klimabereich und Jahr gleich ist. Durch das Ausmessen der Ringbreiten können Hölzer aufgrund der charakteristischen Folge in Chronologien eingeordnet werden - vom 15. Jahrhundert bis heute. Der Abstand von einem Frühjahr bis zum nächsten ergibt einen Jahresring - oder "Jahrring", wie es auch heißt. "Ich errechne dann anhand der Abstände der einzelnen Jahrringe die Jahrringkurve." Im nächsten Schritt vergleicht der Wissenschaftler an schon datierten Hölzern die zu untersuchende Kurve, um das Fälldatum des Baums zu bestimmen. Dabei müssen sich bis zu 150 Jahresringe auf einem Brett befinden. "Passen zwei Kurven von zwei unterschiedlichen Brettern exakt zusammen, können sie nur vom gleichen Baum sein."

Seine Untersuchungen ergaben zum Beispiel, dass Lucas Cranach d. Ä. Buchen- und Lindenholz bevorzugte und die Niederländer in der Regel Eichenholz verwendeten. Doch gerade bei Rembrandt entdeckte er eine Unregelmäßigkeit. So malte dieser auch auf Gemäldetafeln aus Mahagoni. Doch Mahagoni kam erst im 18. Jahrhundert für den Möbelbereich als hochwertiges Material in Mode. "Das Tropenholz war früher Abfallholz", sagt Klein. Im 17. Jahrhundert wurde es von den Holländern als Kistenholz insbesondere für den Transport von Zucker aus Südamerika genutzt. "Vielleicht wollte Rembrandt sparen und nicht die teure Eiche nehmen. Vielleicht wollte er ein neues Material ausprobieren." Auch die Kunsthistoriker und Restauratoren, mit denen er eng zusammenarbeitet, haben dafür keine Erklärung. Einige Holztafeln lassen sich wiederum gar nicht datieren. Das gelte für Pappelholz, auf dem italienische Meister wie Raffael gemalt haben. Denn 20 oder 30 Jahresringe reichen nicht für eine Messung. "Die Pappel wächst zu schnell, um Kurven zu bekommen."

Während Klein sich wieder der Messung der Gemäldetafel von Rubens zuwendet, klingelt das Telefon. Er rollt mit dem Stuhl ein Stück zum Tisch, hält mit der einen Hand das Gemälde, mit der anderen hebt er den Hörer ab - als wäre es das Normalste von der Welt, einen Rubens im Büro zu haben. Er redet langsam und mit einem leichten süddeutschen Akzent. Hektik kommt beim 60-Jährigen nicht auf. Mit seinem grauem Bärtchen und der Freizeitkleidung strahlt er auch äußerlich Gelassenheit aus. Klein besitzt Routine, und er ist als Experte weltweit gefragt. Die Museen wissen, dass die Kunstwerke bei ihm in guten Händen sind: "Das ist eine Sache des Vertrauens."

Das hat er sich in 27 Jahren erarbeitet. Der Diplom-Holzwirt und Professor an der Fachhochschule Hildesheim im Fachbereich Restaurierung untersuchte seit 1978 weltweit mehr als 4000 Gemäldetafeln aus dem 15. bis zum 17. Jahrhundert. "Das hat sich wie ein Schneeballsystem entwickelt. Ich hatte plötzlich einen Namen und war bekannt. Die Museen und Kunsthändler wissen, dass wir an der Universität das größte Vergleichsmaterial haben." Er sagt das nicht einfach so, man muss es aus ihm herauslocken: "Ich verwalte eine Datenbank, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt." In einem kleinen Nebenraum werden die für Kunsthistoriker ungemein wichtigen Daten archiviert. In schuhschachtelartigen Kartons stapeln sich Papierrollen mit den Jahresringkurven. Die Kästen tragen Aufschriften wie "Flämisch 16./17. Jahrhundert", "Niederländische Meister" oder "Rembrandt". Hier lagert die einzigartige Datenmenge von rund 12000 Einzelkurven, die die Grundlage für die Untersuchungen bilden. Das Archiv weckt inzwischen Begehrlichkeiten: Das "Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie" (RKD) in Den Haag ist an dem Hamburger Bestand äußerst interessiert.

Die hohe Zahl der Einzelkurven erklärt sich dadurch, dass einige Gemälde nicht nur aus einem Brett bestehen, sondern aus mehreren. "Jedes dieser Bretter wird untersucht." So ergeben sechs Bretter einer Gemäldetafel sechs Kurven. Zudem vergrößert sich das Archiv kontinuierlich, weil die Nachfrage aus aller Welt groß ist. Klein hat für über 140 Museen gearbeitet. Er untersuchte Gemälde im Pariser Louvre, im New Yorker Metropolitan Museum of Art oder in der Berliner Gemäldegalerie. Alles im Auftrag der Universität Hamburg, die je nach Größe des Gemäldes zwischen 300 und 800 Euro berechnet - egal, ob es sich um einen Millionenwert handelt oder sich letztlich als Fälschung entpuppt. Von bestimmten Malern wie Rubens oder Rembrandt - Klein ist Mitglied im Rembrandt Research Project (RRP) - nahm er schon viele Bretter unter die Lupe. "So kann ich vergleichen. Das ist für die Kunsthistoriker das Entscheidende."

Die Ausrüstung, die der Holzex perte auf seinen Reisen rund um den Globus benötigt, passt in eine umfunktionierte CD-Tasche. Der Inhalt: Rasierklingen, zwei Lupen, ein Schweizer Taschenmesser und eine Bürste. Was er noch benötigt? Er überlegt nicht lange. Es gehöre eine gute Portion Erfahrung und kunsthistorischer Spürsinn dazu. "Man bekommt einen Blick dafür, ob das alt sein kann oder nicht", sagt er. Noch heute empfindet er es außergewöhnlich, Kunstwerken so nah sein zu können. "Es ist schon etwas sehr Besonderes, wenn man einen Rembrandt oder van Eyck in den Händen hält. Es bringt mir Spaß."

Aber die Arbeit erfordert auch hohe Konzentration. Es kommt vor, dass er am Tag ein paar 1000 Jahresringe misst. "Man merkt dann, dass die Konzentration nachlässt." Ein Messfehler kann jedoch eine große Auswirkung haben. Wenn er 200 Jahresringe zählt und in der Mitte misst er nicht einen, sondern zwei Jahresringe, "dann ergibt das eine ganz andere Kurve". Fehler dürfen ihm jedoch nicht unterlaufen, denn Fälschungen kommen durchaus vor. So sei ein angeblicher Jan van Eyck (um 1390 bis 1441) auf eine Holztafel gemalt worden. Das Holz stammte nach einer Überprüfung jedoch aus dem 17. Jahrhundert. "Das hat man gefälscht, indem man eine alte Schrankrückseite genommen hat." Bei anderen Bildern wie beim "Bethlehemitischen Kindermord - Das Massaker der Unschuldigen" von Rubens, das 2002 bei Sotheby's in London für über 77 Millionen Euro als eines der teuersten Gemälde aller Zeiten versteigert wurde, konnte er die Echtheit der Eichenholztafel bestätigen.

In vielen Fällen entdeckte er fehlerhafte Angaben bei den Holzarten in Museumskatalogen wie im Kunsthistorischen Museum in Wien. So fand er heraus, dass die "Kreuzigung Christi" von Lucas Cranach d. Ä. nicht auf Buche, sondern auf Linde gemalt wurde, und auch beim "Markgraf Casimir" besteht der genannte Malgrund nicht aus Eiche, sondern aus Buchenholz. Bei den Werken "Heilige Dreifaltigkeit" und "Heilige Veronika" von Robert Campin (um 1375 bis 1444) konnte er die bisherige Meinung widerlegen, dass die Gemälde ursprünglich Vorder- und Rückseite bildeten, da die Tafel "Heilige Veronika" aus zwei Brettern, die Tafel "Heilige Dreifaltigkeit" jedoch aus drei Brettern zusammengesetzt ist. Und ein kunsthistorisches Phänomen hat ihn überrascht: Hieronymus Bosch (um 1450 bis 1516) sei nach seinem Tod fast 100 Jahre später immer noch in größerer Anzahl kopiert worden. "Eine Erklärung ist für mich, dass das eine Modeerscheinung war."

Original, Kopie oder Fälschung: Bei einer Einordnung eines Kunstwerks hilft nicht nur die Dendrochronologie. "Sie ist der erste Schritt zur Überprüfung", so Klein. Ausschlaggebend ist eine kunstgeschichtliche Interpretation, aber auch der Einsatz modernster technischer Mittel hilft. Röntgenaufnahmen, Infrarot- sowie UV-Licht gehören heute zu den Routineverfahren. Sie lassen Übermalungen erkennen und zeigen malerische Details. Doch der Aufwand ist deutlich höher als bei den Analysen von Klein, der inzwischen für die beiden Rubens-Gemälde zwei Einzelkurven angefertigt hat. Das Ergebnis: Die Holztafeln sind jeweils aus einem einzigen Brett hergestellt worden. Sie stammen von der gleichen Eiche aus dem Bereich Westdeutschland und Niederlande. Als Fälldatum errechnet er das Jahr 1588. "Vom Holz her kann es ein Rubens sein", sagt Klein und schaut auf seinen Schreibtisch. Dort liegen schon die nächsten Aufträge: Prado, Madrid; Museum of Fine Arts, Boston; Städelmuseum, Frankfurt.

Lebenszeit der Bäume

Vom Hochaltar bis zur Geige: Die Dendrochronologie liefert präzise Daten

Aus drei griechischen Wörtern setzt sich der Begriff "Dendrochronologie" zusammen: dendron (Baum), chronos (Zeit) und logos (Wissenschaft). Die Dendrochronologie ist also die Wissenschaft der (Lebens-) Zeit von Bäumen. Grundlage ist die Erkenntnis, dass eine Abhängigkeit von Klima und dem Wachstum der Bäume besteht.

Vom 14. bis zum 18. Jahrhundert wurden innerhalb Europas verschiedene Holzarten als Malgrund verwendet, unter anderen die Laubhölzer Eiche, Buche, Linde, Pappel und Weide sowie die Nadelhölzer Fichte, Kiefer und Tanne. Es können jedoch nicht alle Holzarten eines Kunstwerkes datiert werden, so zum Beispiel nicht Linde, Pappel und Weide. Seit 1965 wurde das naturwissenschaftliche Verfahren erstmals systematisch an Gemäldetafeln erprobt. Neben ihnen untersucht man heute ein breites Spektrum an kunsthistorischen Objekten aus Holz. Analysiert werden Altäre, bemalte Decken- und Wandverkleidungen, Chorgestühl, Skulpturen, Truhen, Orgeln, Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente.

Ziel einer dendrochronologischen Untersuchung ist die Bestimmung des Fälljahres eines Baumes. Dabei wird eine Analyse der Jahresringe durchgeführt. Ohne das Erkennen eines jeden einzelnen Jahresringes ist eine Messung jedoch nicht möglich. Bei Musikinstrumenten lassen sich nur die Decke von Streich- und Zupfinstrumenten oder das Resonanzholz von Tasteninstrumenten aus Fichte und Tanne datieren, während das oft verwendete Ahornholz für Untersuchungen ungeeignet ist. Internet: www.bfafh.de/inst4/42/

Globaler Ruf: Klein hat weltweit für 140 Museen gearbeitet

Bild(er):

Bild: Kratzen an Rubens: Peter Klein legt mit einer Rasierklinge ein Stück der Gemäldekante frei

Bild: Die untersuchten Bilder werden als Reproduktionen archiviert - hier Rubens' "Kindermord"

Bild: Am Leuchttisch legt Klein die Kurven übereinander und vergleicht ihren Verlauf

Bild: Mit einer Lupe und einem Stift erfasst Klein die Struktur der Jahresringe an dem Bild

Bild: Niederländische Malerei - archiviert unter dendrochronologischen Aspekten: Kleins Kurvenlager

Bild: Von Papier werden die Kurven auf den Computer übertragen - ein Digitalarchiv

Bild: Stradivari oder Flohmarkt? Auch das Alter von Musikinstrumenten kann Klein ermitteln

Bild: Peter Klein in seinem Archiv: Insgesamt sind hier rund 12000 Jahresringkurven gelagert

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