Ausgabe: 09 / 2004

Das Abwesende

AUSSTELLUNGEN IM SEPTEMBER / BREMEN: AFTER IMAGES / Die Weserburg zeigt, wie aktuelle Kunst mit dem Thema Holocaust umgeht.

Ausgerechnet ein "Glückspfennig" soll das sein. Andreas Slominski, der den Aberwitz zum ästhetischen Prinzip erklärt hat, scherzt auf vermintem Terrain. Zur Herkunft des Reichspfennigs von 1943 behauptet der Künstler: "Gefunden am 16.5.1996 auf einem Maulwurfshügel in Buchenwald." Ob man die Story glaubt oder nicht - schon gerät man ins Grübeln über künstlerische Strategien und Moral, fantasiert Geschichten über die Vorbesitzer der Münze und ihr Schicksal. Doch der Holocaust, das so unfassbare Verbrechen, bleibt etwas Abwesendes - wie bei jedem Kunstwerk dieser Ausstellung.

"Nach-Bilder" heißt das mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnete Buch von James E. Young, das Grundlage für die Ausstellung "After Images" ist. Zentrale Frage des Buches, die Young zusammen mit den Kuratoren Peter Friese, Harald Welzer und Guido Boulboulle auch in der Ausstellung verfolgt: Wie kann man die Erinnerung an etwas lebendig halten, das man nicht selbst erlebt hat?

David Levinthal versammelt in seinen Fotografien von Spielzeugsoldaten private und kollektive Bilder: Szenen aus dem Fernsehen, aus Zeitschriften und Geschichtsbüchern vermischen sich mit Erinnerungen an die im Kinderzimmer aufgestellten Figurenschlachten seiner Jugend. "Levinthal betont, dass diese Aufnahmen weniger die Geschichte des Holocaust einfangen als vielmehr das Ringen des Künstlers um die Wiedergabe seiner eigenen hypervermittelten Wirklichkeit des Holocaust", so Young. Eine Definition, die auf alle ausgestellten Arbeiten zutrifft, wobei die Verfahren der 20 beteiligten Künstler höchst unterschiedlich sind. Christian Boltanski etwa ist ein Spurensucher, der Fotos aus den Alben deutscher Wehrmachtssoldaten präsentiert: Fronturlauber mit Kindern, Soldaten, die ihre Kriegspause zum Heiraten nutzen, Uniformen unterm Tannenbaum. Die Bilder ergeben keine Erzählung; wie Geister tauchen die Abgebildeten für einen Moment aus der Vergangenheit auf und verschwinden sogleich wieder in ihrer Anonymität.

Auch Piotr Uklanski arbeitet mit vorgefundenen Bildern: Auf Filmplakaten und Standfotos sieht man Schauspieler wie Jean-Paul Belmondo, Yul Brunner oder auch Klaus Kinski im Gewand des Bösen: Finster schauen "Die Nazis" aus ihren Kostümen, der SS-Offizier als Folie für Hollywoodfantasien, Starauftritte und Gruselschocker. Ein Lehrstück über das Vereinnahmungspotenzial der Popkultur.

Die historische Last des Themas verleiht der Ausstellung einen düsteren, nachdenklichen Ton. Doch zwischen den stilsicheren Meistern des Gedenkens wie Rachel Whiteread, Luc Tuymans und Jochen Gerz wagen sich einige Künstler an Ironie und Satire. Dass so etwas leicht nach hinten losgehen kann, zeigen die von einem Plakatmaler angefertigten Gemälde von KZ-Gedenkstätten im Auftrag der Künstler Andree Korpys und Markus Löffler. Der Versuch, mit Banalität vor Banalität warnen zu wollen, bleibt - banal. SILKE MÜLLER

Termin: bis 2. Oktober. Gefördert von der Bremer Landesbank. Katalog: Revolver Verlag Frankfurt, 25 Euro, im Buchhandel 29 Euro. Internet: www.nmwb.de

Bild(er):

Bild: Banale Konzeptmalerei zum Thema kollektive Erinnerung: "Ohne Titel" (1993, 165 x 220 cm) der Bremer Künstler Andree Korpys und Markus Löffler

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