Ausgabe: 01 / 2004
Seite: 16-30
Aufschwung mit Gegenwind
Von Susanne Altmann Tadeusz Rolke
TITEL: Polen: Europas jüngste Szene - Streifzug durch die Künstler-Ateliers von Warschau und Krakau / Keine Biennale oder Documenta kommt heute ohne polnische Künstler aus. Doch so offen wie es scheint, ist die Gesellschaft des Landes noch lange nicht: Trotz Demokratie und EU-Beitritt kämpfen junge Künstler in den Zentren Warschau und Krakau noch immer gegen die alten Mächte Kirche und Staat. Ein Streifzug durch eine Szene, die sich mit Fantasie und Witz behauptet / TADEUSZ ROLKE (PORTRÄTS)
Das Nachtleben von Warschau wäre reichlich trostlos - gäbe es nicht junge Künstler, die fintenreich ums Überleben kämpfen. Die Performerin und Videokünstlerin Anna Baumgart etwa ist seit drei Jahren nebenbei auch Chefin des "Baumgart Cafes". Ihre beliebte Künstlerbar ist in einem Winkel der staatlichen Galerie für Gegenwartskunst im Ujazdowski-Schloss versteckt. Hier fanden, neben Konzerten und Vernissagen, die ersten öffentlichen Schwulen-Partys und feministischen Podiumsdiskussionen statt, für die es sonst in Warschau kein Forum gegeben hätte. Baumgart ist kein Einzelfall: Auch international erfolgreiche Künstler wie Zbigniew Libera, Katarzyna Gorna oder Paulina Olowska haben zwischenzeitlich solche Klubs betrieben - die Kunst allein ernährt in Polen kaum jemanden.
Die Avantgarde von Warschau und Krakau lebt zwischen zwei Welten. Ob Documenta, Venedig-Biennale, Themenausstellungen in westeuropäischen Museen: Überall mischen polnische Künstler heute ganz selbstverständlich mit, ihre drastischen, bissigen Werke werden gefeiert oder kontrovers diskutiert. Unter westlichen Sammlern und Kuratoren ist Polen schon längst kein Geheimtipp mehr. Der Wuppertaler Sammler Christian Boros sagt: "In Warschau kann man spannende Künstler entdecken." Zu Hause in Polen aber müssen sich unbequeme und engagierte Künstler nicht nur gegen scharfe politische und kirchliche Widerstände (siehe Kasten Seite 28) kämpfen, sondern sich auch in wirtschaftlich schwierigem Umfeld behaupten. Gerade einmal zwei Galerien für aktuelle Kunst gibt es in der Millionenstadt Warschau: "Raster" und die "Foksal Gallery Foundation". Beide aber verstehen sich mehr als Projekträume, denn als Kunsthandlungen. Einheimische Sammler gibt es kaum, die neureiche Elite stattet ihre Villen lieber mit konservativer Malerei und traditionellen Holzschnitzereien aus. Aber auch staatliche Gelder sind äußerst knapp. Ein einziges Stipendienprogramm für junge Künstler gibt es in ganz Polen, dotiert mit 300 Euro im Monat.
Die polnische Avantgarde aber ist kampferprobt. In sozialistischen Zeiten - und vor allem unter dem Kriegsrecht in den achtziger Jahren - flüchtete sich die Kunst in solidarische Zirkel, die den Austausch mit den westlichen Szenen pflegten. Heute setzen die Künstler wieder auf Selbsthilfe - und immer noch zieht ihre Kunst die Kraft aus der Reibung mit Staatsmacht und Kirche. Das fängt schon beim Studium an: An der Warschauer Akademie der Schönen Künste herrscht striktes Spartendenken, es gibt weder Austauschprogramme noch ausländische Gastprofessoren. Lehrer wie der Maler Leon Tarasewicz und der Bildhauer Grzegorz Kowalski, die mit Experimenten den Lehrbetrieb unterwandern, wurden zu Integrationsfiguren der jungen Szene. Kowalskis Klasse brachte in den neunziger Jahren eine ganze Gruppe von rebellischen Studenten hervor. Katarzyna Kozyra, Pawel Althamer, Artur Zmijewski oder Kata-rzyna Gorna provozierten mit Performances und schmerzhafter Körperkunst. Auch Kunstvermittlung wird in solch einem Klima zum Balanceakt. Die Foksal Gallery Foundation spaltete sich 2001 von der Foksal-Galerie ab, die jahrzehntelang das progressive Kunstleben des ganzen Landes geprägt hatte. Die drei jungen Kunsthistoriker Joanna Mytkowska, Andrzej Przywara und Adam Szymczyk hatten sich weder mit der eingefahrenen Bürokratie noch mit dem lokalen Wirkungsradius der Galerie abfinden können. Ihr 80 Quadratmeter großer Raum an der eleganten Einkaufsmeile Nowy Swiat dient als Büro, Projektzentrale und Ausstellungsraum zugleich. Mit den vielbeachteten Auftritten von Monika Sosnowska und Pawel Althamer auf der Biennale in Venedig ist es schon gelungen, internationale Erfolge zu erzielen. Aber das Team betreibt auch Aufklärungsarbeit im eigenen Land, indem es renommierte internationale Künstler nach Warschau einlädt.
Mit Auflehnung und Abgrenzung allein ist es eben heute, anders als zu sozialistischen Zeiten, nicht getan. Die Foksal Gallery Foundation will mit ihren Aktionen endlich eine öffentliche Diskussion über Gegenwartskunst entfachen und somit langfristig für eine größere Akzeptanz sorgen. Dafür arbeiten auch Lukasz Gorczyca und Michal Kaczynski, die gemeinsam das Internet-Kunstmagazin "Raster" und die gleichnamige Wohnungsgalerie betreiben. "Raster" berichtet im Netz objektiv über die Querelen von Kunst und Politik; die Galerie bietet jungen Künstlern eine Plattform. Die Maler Rafal Bujnowski, Marcin Maciejowski und Wilhelm Sasnal starteten hier ihre internationalen Karrieren.
Der gänzlich unromantische Montmartre von Warschau ist das von Armut und Mafiakrimininalität geprägte Arbeiterviertel Praga auf der rechten Weichselseite. In den engen Ateliers kennt jeder jeden, Solidarität zählt noch immer mehr als Profilierung. Ganz anders das Bild im glänzenden Krakau, 300 Kilometer weichselaufwärts. Die Königsstadt mit ihren majestätischen Backsteinbauten lässt den düsteren Charme der Hauptstadt rasch vergessen. Hier gibt es, den Touristen sei Dank, eine florierende Szene von Klubs, dazu eine Fülle von Galerien und Projekträumen.
Trotzdem haben die Künstler mit ähnlichen ökonomischen und politischen Hindernissen zu kämpfen. Viele entfliehen der manchmal lähmenden Idylle der Provinz und versuchen, sich in Warschau durchzusetzen. Wer dennoch hier wohnt und arbeitet, bewahrt sich wie Marta Deskur oder Grzegorz Sztwiertnia den kritischen Blick, indem er so oft wie möglich nach Warschau oder ins Ausland fährt. Hier die überlebenswichtigen internationalen Kontakte zu pflegen ist fast unmöglich. Der "Bunkier Sztuki" ("Kunstbunker") ist der einzige staatliche Ausstellungsraum für aktuelle Kunst in der Stadt. Und auch hier hat der Drang nach internationaler Wirkung stark abgenommen, seit 2002 der Museumschef Jaroslaw Suchan und sein progressiver Kurator Adam Budak entlassen wurden. Neue Leiterin des Hauses ist die Galeristin Maria Anna Potocka, die nebenbei weiter mit Kunst handelt und gerade noch ein Museum für klassische Avantgarde gründet. Überhaupt schwelgt Krakau in Nostalgie. Im herrlichen Stadtpalast "U Krzysztofory" pflegen Nachlassverwalter die Legende des Universalkünstlers Tadeusz Kantor (1915 bis 1990), der noch heute das äußerste Maß an Innovation zu verkörpern scheint, das das beschauliche Krakau verträgt. Selbst in den zwei wichtigsten Galerien dominiert hier die Avantgarde von gestern. Immerhin handelt es sich bei diesen beiden Unternehmen um die einzigen kommerziell bedeutenden in ganz Polen. Unweit der Marienkirche betreibt Marta Tarabula ihre Galerie "Zderzak" ("Stoßstange"). 1985 gründete die Studentin ihren subversiven Kunstraum, unterlief die staatliche Zensur und lavierte sich geschickt durch alle Widerstände in die freie Marktwirtschaft. Heute bietet das Galerieprogramm eine kommerzielle Mischung von aktueller und moderner Kunst. Auch Tarabulas Kollege Andrzej Starmach setzt lieber auf arrivierte Positionen von Magdalena Abakanowicz oder Miroslaw Balka und natürlich Tadeusz Kantor. Seine Galerie in Klinker, Stahl und Glas könnte so auch in New York oder London stehen. Trotz seines Erfolges klagt Starmach über das öffentliche Desinteresse an Kunst.
Wie in Warschau, so florieren auch in Krakau Modelle von Selbsthilfe und gegenseitiger Unterstützung, wenn es darum geht, gegen das herrschende kulturelle Vakuum anzukämpfen. Ein düsterer Hinterhof in Kasimierz, dem ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt, bildet den Schauplatz der Produzentengalerie "Otwarta Pracownia" ("Offene Werkstatt"). Für einen symbolischen Preis mieten der Maler Grzegorz Sztwiertnia und seine Kollegen seit vier Jahren einen Ausstellungsraum. Neumitglieder müssen mit einer "Antrittsausstellung" eine Art Prüfung ablegen, dann teilen sich die Künstlerfreunde die Kosten für Materialien und Einladungskarten. Der energiegeladene Sztwiertnia unterrichtet zudem seit 1993 an der örtlichen Kunstakademie, wo es auch eine Medienklasse und eine für Performance und Installation gibt. Dennoch gilt hier das Hauptaugenmerk dem malerischen Handwerk. Sztwiertnia vermutet, dass nicht wenige seiner Studenten diese Ausbildung ganz praktisch ummünzen: An der alten Stadtmauer verkaufen sie gemalten Kitsch als Meterware für Touristen. Anonym, versteht sich.
art unterwegs
Warschau MUSEEN/GALERIEN
Königliches Schloss Warschau/ Zamek Krolewski
Die königliche Barock-Residenz wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört. Ihre Wiederherstellung in den siebziger Jahren zeugt von der weltweit anerkannten Kunst der polnischen Restauratoren. In dem Komplex befinden sich u.a. Thron- und Audienzsaal sowie der Canaletto-Saal mit zahlreichen Veduten des historischen Warschau: Plac Zamkowy 4, Tel. (+4822) 6572170. Öffnungszeiten: Di-Sa 10-16 Uhr, So 11-16 Uhr, Mo geschlossen. Internet: www.zamek-krolewski.art.pl
Nationalmuseum / Muzeum Narodowe
Neben umfangreichen Sammlungen polnischer Kunst bis zum 20. Jahrhundert, einheimischem Kunsthandwerk und Altertümern beherbergt das Nationalmuseum auch die landesweit größte Sammlung europäischer Malerei. Al. Jerozolimskie 3, Tel. (+48 22) 6 21 10 31. Öffnungszeiten: Di, 10-16 Uhr, Do 10-18 Uhr, Mo geschlossen. Internet: www.mnw.art.pl
Zachecta - Nationalgalerie für Kunst
Die Zachecta-Galerie wurde 1900 auf Initiative eines gemeinnützigen Vereins zur Förderung polnischer Kunst gegründet. In dem imposanten Bau trifft sich junge Kunst mit Klassischer Moderne aus Polen: Plac Malachowskiego 3, Tel. (+4822) 8275854. Öffnungszeiten: Di-So 12-20 Uhr. Mo geschlossen
Internet: www.zacheta.art.pl
Zentrum für Gegenwartskunst / Ujazdowski-Schloss
Das idyllisch in einem Park gelegene Schloss bietet wechselnde Ausstellungen und eine der bedeutendsten Sammlungen polnischer Gegenwartskunst, u. a. mit Werken von Magdalena Abakanowicz, Miroslaw Balka, Katarzyna Kozyra, Zofia Kulik, Zbigniew Libera u.a.: Al. Ujazdowskie 6, Tel. (+4822) 6281271. Öffnungszeiten: Di-So 11-17 Uhr, Fr 11-21 Uhr, Mo geschlossen. Internet: http://csw.art.pl
Galerie Raster
Im vierten Stock eines Mietshauses gelegen, hat die von Lukasz Gorczyca und Michal Kaczynski geführte Wohnungsgalerie noch immer den Charme von Untergrund und Subversion. Raster vertritt die erste Garde polnischer Gegenwartskünstler, darunter Agata Bogacka, Rafal Bujnowski, Zbigniew Libera, Marcin Maciejowski und Monika Sosnowska: Hoz-a 42/8, Öffnungszeiten: Di-Sa 15-20 Uhr.
Internet: http://raster.art.pl
Foksal Gallery Foundation
Diese Initiative für junge Kunst konnte sich in den drei Jahren ihres Bestehens bereits international profilieren. Das Büro dient gleichzeitig als Ausstellungsraum und als Zentrale für Projekte im Stadtgebiet von Warschau. Künstler: Pawel Althamer, Katarzyna Jozefowicz, Edward Krasinski, Lucy McKenzie, Anna Niesterowicz, Paulina Olowska und Artur Zmijewski: ul. Gorskiego 1a, Tel. (+4822) 8265081. Öffnungszeiten: Di-Fr 12-17 Uhr Internet: www.fgf.com.pl
BARS/CLUBS
Kuchnia Artystyczna
"Künstlerische Küche" verspricht das Restaurant im Ujazdowski-Schloss. In den oberen Stockwerken wird Gegenwartskunst gezeigt, im Erdgeschoss herrschen kreative Köche.
Centrum Sztuki Wspolczesnej, Al. Ujazdowskie 6, Tel. (+4822) 6257627
Baumgart Cafe
Der kleine Klub wird von der Künstlerin Anna Baumgart geführt und befindet sich ebenfalls im Ujazdowski-Schloss, der staatlichen Galerie für Gegenwartskunst: Al. Ujazdowskie 6, Tel. (+4822) 62812713.
Szpilka / Szpulka
Das Restaurant Szpilka und der Klub Szpulka liegen direkt nebeneinander und ergänzen sich bestens. Szpilka bietet gutes Essen zu vernünftigen Preisen; im schicken Szpulka nebenan kann man die Nacht ausklingen lassen: Plac Trzech Krzyz-y 18, Tel. (+4822) 6289132
St. Traffo
Direkt an der Flaniermeile Nowy Swiat gelegen, serviert dieses Restaurant polnische Küche in gediegener Atmosphäre. Besonders zu empfehlen sind die typischen Kartoffelküchlein "Placki": Nowy Swiat 36, Tel. (+48 22) 8266769
Touristeninformation: Rozbrat 26, Tel. (+48 22) 6 22 69 68, www.warsawtour.pl
Krakau MUSEEN/GALERIEN
Das Krakauer Schloss / Wawel
Das Schloss der polnischen Könige liegt weithin sichtbar auf dem Wawelhügel an der Weichsel. Im Inneren der Anlage befinden sich neben
königlichen Prunkgemächern, dem Kronschatz und der Rüstkammer auch ein imposanter Arkadenhof sowie die Kathedrale des Heiligen Wenzel und Stanislaus: Wawel 5, Tel. (+4812) 4221950. Öffnungszeiten: bis September 6-20 Uhr, Oktober bis März 6-17 Uhr.
Internet: www.wawel.krakow.pl
National Museum Krakau / Muzeum Narodowe
Das zweitgrößte Museum Polens wurde 1879 gegründet und zeigt eine umfangreiche Sammlung polnischer Malerei, Druckgrafik und Skulptur, kulturhistorische und volkskundliche Abteilungen. Das Museum residiert in elf historischen Gebäuden im Stadtkern. In der Gemäldesammlung des Czartoryski-Palais befindet sich der Stolz des Museums: Leonardo da Vincis "Dame mit dem Hermelin" (1483-86): Al. 3 Maja 1, Tel. (+4812) 2955500. Öffnungszeiten: Di, Do 9-15.30 Uhr, Mi, Fr 11-18 Uhr, Sa, So 10-15.30 Uhr, Mo geschlossen.
Internet: www.muzeum.krakow.pl
Marienkirche
Mit ihren beiden ungleichen Türmen ist diese Basilika am Hauptmarkt (Rynek Glowny) nicht zu übersehen. Im Inneren der prächtigen Backsteinbasilika aus dem 14. Jahrhundert der berühmte Marienaltar (1477/89) von Veit Stoß. Täglich um die Mittagszeit wird er geöffnet und zeigt die meisterhaft geschnitzte Szene des Marientodes: Plac Mariacki 5, Tel. (+4812) 4220521
Cricoteka
Dokumentationszentrum der Kunst von Tadeusz Kantor: ul. Szczepanska 2, Tel. (+48 12) 4216975. Galerie & Tadeusz Kantor Archiv: ul. Kanonicza 5, Öffnungszeiten: Mo-Fr 10-14 Uhr. Tadeusz Kantor Studio: ul. Sienna 7/5, Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-15 Uhr. Internet: www.cricoteka.com.pl
Bunkier Sztuki
Staatliche Galerie für Gegenwartskunst: Plac Szczepanski 3a, Tel. (+4812) 4221052. Öffnungszeiten: täglich 11-18 Uhr, Mo geschlossen. Internet: www.bunkier.com.pl
Galeria Starmach (Andrzej Starmach)
Polnische und internationale Moderne, u.a. Tadeusz Kantor, Grupa Krakowska, Magdalena Abakanowicz, Henryk Stazewski: ul. Wegierska 5, Tel. (+4812) 6564915. Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-18 Uhr.
Internet: www.starmach.com.pl
Galeria Zderzak (Marta Tarabula)
Junge Gegenwartskunst und polnische Moderne, u.a. Jerzy Nowosielski, Piotr Jaros, Grzegorz Sztwiertnia, Rafal Bujnowski, Marcin Maciejowski: Florianska 3, Tel. (+4812) 4296743. Öffnungszeiten: Mi-Sa 12-17 Uhr.
Internet: www.zderzak.pl
Galeria nova
Galerie für Gegenwartskunst im Stadtviertel Kazimierz. Arbeiten von Edward Dwurnik, Robert Maciejuk und Jadwiga Sawicka: ul. Jozefa 22/5 Tel. (+4812) 2921042, Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-18 Uhr. Internet: www.nova.art.pl
Otwarta Pracownia
Produzentengalerie mit wechselnden experimentellen Ausstellungen: ul. Dietla 11, Tel. (+4812) 6367198. Öffnungszeiten: Mo, Mi, Fr 18-20 Uhr
BARS/CLUBS
Drukarnia na Kazimierzu
Am Plac Nowy, dem "Neuen Platz", im alten Stadtteil Kazimierz, lädt dieses Kaffeehaus tagsüber zum Entspannen ein und verwandelt sich abends in einen Klub mit Livemusik, vornehmlich Jazz: Plac Nowy 8, Tel. (+4812) 4213231
Jama Michalika
Schon um 1900 versammelte sich in "Michaliks Höhle" die Boheme aus ganz Polen. Arme Künstler bezahlten ihren Wodka mit Zeichnungen und Wandgemälden, die dem Ort bis heute sein einzigartiges Kolorit verleihen. (Kabarettveranstaltungen, Konzerte, Lesungen): ul. Florianska 45, Tel. (+4812) 4221561
Stare Mury
Das Restaurant an der alten Stadtmauer bietet polnische Hausmannskost zu vernünftigen Preisen: ul. Pijarska 21, Tel. (+4812) 4213898
Touristeninformation: Rynek Glowny 1-3, Tel. (+4812) 4283600. Internet: www.krakow.pl
Härtere Zeiten
Gegenüber den heute in Polen üblichen Zensur- und Repressionsmaßnahmen war der Kommunismus fast liberal
Die Künstlerin Dorota Nieznalska wurde im Juli 2003 von einem Gericht in Danzig verurteilt: Sie muss sechs Monate gemeinnützige Arbeit leisten und darf während dieser Zeit Polen nicht verlassen. Ihr Vergehen: Nieznalska hatte in der Installation "Passion" männliche Genitalien in einem kreuzförmigen Leuchtkasten (art 9/2003) gezeigt. Grund genug für die "Liga Polnischer Familien", Anzeige zu erstatten: "Passion" verletze religiöse Gefühle. Der Fall Nieznalska ist der jüngste in einer Reihe von Skandalen, die seit 1989 die Entwicklung der Gegenwartskunst in Polen begleiten. "Die Protagonisten des neuen Staates verhalten sich weitaus repressiver gegenüber künstlerischen Grenzüberschrei-tungen als der kommunistische Staat", klagt Adam Szymczyk, einer der Gründer der Foksal Gallery Foundation und heute Leiter der Kunsthalle Basel. Das prominenteste Beispiel für Repressalien war Anda Rottenberg, die 2001 ihren Posten als Direktorin der Warschauer Galerie "Zachecta" (art 5/2001) aufgeben musste, als es Aufruhr um die Ausstellung von Maurizio Cattelans Papstfigur "Die neunte Stunde" und Piotr Uklanskis Schauspielerporträts als SS-Männer gab. Auch ihr Kollege Jaroslaw Suchan vom Kunstbunker Krakau und Aneta Szylak vom Danziger Ausstellungszentrum "Laznia" wurden nach provokativen Ausstellungen entlassen. Kazimierz Piotrowski, Kurator an der Warschauer Nationalgalerie, organisierte 2001 die Schau "Irreligia" in Brüssel. Dort verbanden polnische Künstler katholische Symbolik mit kritischen Kommentaren. Manche von ihnen wurden öffentlich als Ketzer verdammt; Piotrowski selbst verlor seine Stellung.
Bild(er):
Bild: TWOZYWO Unter diesem Gruppennamen machen Krzysztof Sidorek, 27, und Mariusz Libel, 25, seit 1995 in Warschau den öffentlichen Raum unsicher. Sie gelten als Erfinder der "Vlepki": kleiner Aufkleber mit kritisch-ironischen Botschaften, die massenweise in Bussen, Straßenbahnen und auf Hauswänden zu sehen sind. Mittlerweile hat sich die "Vlepki"-Manie zu einer regelrechten Jugendbewegung entwickelt. Sidorek (auf dem Foto links) und Libel widmen sich inzwischen größeren Formaten und bekleben regelmäßig zwei Plakatwände im Zentrum von Warschau mit Bonmots und Piktogrammen. Hier spielen sie mit dem polnischen Wort "nie" (nein) und dem deutschen Wort "ist". Aber sie plakatierten hier auch schon ketzerische Botschaften wie "Der Antichrist ist ein Künstler" oder, einige Tage vor dem Irak-Krieg, "Religion ist keine Waffe".
Bild: Zwei Twozywo-Poster von 2002 mit polnischen Wortspielen: "Jozef, spalim?" heißt "Josef, rauchen wir?", "Mao zostao" bedeutet "Wenig geblieben"
Bild: Der Korridor (ohne Titel) auf der Venedig-Biennale 2003: Durch die perspektivische Illusion scheint er über hundert Meter lang zu sein, in Wirklichkeit verengt er sich so rasch, dass sich der Besucher nach wenigen Metern bücken muss
Bild: Vom hohen Raum zur kleinen Schachtel: Zwei von den vier Zimmern der Installation "Little Alice" (2001) - von Raum zu Raum wird alles niedriger und enger
Bild: MONIKA SOSNOWSKA Die 31-Jährige (links in ihrem Warschauer Wohngebiet) versieht nüchterne Architekturen mit sparsamen Zutaten; für Museumsräume entwirft sie Einbauten, die sich erst auf den zweiten Blick als fantastisch herausstellen. So entpuppen sich etwa unscheinbare Wandtafeln als Bilder zum Aufklappen. Sosnowska, die an der Amsterdamer Rijksakademie studierte, liebt kleine Irritationen, die kurz den Atem stocken lassen. Auf "Alice im Wunderland" anspielend, nannte die Künstlerin im Jahr 2001 eine teleskopartig gestaffelte Flucht von Räumen "Little Alice" - kleine Alice. Prächtige, handgemalte Tapeten und riesige Flügeltüren täuschten herrschaftliche Großzügigkeit vor. Doch von normalem Menschenmaß im ersten Raum ausgehend, wurden die Boxen Stück für Stück kleiner, bis hin zur letzten Schachtel, die gerade 35 mal 25 mal 25 Zentimeter maß. Ähnlich perfekt die Sinnestäuschung bei ihrer Korridor-Arbeit (ohne Titel, 2003), die auf der Venedig-Biennale 2003 gezeigt wurde: So mancher bemerkte den architektonischen Betrug erst, als der Kopf an die Decke des scheinbar über hundert Meter langen Tunnels stieß.
Bild: Aus der Galerie der Maler-Idole: Oben "M. Kippenberger", darunter "O. Kokoschka" beide aus dem Jahr 2003, 35 x 40 cm. Rechts: ein surreales Billardspiel unter Armisten - "When we have free time" ("Wenn wir Freizeit haben", 155 x 140 cm, 2003)
Bild: Gemaltes Kino: In "Corleone" (2003, 50 x 40 cm) zeigt Maciejowski eine Liebesszene im Stil einer Filmsequenz
Bild: MARCIN MACIEJOWSKI Gerade hat der 29-jährige Maler sein großes Schwarzweiß-Porträt von Pablo Picasso "Boulevard Raspail, Sommer 1913" beendet. Es gibt auch Konterfeis von Tadeusz Kantor, Otto Dix und Oskar Kokoschka. Er porträtiert Meister der Gattung, als sie alle in seinem Alter waren - "jetzt, wo es so viel Interesse an junger Malerei gibt". Maciejowski weiß, wovon er spricht: Er und seine ehemaligen Kommilitonen Wilhelm Sasnal und Rafal Bujnowski werden derzeit über die Landesgrenzen hinweg hofiert. Noch an der Krakauer Kunstakademie formierten sich die drei eher aus Spaß zur Gruppe "ladnie" ("schön"). Damals wollte Maciejowski eigentlich Grafiker werden, was seinen Gemälden durchaus noch anzumerken ist. Ausschnitte aus Zeitungen und Magazinen dienen ihm als Musterbuch. Als Polen vor dem Irak-Krieg der Koalition der Willigen beitrat, entstand unter dem ironischen Slogan "Wir fahren schon" das Bild von 200 strahlenden Soldaten einer polnischen Spezialeinheit.
Bild: Immer wieder wechselt Althamer Mittel und Stile: oben die frühe Skulptur "Der Kameramann" (1995), unten "Das Baumhaus", in dem er 2001 vor der Warschauer Foksal Gallery Foundation bei klirrender Kälte übernachtete. Eine Replik war 2003 auch auf der Biennale von Venedig zu sehen
Bild: PAWEL ALTHAMER In der ersten Silvesternacht des Jahrhunderts formten erleuchtete Fenster seines Wohnblocks die Zahl 2000. Althamer, 36, hatte seine Nachbarn im Plattenbaugebiet Warschau-Brodno zu dieser gemeinsamen Aktion animiert. Kürzlich inszenierte er hier, wo er mit seiner fünfköpfigen Familie in einer winzigen Wohnung lebt, eine weitere Arbeit: Als ihn die Galerie Zachecta zu einer Schau für Kinder einlud, ließ er den Spielplatz vor seinem Haus renovieren. Der Künstler will beweisen, dass seine Existenz der Satellitenstadt nützlich ist, er möchte den "heldenhaften künstlerischen Anspruch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückführen." Schon auf der Documenta 10 von 1997 war Althamer dabei, links posiert er vor den Relikten seiner Performance "Astronaut" in der Kasseler Karlsaue. Im nächsten Jahr erhält der realistische Träumer den bedeutenden europäischen Kunstpreis "The Vincent".
Bild: Leicht makabre Gehübung: Szenen aus der Videoarbeit "Out for a walk" ("Spazieren gehen", 2001)
Bild: Der Mitmensch als Prothese: Fotoarbeit "An Eye for an Eye - Undressed XIV", 1998 ("Auge um Auge - Unbekleidet XIV")
Bild: ARTUR ZMIJEWSKI Der 37-Jährige ist durch Tabubrüche bekannt geworden. In einem katholisch geprägten Land, wo Nacktheit noch immer provoziert und andererseits in der Werbung allgegenwärtig ist, zeigt Zmijewski drastische Bilder von unbekleideten Körpern. Für das Projekt "140 Zentimeter" versammelte der gebürtige Warschauer ein Kind, zwei Kleinwüchsige, eine kleine alte Dame und einen beidseitig Beinamputierten vor der Kamera, ließ sie sich ausziehen und nebeneinander aufstellen. Unter Zmijewskis behutsamer Regie wurde aus der absurden Versammlung fast eine klassische Bildkomposition. Um Ausgrenzung geht es in dem Zyklus "An Eye for an Eye" ("Auge um Auge",1998). Hier leihen Nichtbehinderte Versehrten die fehlenden Gliedmaßen: Gemeinsam mit der jungen Schauspielerin als Stütze posiert ein athletischer Einbeiniger nicht ohne Humor als bärtiger Herkules.
Bild: Gruppenporträt aus dem Freundeskreis, aufgenommen wie eine Pop-Band: "The Boys" ("Die Jungs", 1999, 130 x 180 cm) aus der Serie "Family"
Bild: MARTA DESKUR Als die 41-Jährige 1991 nach acht Jahren aus Frankreich wieder nach Polen zurückkehrte, zog sie nach Krakau. An ihrer Geburtstadt schätzt sie deren Überschaubarkeit und das soziale Netzwerk. So verwundert es nicht, dass sie ihre Begeisterung 1999 in die Arbeit "Family" - Familie - umsetzte. "Das Blut, das Kunst heißt, ist dicker als das wirkliche Blut", fand sie und konstruierte mit Projektionen und Fotografien eine Art Stammbaum ihres weitverzweigten Freundeskreises. Das solidarische Funktionieren einer Gruppe faszinierte Marta Deskur (links in ihrem Krakauer Atelier) auch im letzten Jahr in Berlin, wo sie als Stipendiatin in Kreuzberg auf den Zusammenhalt der türkischen Bevölkerung aufmerksam wurde. Nach einem traditionellen polnischen Kopftuch nannte sie ihre neue Recherche "Fanshon", beobachtete jedoch fasziniert die Vielfalt und farbliche Intensität der muslimischen Kopftücher. Deskur würdigte dieses kulturelle Signet in einem Fries aus bunt bemalten Keramikfliesen.
Bild: GRZEGORZ SZTWIERTNIA Der 35-Jährige hat in Krakau eine imaginäre Firma gegründet. Unter dem Fantasielabel "ETHICON", das die Begriffe "Ethik" und "Ikone" kombiniert, lässt Sztwiertnia seiner Freude an chirurgischem Gerät freien Lauf. Statt "stainless" tragen die Werkzeuge jedoch Gravuren wie "sinless", "selfless" oder "sexless". Mit diesem auf Sperrholzplatten gemalten Katalog möchte Grzegorz Sztwiertnia, humorvoll auf die grassierenden Krankenhausserien im Fernsehen verweisend, "den Berufsstand des Chirurgen humanisieren und popularisieren".
Bild: Sztwiertnia will den Beruf des Chirurgen "popularisieren" - mit Bildern wie diesem aus der fünfteiligen Serie "Ethicon" (2000, 42 x 30 cm)
Bild: In dem Nachrichtenmagazin "Przekroj" ("Überblick") veröffentlicht Libera seine Fotoinszenierungen, die das Weltgeschehen - hier den Irak-Krieg - sarkastisch kommentieren
Bild: Sorgte für Aufruhr: die Serie "Lego-Konzentrationslager" von 1996
Bild: ZBIGNIEW LIBERA Sein Baukastenset "Lego-Konzentrationslager" sorgte letztes Jahr bei der Ausstellung "Mirroring Evil" im Jüdischen Museum New York für Aufruhr. Als Libera, 44 (rechts vor der Warschauer Galerie Raster), sein Land 1997 auf der Venedig-Biennale repräsentieren sollte, wurde ihm ein Auftritt mit dieser provokativen Werkgruppe untersagt. Der Künstler, der während der Zeit des Kriegszustandes ein Jahr im Gefängnis verbracht hatte, fühlte sich gegängelt und sagte seine Teilnahme ganz ab: "Ich habe dieses Werk geschaffen, um Diskussionen auszulösen, nicht aber um sie zu unterdrücken."
Bild: Künstlerische Keimzelle: Joanna Mytkowska und Andrzej Przywara von der Warschauer Foksal Gallery Foundation gehören zu den Mentoren der Szene
Bild: Lukasz Gorczyca und Michal Kaczynski betreiben "Raster" als Online-Magazin und Galerie
Bild: Getränke aus Künstlerhand: Die Performance- und Videokünstlerin Anna Baumgart (rechts) führt ein Cafe, das zum unverzichtbaren Treffpunkt für die Szene wurde
Bild: Opfer der Zensur: die Künstlerin Dorota Nieznalska wurde für ihr Werk "Passion" (rechts) vor Gericht gestellt
