Ausgabe: 11 / 2004

"Ich nehme Dalí nicht wirklich ernst"

Interview: Der Klimt-Darsteller John Malkovich über sein Verhältnis zur Kunst

Der amerikanische Schauspieler John Malkovich hat jüngst Terry Johnsons Schauspiel "Hysteria" für das Victoria- Theater in Barcelona inszeniert. Das Stück handelt von einer legendären Begegnung zwischen Salvador Dali und Sigmund Freud 1938 in London. In Kürze steht der bekannte Schauspieler ("Gefährliche Liebschaften") als Gustav Klimt vor der Kamera. art-Mitarbeiter Merten Worthmann sprach mit Malkovich über sein Verhältnis zur Kunst.

art: Helfen Sie mir auf die Sprünge: Hatten Sie im Film "Being John Malkovich" Kunst an der Wand Ihrer Wohnung hängen?

Ja, da hing etwas. Aber ich erinnere mich nicht mehr genau. Es war moderne Kunst. Ich habe das nicht ausgesucht.

Besitzen Sie selber Kunst?

Ich besitze sehr wenig, vor allem Zeichnungen und kleinere Arbeiten. Ich habe Werke von Thomas King Baker, einem amerikanischen Künstler, der eigentlich als Versicherungskaufmann gearbeitet hat. Ich habe ein paar Arbeiten von Raymond Materson, einem Ex-Gefängnisinsassen, der Bilder aus Sockenfäden macht. Und ein Bild von Jean-Francois Millet. Das war's auch schon.

Geht der Millet auf Ihre Auseinandersetzung mit Dali zurück? Dali hatte sich ja intensiv mit dem "Angelus"-Gemälde des Malers beschäftigt.

Der Millet entstammt einer Scheidungsübereinkunft. Meine Ex-Frau sammelt Kunst, ich nicht. Ich sammle Bücher - und Stoffe. Aber manchmal bleibt doch etwas hängen. Damien Hirst schuldet mir noch ein Werk, weil ich die "Cancer Poems" für seine letzte Ausstellung gesprochen habe.

Was war Ihre letzte bewegende Begegnung mit zeitgenössischer Kunst?

Die Lucian-Freud-Retrospektive in der Londoner Tate Gallery. Das war ziemlich wild und sehr beeindruckend.

In "Hysteria", dem Theaterstück, das Sie gerade inszenieren, ist Lucian Freuds Großvater Sigmund die zentrale Figur. Er empfängt Salvador Dali, hält dessen Kunst aber für oberflächlich.

Ja, Freuds Urteil ist harsch. Er sagt: Wenn ich einen Rembrandt oder einen Vermeer betrachte, dann sehe ich eine ganze Welt unbewusster Vorgänge und verborgener Träume; aber wenn ich Ihre Arbeiten sehe, Mr. Dali, dann sehe ich nichts als die bewusste Gestaltung bewusster Gedanken.

Teilen Sie diese Einschätzung?

Rembrandts "Nachtwache" ist nach wie vor das Kunstwerk, das mich persönlich im Leben am tiefsten beeindruckt hat. Es ist fast unvorstellbar gut und in gewisser Weise auch für immer unerreichbar. Aber mich interessieren auch Dali-Ausstellungen. Die können sehr amüsant sein.

Amüsant?

Ja. Ich nehme Dali nicht wirklich ernst, höchstens als Schriftsteller. Aber er hat zweifellos sehr schöne Werke gemacht, und für seine Zeit war er sicher prägend. Vorher wurde anders gemalt, danach wieder anders. Mittlerweile stehen wir vor Damien Hirsts Medizinschränken und vor Tracey Emins Bett. Das ist der Gang der Kunstgeschichte. Keine Einwände.

Nur sind Sie nicht mehr so tief beeindruckt.

Das stimmt. Obwohl mich Damiens zerlegte Tiere schon anrühren. Sicherlich nicht so wie "Die Nachtwache". Aber das ist auch kein fairer Vergleich.

Demnächst spielen Sie Gustav Klimt. Was halten Sie von dessen Werk?

Bisher kenne ich es nicht wirklich gut. Ich habe viele seiner Werke vor mehr als 20 Jahren in Wien gesehen. Damals haben sie mich beeindruckt. Aber das ist lange her.

Im Mittelpunkt von Raool Ruiz' Film soll Klimts Verhältnis zu Frauen stehen. Wird so die Kunst erklärt?

Nein. Das würde nicht funktionieren. Beziehungen schlagen meist erst auf die Kunst durch, nachdem sie vorüber sind. Diesen Vorgang darzustellen, ohne furchtbar zu vereinfachen, ist sehr schwierig. Dazu sind auch Malerei und Film zu verschieden.

Viele Filmbiografien von Künstlern nehmen diese Art Vereinfachung in Kauf.

Sie haben recht. Aber ich finde, die Werke eines Künstlers entziehen sich dieser Art Auslegung. Für mich ist jedes Werk eines aufrichtigen Künstlers als seine ganz eigene Form von Welterklärung anzusehen. Es ist seine Art zu sagen: Das habe ich gelernt, das habe ich gesehen. In seinem Werk gibt der Künstler dem Universum einen Sinn. Normalerweise macht es schließlich nicht allzu viel Sinn.

Gibt es einen Künstler, der Ihnen geholfen hat, die Welt besser zu verstehen?

Für meine Generation hat Andy Warhol das getan. Er hat gezeigt, wie es um die Welt steht und wohin sie unterwegs ist. Irgendwie bedaure ich, das sagen zu müssen. Aber so war es.

Wieso bedauern Sie das? Weil Warhol oberflächlicher war als Rembrandt?

Es geht nicht um Oberflächlichkeit, sondern um die Wirklichkeit. Warhol hat sie getroffen. Wir können lange darüber fantasieren, wie die Welt sein sollte, aber die Welt richtet sich nun einmal nicht nach unseren Fantasien. Die Welt war nicht, wie Francisco de Goya sie wollte, sie war nicht, wie Vincent van Gogh oder Carl Andre sie wollten. Die Welt wird nie tun, was "wir" wollen - selbst wenn wir so etwas wie ein gemeinsames Ziel hätten.

Kannten Sie Warhol?

Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, in einem koreanischen Lebensmittelladen. Er kaufte Hustensaft oder eine Banane, jedenfalls etwas Nichtiges. Aber er blickte um sich, als erlebte er gerade eine Epiphanie und könnte der Welt bis auf den Grund sehen.

Bild(er):

Bild: Unter Kollegen: Schauspieler John Malkovich mit Dali-Darsteller Enrique Alcides bei den Proben zu "Hysteria"

Bild: John Malkovich in Barcelona, im Hintergrund Werbung für sein Stück

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